Wenn der Fabrikant Joe Keller morgens mit der Kaffeetasse in der Hand auf der Veranda steht, scheint alles in idyllischer Ordnung. Sein gepflegtes Haus: ein Schmuckstück, der Garten groß und gepflegt, entspannt sucht Joe einem zwitschernden Vogel zu antworten.

Schnell aber wird deutlich, unter der Idylle brodeln ein Geheimnis und Probleme. Anders als Millers spätere gesellschaftskritische Stücke ist "Alle meine Söhne" noch arg konventionell gebaut. Als überdeutliches, psychologisch realistisches Aufdeckspiel bedient es das Publikum, statt es zu fordern. Schon der abgebrochene Zweig eines Apfelbaumes auf dem Rasen vorm Haus weist uns auf nichts weniger hin als auf den Fall einer Familie aus ihrem gesellschaftlichen und familiären Paradies.

Es geht um Lebenslügen, an denen eine Familie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zerbricht. Der Selfmademan Joe Keller hat während des Krieges wissentlich schadhafte Zylinderköpfe an die Air Force ausgeliefert. 21 Piloten sind deshalb tödlich abgestürzt. Joe schiebt mit einer Lüge die Schuld auf seinen allenfalls mitschuldigen Kompagnon. Nur dieser kommt ins Gefängnis, während Joe das Geschäft weiterführen kann. Joes Sohn Larry ist nicht aus dem Krieg heimgekehrt, aber seine Mutter will noch immer an seine Rückkehr glauben. Wenn Ann, die einstige Verlobte des Vermissten und Tochter des unschuldig Verurteilten, zu Besuch kommt, um sich mit Larrys Bruder, der mittlerweile Kompagnon in der Fabrik des Vaters ist, zu verheiraten, brechen die Konflikte auf und Joes Schuld wird offenbar.

Verborgene Beziehungen

Ein Stück wie eine Familienaufstellung, mit der verborgene Beziehungen aufgedeckt werden sollen, weshalb Regisseur Harald Fuhrmann auch mit seinen Darstellern zu Probenbeginn in einer solchen Beziehung aufzudecken suchte. Leider aber hat er mit der Wahl der Bühne des Großen Hauses für dieses Kammerspiel und durch ein Bühnenbild, das den weiten Rasen als Hauptspielfläche schräg hinunter vor das Publikum führt, die gesamte Aufführung zu einer Aufstellung gemacht.

Hier wird weniger gespielt als präsentiert. Da die Darsteller oft frontal an der Rampe stehen, wenden sie sich mehr ans Publikum als oft nur halbschräg zueinander. Diese Spielweise schafft in einer Inszenierung, in der jede Szene wie ein gestanztes Standbild wirkt, bei aller individuellen Schauspielerbeweglichkeit doch eine allgemeine Starrheit des Spiels. Zwar sind die Figuren psychologisch realistisch genau gezeichnet, doch die Spielweise macht sie zu Bedeutungsträgern. Das bringt sie uns nicht nahe, auch weil wir ihre Funktionen in den familiären Verdrängungsmechanismen immer sofort verstehen. (Roger Vontobel hat vor anderthalb Jahren an den Kammerspielen des Deutschen Theaters bei seiner Version des Stückes das Publikum auf der Hinterbühne dicht um das Rasenspiel gesetzt.)

Das Stück ist so schlicht wie handwerklich gut gemacht. Es läuft wie ein Uhrwerk ab, und wir erfahren dauernd, was wir längst zu wissen glauben. Hier ein falscher Satz, dort ein alter Brief, und schließlich ist die Schuld von Joe Keller völlig offenbar. Wer ist schuldig und wie viel, fragt das Stück. Schon der, der Ahnungen aus Bequemlichkeit verdrängt? Oder nur der, der lügt und den ökonomischen Erfolg über die Moral stellt?

Einverständnis und Elan

Man kann dieses Stück mit seiner Aufdecktechnik und seinen psychologischen Überdeutlichkeiten langweilig und schrecklich altmodisch finden. Doch man kann sich auch, wie Regisseur Fuhrmann und seine Schauspieler, mit viel Einverständnis und Elan zu ihm bekennen. Dann entsteht immerhin ein klares Demons-trationsspiel. Allerdings mit Entwicklungsfiguren, die sich nicht wirklich entwickeln. In Cottbus werden sie gelegentlich akustisch von dräuenden Dunkeltönen untermalt. Rolf-Jürgen Gebert beeindruckt als Joe als ein von sich überzeugter und in sich ruhender Erfolgsmensch, während ihm der allmähliche emotionale Absturz nicht ganz so beeindruckend gelingt. Sigrun Fischer, die als seine Frau Kate durch die Haarmode der Zeit zur spießigen Familienmutter verunstaltet ist, verwechselt leider mimische Expressivität mit Intensität. Wenn sie vom Selbstmord ihres Sohnes Larry erfährt, tobt sie sich in eine Art Verzweiflungsekstase, unter der nicht nur die Gartensträucher leiden müssen.

Ganz anders, sehr konzentriert und überzeugend ruhig gibt Johanna Emil Fülle die junge Ann. Ansonsten werden, meist durchaus souverän, Figuren entwickelt, die nicht Brüche zeigen, sondern Begründungen liefern. Also wird jede vom Autor erklärte menschliche Regung von den Schauspielern mimisch-gestisch nachgemalt.

Und dass der heile Lebensraum der Familie ein Konstrukt ist, zeigt das Bühnenbild überdeutlich. Es wird immer mehr abgebaut, bis zum Schluss nur noch ein kleines Stück des Gartens als einstiger Insel der Ruhe und falschen Seligkeit, aber auch der Lügen, übrig ist. Hier stehen beim offenen Schluss, nachdem Joe sich erschossen hat, Chris und Ann. Beieinander und doch kein heiles Paar. Da haben wir am Schluss wenigstens noch etwas zum Nachdenken.