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Ur-Urgroßneffe von Fürst Pückler: „Fürst Pückler hätte sich über ,Utopia' köstlich amüsiert“

Der Fürst in misslicher Lage: Szene aus „Pücklers Utopia“ mit Sigrun Fischer (Geliebte), Roland Renner (Pückler), Hanna Petkoff (Mutter), Jan Hasenfuß (Geliebter) und Berndt Stichler (Vater, von unten). Foto: Marlies Kross
Der Fürst in misslicher Lage: Szene aus „Pücklers Utopia“ mit Sigrun Fischer (Geliebte), Roland Renner (Pückler), Hanna Petkoff (Mutter), Jan Hasenfuß (Geliebter) und Berndt Stichler (Vater, von unten). Foto: Marlies Kross FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Eine nackte Sopranistin und eine ebenfalls unbekleidete, zudem hochschwangere Tänzerin sorgten bei der Premiere des Theaterstücks „Utopia“ bei einigen Zuschauern für Kopfschütteln. Der Cottbuser SPD-Stadtverordnete Denis Kettlitz forderte, Staatstheater-Intendant Martin Schüler und Regisseur Johann Kresnik zum Kulturausschuss einzuladen: Schüler und René Serge Mund, Geschäftsführender Direktor, sind dort am heutigen Donnerstag tatsächlich zu Gast. Die RUNDSCHAU sprach dazu mit Lothar-Siegfried Hehr, Ur-Urgroßneffe von Pückler und Unternehmer in Berlin-Adlershof. Mit Lothar-Siegfried Hehr sprach Michael Schulz

Herr Hehr, Sie sind der Ur-Urgroßneffe von Fürst Pückler und waren bei der Premiere des Theaterstückes “Utopia„ am Cottbuser Staatstheater mit dabei. Was war Ihr erster Eindruck?

Ich war zunächst etwas irritiert. Da es keine Pause gab, die ein Fernbleiben vom zweiten Teil ermöglicht hätte, musste ich bis zum Schluss bleiben - aber ich hatte meinen Spaß! Bloße Lobhudeleien des Fürsten Pückler gab es in der Vergangenheit bereits genug. Der lang anhaltende Applaus nach der Aufführung zeigte deutlich den Zuspruch des Publikums. Die Buh-Rufer konnten an einer Hand abgezählt werden.

Inwieweit erkannten Sie Fürst Pückler in dem Stück wieder?

Pückler im Jogginganzug zusammen mit nackten Frauen, denen er sich wollüstig hingibt - das ist natürlich alles stark überzeichnet. Aber es war doch von Anfang an klar, dass Johann Kresnik nicht die Absicht hatte, ein streng autobiografisches Stück zu inszenieren. Man wusste doch, wer da ans Theater geholt wurde. Kresnik wollte provozieren, und das ist ihm auch wieder eindrucksvoll gelungen.

Was, meinen Sie, hätte Ihr Vorfahre selbst von der Inszenierung gehalten?

Fürst Pückler hätte sich über “Utopia„ köstlich amüsiert.

Können Sie die negativen Reaktionen zum Stück verstehen, wie sie zum Beispiel von Pückler-Fördervereinschefin Heidemarie Konzack und SPD-Stadtverordnetem Denis Kettlitz kamen?

Als Nachfahre von Fürst Pückler sollte ich vielleicht besonders empört sein über seine angebliche Verunglimpfung. Jedoch das Gegenteil ist der Fall. “Kunst ist das Höchste und Edelste im Leben„ schrieb der Fürst einst in sein Tagebuch. Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch sagte in Bezug auf das Stück: “Die Kunst ist frei.„ Dem schließe ich mich ganz und gar an.

Es gab Forderungen, die Verantwortlichen zum Kulturausschuss einzuladen, was am heutigen Donnerstag auch in die Tat umgesetzt wird. . ..

Das hat für mich den Anstrich von Zensur. Es scheint, als könnten einige Cottbuser Verantwortliche nur schwer oder gar nicht mit solcher Kunst umgehen. Das zeigt, wie sehr auch 20 Jahre nach der Wende noch alte Denkstrukturen vorherrschen. Kunst ist ein hohes Gut in der Demokratie. Das scheint bei einigen der betroffenen Entscheidungsträger wohl noch nicht angekommen zu sein.

Überschatten die Diskussionen um “Utopia„ nicht komplett alle anderen Veranstaltungen zu Fürst Pücklers 225. Geburtstag?

Natürlich, doch nicht nur die. Die “Utopia„-Premiere war ja der Abschluss der Feierlichkeiten. Durch die aufgeheizten Diskussionen nach dem Stück gingen jedoch andere wichtige Ereignisse an dem Abend unter. So wurde von Ministerin Münch angeregt, erneut Anstrengungen zur Aufnahme von Park und Schloss Branitz in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste zu unternehmen. Ebenfalls wurde der von meinem Onkel Hermann Graf von Pückler ins Leben gerufene Pückler-Preis erstmals verliehen. Er ging an den Landeskonservator Detlef Karg, ohne dessen persönliches Engagement es Schloss und Park in heutiger Pracht nicht geben würde. Über diese beiden Punkte hätte ich mir viel lieber eine Diskussion in der breiten Öffentlichkeit gewünscht.Der Kulturausschuss tagt am heutigen Donnerstag im Besucherzentrum - Tagungsraum im Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz in Cottbus: Der öffentliche Teil beginnt um 17 Uhr, als drittes Thema ist die Diskussion über Pücklers “Utopia„ mit Intendant Martin Schüler und dem Geschäftsführenden Direktor René Serge Mund vom Staatstheater Cottbus geplant.