Um daran etwas zu ändern, beschloss die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco) Ende 1999, der Dichtkunst einen eigenen Tag zu widmen: Den Internationalen Tag der Poesie. Heute wird er zum 8. Mal begangen, mit Lesungen, Vorträgen und Aufführungen.
Von Anfang an dabei war die Literaturwerkstatt Berlin. Die Idee für den Welttag komme ursprünglich aus Marokko und gehe auf den Lyriker und Leiter des dortigen Poesiezentrums Mohammed Bennis zurück, sagt der Berliner Werkstattdirektor Thomas Wohlfahrt. Schließlich sei nach langer Debatte ein Internationaler Welttag der Poesie aus der Taufe gehoben worden. "Das deutsche Feuilleton kam anfangs damit ein bisschen schwer klar. Was sollte das, noch ein Welttag der Poesie zum schon bestehenden Welttag des Buches, fragten sich viele", berichtet Wohlfahrt.
Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels machen Lyrikbände nur knapp 2,3 Prozent in der Abteilung Belletristik aus. Der Verkauf nehme seit ein paar Jahren ab.
Der stellvertretende Generalsekretär und Sprecher der deutschen Unesco-Kommission, Dieter Offenhäußer, erklärt: "Lyrik hat momentan einen schweren Stand auf dem internationalen Buchmarkt, es ist einfacher, für einen Roman oder für eine aus dem Leben gegriffene Geschichte einen Käufer zu finden als für Gedichtbände." Andererseits aber bringe Poesie Sprache so auf den Punkt wie kein anderes Genre der Literatur. Es gebe so etwas wie ein menschliches Urbedürfnis, intensive subjektive Erkenntnisse in Sprache zu fassen und sie dabei über den Moment hinaus als Kunstwerk zu modellieren, sagt er.
"Gedichte sind Texte, die gehört werden wollen", heißt es in der Ankündigung der Literaturwerkstatt Berlin für die Veranstaltung "Poetische Zone" zum diesjährigen Welttag der Poesie.
Thomas Wohlfahrt setzt vor allem auf die Lesungen, bei denen die Stimme, "das Instrument des Dichters", zurückkomme zum Text. Poesie ist für ihn ein kreativer Prozess, der "Weltversatzstücke zueinander bringt" und eine neue Welt schafft. Was das Gedicht zum Gedicht mache, sagt er, sei auch das, woraus es gemacht sei: "Klanglinien und Rhythmuslinien, die zur Musik und zum Tanz führen - von da kommt es ja auch, aus diesen kultischen Zusammenhängen."