„Eva jenseits vom Paradies“ heißt auch ihr neuestes Buch, aus dem sie an diesem Abend liest. Zuvor aber zieht auf Gongschlag Dämmerung ein in den Kinosaal und hinter dem Vorhang erklingt ein Lied, das an Ufa-Zeiten erinnert: „Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück“ .
Eva-Maria Hagen erscheint vor der Leinwand und fragt ins Publikum: „Wissen Sie, wer da eben gesungen hat„“
Viele der Zuschauer wissen es: Das Lied, berühmt geworden durch Zarah Leander, stammt aus dem neuesten Album von Nina Hagen. Später am Abend ist sie im Defa-Film „Liebesfallen“ in ihrer ersten Filmrolle neben ihrer Mutter zu sehen. Nach seiner Uraufführung 1975 verschwand der Film sehr schnell von der Leinwand. Waren doch Nina Hagen und kurz darauf auch ihre Mutter nach ihrer Unterschrift gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann in den „Westen gegangen worden“ . Damals lebten sie schon nicht mehr mit dem Liedermacher zusammen.
Die Früchte vom Stamme Eva gehören zu den aus der Reihe tanzenden Homo sapiens, ist in Eva-Maria Hagens drittem Buch „Eva jenseits vom Paradies“ zu erfahren. Ihre Cousine behaupte, sie habe ihr sogar schon als Kind in den Arm gebissen, nur, weil sie unbedingt Schneewittchen spielen wollte.
Die 71-Jährige ist noch heute voller Spiellust: Derzeit gastiert sie im Musical „Cabaret“ als „Fräulein Schneider“ in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ .
Ihr erstes Buch hieß „Eva und der Wolf“ . Enthalten sind Tagebücher und der Briefwechsel mit Wolf Biermann, in einer Sprache, die ihr die Carl-Zuckmayer-Medaille einbrachte. „Evas schöne neue Welt“ nannte sie ihr zweites Buch, das sie, Rücksicht nehmend auf ihre Tochter Nina, noch nicht veröffentlicht hat, erzählt Eva-Maria Hagen im Gespräch mit Katharina Riedel vom Filmverband Brandenburg auf dem Podium. Überhaupt redet sie gern über ihre Tochter, ist auch der Stolz zu spüren auf ihre Enkelin Cosma Shiva Hagen, die, so kündigt ihre Großmutter in Cottbus an, morgen im ZDF-Dokudrama "Karol Wojtyla - Geheimnisse eines Papstes" zu sehen sein wird.
Nachdem sie also den Hagen-Frauen ihre Reverenz erwiesen hat, kann sie aus ihrem dritten Buch lesen, mit dem sie der „vaterlosen Generation“ ein Denkmal setzte. Im Sommer wird es als Taschenbuch erscheinen.
Sie blättert im Buch, liest sich fest, verwirrt sich in verwandtschaftlichen Verstrickungen, eilt, gejagt durch die Zeit, zwischen den Zeilen umher, verliert gelegentlich den Er-zählfluss. Und doch sind zwei ihrer Botschaften unmissverständlich: In einer Welt voller Kriege ist es ein zerbrechliches Glück, dass es in diesen Breitengraden keinen Krieg mehr gibt. Und: Wem zweimal im Leben die Wurzeln gekappt werden, gewinnt nur schwer wieder Boden.
Zwischendurch greift sie immer wieder zu ihrer Weißgerber-Gitarre, von denen keine wie die andere sei: „Habe mal den Himmel voller Gitarren hängen sehen“ , schwärmt die Schauspielerin, Sängerin, Malerin und Autorin. Und singt deutsche Volkslieder, denen sie viele Jahre misstraute. „Aber was wäre ich ohne die deutsche Poesie““ , sagt sie heute und besingt mit heiserer Stimme die Loreley, schiebt einen Gassenhauer nach, den sie einst Brecht vorgesungen hatte und seine sanft umwölkten „Erinnerungen an die Marie A.“ . Ihre Stimme lässt keine sentimentale Stimmung aufkommen. „Ich habe am Morgen noch geklungen wie ein durchlöcherter rostiger Eimer, aber ich wollte den fast 230 Zuschauern nicht absagen“ , entschuldigt sie sich für die Erkältung. Ganz erholt hat sie sich nicht.
Viele, die hier in den Kinoreihen sitzen und auf die alten Zeiten ein Gläschen Rotwein trinken, rechnen es ihr hoch an, dass sie dennoch da ist. „Das schönste Gesicht der DDR“ wurde sie einst genannt. Andere aber sind irritiert: „Sie erschien mir so unvorbereitet“ , erregt sich die 48-jährige Cottbuserin Annegret Sehnart. Auch andere wundern sich: „Sie hat improvisiert wie eine Schauspielschülerin“ , verliert sich eine Meinung im Kinodunkel, vehement überstimmt von einer Frauenstimme: „Ich fand es wunderschön.“ Die 65-jährige Monika Kalfirst hat Eva-Maria Hagen seit ihrem ersten Film nicht aus den Augen verloren, begeistert sich auch jetzt, während ihr Mann nach einem Autogramm ansteht.
Danny Berthold vom Filmtheater „Weltspiegel“ ist zufrieden: „Hier sind nicht nur gute Filme zu Hause, sondern entsteht ein multifunktionaler Veranstaltungsort“ , sagt der 30-Jährige, der mit dem Anbau zweier Säle noch flexibler sein will.
Vorerst aber wird die „Liebesfalle“ (ein)gelegt. Bernd Platter vom Filmverband hat dazu noch eine Episode auf Lager. Schauspieler Bruce Willis soll mal gesagt haben: „In Hollywood wird früh geheiratet. Geht die Trauung schief, kann es immer noch ein schöner Tag werden.“ Der Montagabend in Cottbus ist wunderschön. „Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht“ , sagt eine Besucherin nach dem Film.
Kino ist Illusion. Und versöhnt auch manchmal mit der Wirklichkeit.
Am 19. April ab 20 Uhr gibt es im „Weltspiegel“ Quatsch-Comedy.