Da sie mit ihrem Mann fünf Kinder großgezogen hat und sich die Eheleute über neun Enkel freuen, könnte das auch eine schöne Familiengeschichte sein, wie sie heute selten ist und noch seltener werden wird. Oder in einer gebeutelten Region eine beispielhafte Heimatgeschichte: In der Lausitz geboren, ist Waltraut Skoddow dieser bis heute treu geblieben.
Aber muss man die Geschichten denn voneinander trennen„ Bücher und Erzähltes sind das Band, das sie vereint. Von ihrer Mutter wird sie vor allem Geschichten gehört haben, die in der Bibel ihre Wurzel haben. Ihre kirchliche Prägung hat sie von ihr erhalten. Den Vater hat sie nur einmal gesehen. Dann musste er in den Krieg, aus dem es für ihn keine Wiederkehr gab.
In der Kindheit hat sie viel gelesen, Bücher über Bücher. Was drin stand, regte sie an. Sie ahnte bald, dass alles, was sie umgab, in Zusammenhang und nichts still stand. Die Dinge entwickelten ihr Eigenleben, bekamen Atem, begannen, sich zu bewegen. Wurden zu Geschichten über alles, was das Mädchen Waltraut bewegt. Ist es ein Wunder, dass sie Bibliothekarin wurde“ Eine Anwältin für Bücher, und was in ihnen steht, wollte sie sein.
Ihre Kinder sind zwischen hohen Bücherregalen aufgewachsen. Und mit Geschichten und Geschichte. Denn schon stets war für die Mutter alles, was man sehen, denken und schreiben kann, mit Gewesenem verbunden. Für alles, was heute geschieht, gibt es einen Grund in der Vergangenheit. So nahe beieinander sind Geschichte und Geschichten. Die Schriftstellerin sucht beide in der Lausitz, in deren Chroniken, Kirchenbüchern, Märchen, Sagen, Legenden, Volksliedern.
Als ihre Kinder aus dem Haus waren, begann sie zu schreiben. Ein bisschen ähnelt das Archäologie. Wie sich der Ausgräber an Scherben erfreut und diese in Gedanken zu einer Amphore oder einer Vase ergänzt, liest sie aus einer Urkunde oder einer Eintragung Lebensumstände und Zeitzeichen ab. Sie braucht diese Relikte von Gewesenem und Vergangenem. Das macht ihre Bücher so authentisch. Immer ist da ein Netz oder ein Gespinst von wirklich gelebtem Leben. Die Zwischenräume von nicht Überliefertem oder Unbekanntem oder ihr nicht Bewusstem füllt sie mit ihrer Fantasie auf.
Ihr erstes Hörspiel „Arnost zieht aus“ (1982) schildert die letzten Nächte von Menschen in ihrem Heimatdorf, bevor sie dieses wegen der herannahenden Kohlebagger verlassen müssen. Eine Thematik, die in den vergangenen Tagen eine neue Realität gewonnen hat.
Der erste Roman „Ein Mann fürs Leben“ (1988) erzählt von einer alleinstehenden Frau, die im großen Kombinat arbeitet, um ihre Kinder versorgen zu können, immer etwas aufmüpfig ist und ihren Sinn im Leben sucht. Das Erzählmaterial ist dem Leben einer Freundin entlehnt, aber auch von den eigenen Lebensvorstellungen geprägt.
Mit „Prinz Friedrich August von Sachsen, genannt Lehmann“ (2000) hat Waltraut Skoddow erstmals einen historischen Stoff gewählt: 1784 entledigen sich die Wettiner eines kränklichen Prinzen, indem sie ihn in Spremberg gegen ein gesundes Mädchen eintauschen. Der eigentliche Prinz lebte als Gottfried Lehmann ein ärmliches Leben, allerdings wohlgeborgen. Die Reste eines Grabkreuzes und ein Taufanzüglein erinnern an die prinzliche Existenz. „Es war Gras über die Geschichte und Efeu über das Grab gewachsen“ , heißt es am Ende des Romans. Doch vergessen war Lehmann nicht. Eine Wissender legt einen Kranz an seinem Grab ab. Und noch weniger vergessen ist er, da es diesen Roman gibt.
Vor dem Vergessen-Werden bewahrt hat die Autorin auch den Großenhainer Eisenwarenhändler Erich Täufer, der 1945 ohne Angabe von Gründen von den Besatzern in einem sowjetischen „Speziallager“ interniert wurde. Grundlage für die Rekonstruktion seines Martyriums in dem romanartigen Tatsachenbericht „Zu keinem ein Wort“ (1999) waren unter anderen 22 Kassiber des findigen Gefangenen. Dieses Menschenschicksal und was anderen Gestalten dieses Buch widerfährt, führt sie zu der bangen Frage: „Was ist das, so ein Menschenleben?“
Auf besondere Weise tangiert ihr späterer Mobbing-Roman (2005) diese Frage. Sein Titel „Das überleben Sie nicht!“ klingt wie eine finstere Drohung aus dem „Speziallager“ . Wer richtig gemobbt wird, mag sich auch wie ein Gefangener dort fühlen. Das Maß für den Wert eines Menschenlebens setzt, wer mobbt, erschreckend niedrig an.
Natürlich schreibt Waltraut Skoddow weiter, sitzt an einem neuen interessanten Romanprojekt. Räumt wieder das Gras und den Efeu des Vergessens beiseite, um einen neuen Blick auf einen Dichter zu werfen, der in der Lausitz verwurzelt ist.