Obwohl kein Mensch unverwundbar ist, spielt der inzwischen 48-Jährige mit dieser Idee - und trifft damit den Nerv seines Publikums, das die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Cottbuser Stadthalle belagert. Und damit zeigt: Schlager und Matthias Reim, der 1990 mit „Verdammt, ich lieb dich“ über Nacht zum Star wurde, sind keineswegs verstaubt. Schlaksige Teenies haben es sich neben Oma und Opa genauso gemütlich gemacht wie aufgestylte Freundinnen neben Fanclubs, die schon vor dem Auftritt „Matze“ -Sprechchöre bilden.
Als dieser dann in einer fulminanten Lichtshow mit seiner Band auf der Bühne erscheint und die ersten Töne seines Hits „Hallo, ich möcht' gern wissen, wie's dir geht“ anstimmt, tobt die Stadthalle und ist textsicher ab der ersten Zeile. „Matze“ , getreu seinem Image cool in T-Shirt, Jeans und Hemd gewandet, freut sich wie ein kleiner Junge - besonders darüber, dass seine neue Tournee in der Lausitz startet wie schon vor vier Jahren. Denn hierher fühlt er sich verbunden, war doch sein Vater in Cottbus aufgewachsen. Es ist das erste Konzert seit Langem, weshalb er sich schon vorher für eventuelle schiefe Töne entschuldigt.
Doch das ist es, wofür ihm seine Fans „Du bist der Größte“ -Plakate unter die Nase halten: dass er sich als der Kumpel von nebenan gibt, mit ungestelzter Sprache und alltäglichen Problemen, die ihn nach seinem Karriere-Höhenflug in den 90er-Jahren beinahe selbst Kopf und Kragen gekostet hätten. Schuldenberge, drei Ehen, vier Kinder - doch „Matze“ hat sich und seine Reibeisenstimme zum zweiten Karrierefrühling aufgeschwungen und ist seit einigen Jahren wieder im Geschäft. Sein „Unverwundbar“ -Album war vor Kurzem gar für den Echo nominiert worden.
Und auch in Cottbus steht nach dem dritten Song fast die ganze Stadthalle, überreicht Blumen und feiert vor allem die älteren Titel. Ob Schmachtfetzen, rockige Nummern oder stark schlagerartig angehauchte Stücke - in sämtlichen Liedern handelt Matthias Reim nicht viel mehr als das eine Thema in all seinen Fassetten ab: die Liebe mit ihren verschiedensten Erscheinungsformen. Er singt von zu lang gedauerten Blicken, verpassten Gelegenheiten, nachgeweinten Tränen und steht auffällig oft am Bahnsteig, um sich zu verabschieden. Er ist ein Selbstdarsteller, der alles so zu meinen scheint, wie er es sagt. Und der seinem Ruf, den Fans, die nach der Pause bis an die Bühne dürfen, besonders nahe zu sein, alle Ehre macht.
Extra für die Männer, die auch in Cottbus sowieso schon zur Fangemeinde gehören, hat er den neuen Titel „Männer sind Krieger“ geschrieben. Auch andere Songs, die auf das neue Album sollen, spielt er zum Test vor. Die bekannten lösen Feuerzeugstimmung aus, wie der große DDR-Klassiker von Karussell „Als ich fortging“ oder das Duett „(Vergiss es) Forget it“ , das er mit Bonnie Tyler aufgenommen hat und jetzt mit seiner Background-Sängerin präsentiert.
Mit „Ich hab geträumt von dir“ verabschiedet er sich das erste Mal vom Publikum, das aber noch seinen größten Hit hören will. Er braucht beinahe gar nicht mitsingen, so laut intoniert die Stadthalle „Verdammt, ich lieb dich“ . Obwohl 16 Jahre alt, klingt es beinahe noch wie damals, auch dank der guten Arbeit der Band.
Und das Publikum hat vor Begeisterung sogar die Stühle als Standfläche in Beschlag genommen. Er will wiederkommen, verspricht „Matze“ und mancher mag hoffen, dass er das nicht nur so sagt angesichts seines vorletzten Titels „Dabei bin ich nur ein Träumer und nicht mehr“ .