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Ungewohnte Bläserklänge und gewitzte Charaktere

Harmonierten toll miteinander: Tom Poulsen, Sebastiaan Kemner und Rubén Durá de Lamo (v.l.).
Harmonierten toll miteinander: Tom Poulsen, Sebastiaan Kemner und Rubén Durá de Lamo (v.l.). FOTO: Kross
Cottbus. Drei Preisträger des Internationalen Aeolus-Bläserwettbewerbs Düsseldorf von 2013 trumpften beim 7. Philharmonischen Konzert im Cottbuser Staatstheater groß auf: mit Trompete, Posaune und Tuba. Im Fokus standen zwei Uraufführungen, eingebettet in Werke von Dänemarks wohl berühmtesten Komponisten Carl Nielsen. Am Pult: Generalmusikdirektor Evan Christ. Deutschlandradio Kultur zeichnete live auf. Rüdiger Hofmann

Wie passend! Aeolus - der Gott der Winde - als Namensgeber für einen Musikwettbewerb der Bläser. Zum zehnten Jubiläum des Internationalen Aeolus-Bläserwettbewerbs hat die Brandenburgische Kulturstiftung zusammen mit der Sieghardt-Rometsch-Stiftung einen Kompositionsauftrag an Mike Svoboda vergeben. Die Uraufführung seines im vergangenen Jahr entstandenen "Triple Concerto für Trompete, Posaune, Tuba und Orchester" wurde nun beim 7. Philharmonischen Konzert im Staatstheater Cottbus präsentiert.

Legendärer Ruf

Solisten der Uraufführung: Tom Poulsen (Trompete), Sebastiaan Kemner (Posaune) und Rubén Durá de Lamo (Tuba). Der in Chicago aufgewachsene Mike Svoboda scheint als Komponist für einen Auftrag dieser ungewöhnlichen Besetzung wie geschaffen, genießt er doch selber legendären Ruhm als Posaunist und hat bisher mehr als 400 Werke zur Uraufführung gebracht. Das Publikum lauschte verblüfft - ob der ungewohnten, ja bisher unerhörten Klänge aus der Welt der Bläser. Das so anspruchsvolle und unterhaltsame Triple-Konzert widersetzt sich einer eindeutigen Zuordnung zu bestimmten Tendenzen der Neuen Musik. Strukturelle Klarheit und Stringenz schließen improvisatorische Spontanität nicht aus.

Der Spanier Rubén Durá de Lamo an der Tuba überzeugt mit kunstvollem Spiel, entspannt und immer mit einem Lächeln im Gesicht vorgetragen; der niederländische Posaunist Sebastiaan Kemner - seit 2012 nach Abschluss seines Bachelorstudiums mit Auszeichnung in die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker aufgenommen - setzt gedämpfte, aber weiche Töne mit technischer Präzision gegenüber, während der Brite Tom Poulsen alle Klangvariationen seiner Trompete - angefangen von einem weichen und leisen Ton bis zu lauten und hohen Lagen - aufzeigt und mitunter scharfkantig agiert. Das Mittelstück des Konzerts ist breit und rauschend und wirkt in Teilen grotesk. Vom Klangbild her entwickelt sich das Geräusch eines quakenden Frosches. Schrille Pfeiftöne des Orchesters lassen aufhorchen. Alle drei Bläser bestechen durch ungewöhnliche Blastechnik, auch unter dem Einsatz von Dämpfern in Schalltrichterform. Teilweise werden die Töne nur gehaucht, ohne einen wirklich klar zu verortenden Klang zu erzeugen. Den Solisten werden experimentelle Spieltechniken abverlangt, sie brillieren in konzertierenden Momenten im Dialog mit den unterschiedlichen Gruppen des Orchesters, vor allem mit den Schlagzeugern.

Hintergründiges Spiel

Eine Theatralik entsteht, in der alle Protagonisten ein hintergründiges, geistreiches, aber auch skurriles Spiel präsentieren, das in ein kraftvolles Finale mündet. Der ungewöhnliche Bläserauftritt endet mit der eingängigen Zugabe "Lieder ohne Worte" vor einem faszinierten Publikum.

Die zweite Uraufführung des Abends - "Wechselströme" - stammt aus der Feder des zypriotischen Komponisten Vassos Nicolaou. Im Zentrum stehen breite Tonfolgen und ein vom gesamten Orchester gut akzentuierter, weitläufiger Klangteppich. Erkennbare Melodien überlappen sich, akustische Vorhänge verschleiern, zarte Streicherklänge geben rhythmischen Halt. Das kurze Stück wird präzise vorgetragen und bettet sich solide ein in den gesteckten musikalischen Rahmen des Abends, der auch wieder im Zeichen eines bestimmten Komponisten steht. Dirigent Evan Christ widmet sich beim 7. Philharmonischen Konzert einem Nordlicht: Dänemarks wohl berühmtestem Komponisten Carl Nielsen (1865 - 1931).

Obwohl hierzulande recht unbekannt, gilt die "Maskerade" in Dänemark als heimliche Nationaloper, zu der das Cottbuser Orchester die Ouvertüre präsentiert. Nielsen stammte aus ärmlichen Verhältnissen, was sich auch im Thema der Maskerade und im Konflikt zwischen Arm und Reich widerspiegelt. Musikalisch kommt das Werk auf eher leichten Füßen daher: ein bisschen Mozart und Rossini, gewürzt mit dänischer Folklore und romantischen Harmonien. 1906 uraufgeführt, steht es außerhalb von Skandinavien kaum auf dem Spielplan. Dazu trägt auch die wacklige Dramaturgie bei: Im dritten Akt, beim Maskenball, kommt die Handlung zum völligen Stillstand. Es fehlt ein dramatischer Höhepunkt. Generell bewegen sich Nielsens Kompositionen zwischen dramatischen und hochromantischen Momenten. Harmonisch oft am Rande der Tonalität, rhythmisch zuweilen vertrackt, und dennoch melodisch klar - so kann Nielsens Werk, wenn auch unvollständig, umrissen werden.

Nielsens zweite Sinfonie "Die vier Temperamente", 1901/02 entstanden, 1903 in Kopenhagen uraufgeführt, wird am Staatstheater zum Höhepunkt nach der Pause. Während des Urlaubs angeregt durch einen Holzschnitt in einer Bar in Neuseeland, auf dem vier Karikaturen abgebildet sind, setzt Nielsen mit dieser Sinfonie die vier Persönlichkeiten eines Menschen als gewitzte Charakterstudie musikalisch in Szene.

Temperamentvolles Finale

Im ersten Satz symbolisieren die aggressiven Paukenschläge den "Choleriker", aufbrausend und ausladend vorgetragen. Der zweite Satz tritt auf der Stelle, typisch für den "Phlegmatiker". Die kurzen Phrasen (staccato) zeugen bildlich von der Unlust eines trägen jungen Mannes zu jeglicher Aktivität. Der dritte Satz steht für den "Melancholiker", ein Satz voll innerer Ruhe, der aufgrund des Wechsels zwischen düster-melancholischen Momenten des Fagotts und hellen Klangfarben der Flöten und Streicher zu Gänsehautatmosphäre führt. Hitzig und emotional dann der Abschluss: Der vierte Satz der Sinfonie charakterisiert den "Sanguiniker", tänzerisch und spielerisch präsentiert. Nur kurz wird der Überschwang durch Mollpassagen getrübt. Das temperamentvolle Finale eines vielseitigen Konzerterlebnisses.