Es ist nicht der typische Wagner, der an diesem Abend durch die Festhalle donnert. Das Vorspiel zur Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" ist nicht düster und keine schwere Kost, sondern geht ins Ohr, wirkt handlich, nahezu populär. Das Cottbuser Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Evan Christ ehrt mit dem Eröffnungsstück noch einmal den 200. Geburtstag von Richard Wagner, eine zugleich polarisierende wie kritisierte, verehrte wie umstrittene Musikerpersönlichkeit. Von der ersten Sekunde an stürzt sich Evan Christ in das Vergnügen. Bläser dominieren den Auftakt, verspielte Querflöten verkörpern tänzerische Motive. Passend zum Chef am Pult: der Tänzer unter den jungen und dynamischen Dirigenten verausgabt sich innerhalb der ersten zehn Minuten. Ein Tempo, dass Christ unmöglich zwei Konzertstunden durchhalten kann. Und auch nicht durchhalten muss, sieht doch das Programm etwaige Ruhephasen vor.

Doch davon will das Orchester zunächst nichts wissen. Drei Leitmotive charakterisieren das in seiner klassischen Geschlossenheit einer konventionellen Opernouvertüre ähnelnde Vorspiel. Das festlich klingende, majestätische Meistersinger-Thema, wunderbar von den Fanfaren und schweren Bläsern herausgearbeitet. Das Liebesthema des Ritters Walther von Stolzing und seiner Eva. Und schließlich das Kunstthema, klar umrissen, spielerisch. Wagner verbindet am Ende der Ouvertüre alle Elemente mithilfe hochbarocker Polyphonie. Evan Christ dankt es ihm auf seine Art, indem er das feierliche und nach Auflösung schreiende Hauptthema zu einem energiegeladenen Schlusspunkt treibt.

Wagners Wesendonck-Lieder bringen die erhoffte Verschnaufpause für alle Protagonisten. Als Liedkomponist eher unbekannt, hatte Wagner aber eine Vorliebe dafür, die Frauen, die er liebte, mit einem Ständchen zu beehren. Wäre ihm die bezaubernde Mezzosopran-Sängerin des Abends, Marlene Lichtenberg, seiner Zeit über den Weg gelaufen, Mathilde Wesendonck als kunstbegeisterte Industriellen-Gattin hätte während Wagners Züricher Jahre wohl einpacken können. Lichtenberg artikuliert bei diesen musikalischen Vorstudien zu "Tristan und Isolde" erst sanft und zart, dann fordernd und tief bewegt. Ein kühner Liebesgesang, harmonisch durchschaubar. Bloß nicht an der falschen Stelle atmen, denkt sich der Zuhörer, als die Vortragende so leise wird, dass man eine Stecknadel fallen hören würde. Es gibt sicher größere Herausforderungen für einen Mezzosopran, doch passen die Wesendonck-Lieder und die Meistersinger zu einem an diesem Abend greifbaren, nachvollziehbaren Wagner.

Alles andere als greifbar ist die zeitgenössische Komposition "Mani" des Isländers Atli Ingolfsson, vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus im Dezember 2011 uraufgeführt. Hinter einem musikalischen Schleier, der wie Rauschen im Blätterwald anmutet, verbergen sich Einzeltöne, die sich im späteren Verlauf als Glocke herauskristallisieren. Es klingt, als sitzen schwer atmende Patienten auf der Bühne, die ihre dissonante Sprache zu einer diffusen Klangmasse verschmelzen lassen. Das Stück ist auf sich ständig in verschiedenen Varianten wiederholenden rhythmischen Figuren aufgebaut, ein melodischer Zusammenhang aber nicht erkennbar.

Muss auch nicht sein, denkt sich Evan Christ, und führt seine Mannschaft auf ein weiteres polyrhythmisches Schlachtfeld, das es nun 30 Minuten zu beackern gilt. Igor Strawinskys "Le sacre du printemps", vor 100 Jahren sehr umstritten uraufgeführt, stellt von der Handlung her ein Opferritual im heidnischen Russland dar.

Kompositionstechnisch ist das Ballett ein höchst artifizielles Werk. Extreme, archaische Musik. Der Komponist erprobt neue und unerhörte Formen von Polyrhythmik und Polytonalität. Die auf einfach wirkende Formeln reduzierte Melodie mit filigranen Passagen wird ausgeglichen durch die äußerst kunstvolle rhythmische Struktur und die besondere Orchestration, die weit über Strawinskys Vorbild Rimski-Korsakow hinausgeht. Das Extreme in der Musik lässt auch Evan Christ sein Publikum spüren. Eingangs noch als ruhiger Klagegesang vorgetäuscht, brechen die Bläser in für das Ohr unangenehme Tonhöhen aus. Schwerfällige Lagen zeugen von einer Dramatik, die an die Filmmusik von "Der Weiße Hai" erinnert. Unheildrohend schwebt das Todestanz-Motiv vor der Opfergabe in der Festhalle. Ein Staccato an Blechbläser- und Trommeleinschlägen prasselt auf den Zuhörer nieder. Stampfend und behäbig arbeiten sich die Cellisten an der "Anbetung der Erde" ab. Die Flöten haben Mühe, bei dem mystischen Klangteppich nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Christ, inzwischen Hochleistungssportler am Pult, verzerrt ins Surreale, wahnwitzig und martialisch zugleich. Ein schwereloses Mittelstück bringt etwas Luft zum Atmen, doch die Streicher nehmen alsbald wieder Fahrt auf und konkurrieren mit den Bläsern und dem Trommler um die besten Plätze im arhythmischen Tollhaus. Die brodelnde Klangmasse wabert, inzwischen geschwängert von einer explosiven Mischung, zu deren Vervollständigung auch noch das Becken eine tragende Rolle übernehmen darf. Auffallend sind die ständig fallenden Halbtonsprünge. Fast überraschend entlädt sich das Teufelsgemisch in einem einzigen, furiosen Schlussakkord, der wie eine Naturgewalt über den Zuhörer niederbricht. Stehende Ovationen für Christ und seinen fulminanten Klangkörper. Der Meister hat gesprochen.