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Unerhörte Klänge in der Stadt

Rolf Kühn (l.) hat zum ersten Mal in der Jazzwerkstatt Peitz gespielt – und das zu seiner wie zur Freude der Zuhörer.
Rolf Kühn (l.) hat zum ersten Mal in der Jazzwerkstatt Peitz gespielt – und das zu seiner wie zur Freude der Zuhörer. FOTO: Ingrid Hoberg
Peitz. "Es ist schön, die Familie wiederzusehen", stellt Thomas Krüger im Eisenhütten- und Fischereimuseum Peitz fest. Der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung hält nicht nur die Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung "Woodstock am Karpfenteich – Free Jazz in der DDR". Ingrid Hoberg

Er kennt das Festival aus den 70er- und 80er-Jahren - und er ist seit der Wiederaufnahme im Jahr 2011 durch Ulli Blobel wieder gern in Peitz dabei.

Wie bei Familientreffen üblich, gibt es Neues zu hören, aber auch bekannte Gesichter machen den besonderen Reiz des Wiedersehens aus. Und so stellte Ulli Blobel für die Jazzwerkstatt Peitz 54 ein Programm zusammen, das beides traf - wie die gute Resonanz am Ende des dreitägigen Festivals bewies. Er bekennt: "Es ist jedes Mal die Frage - auf Bewährtes setzen oder Neues wagen?"

Aber was heißt schon "Bewährtes", wenn es um Free Jazz, um freie Improvisation geht? Ist es Bewährtes, wenn Rolf Kühn (87) auf der Bühne in der Stüler Kirche steht und sich freut, zum ersten Mal in Peitz dabei zu sein? "Gut Ding will Weile haben", sagt er mit einem Lächeln. Er ist mit Unit gekommen, mit Christian Lillinger (33), Ronny Graupe (38) und Johannes Fink (53) also ein Treffen der Generationen. Kühn ist Gewinner des Jazz-Echo 2016 als Instrumentalist. Er spielte in Amerika im Orchester von Benny Goodmann und bei Tommy Dorsey, mit Chet Baker, Coleman Hawkins. Er kehrte nach Deutschland zurück, arbeitete mit Albert Mangelsdorff (Posaune), mit seinem Bruder Joachim Kühn (Piano). Die Neugier auf einen immer wieder offenen musikalischen Weg ist bei Rolf Kühn im Zusammenspiel mit den "jungen Wilden" zu spüren.

Wie amerikanische und europäische Jazztraditionen und kompositorische Auffassungen ineinandergreifen können, das zeigt Anthony Braxton (Saxofon). Der Mulit-Instrumentalist spielt mehr als eine Stunde zum Auftakt des Festivals und ist für manchen der Hauptgrund, in Peitz dabei zu sein. Braxton musiziert, als gehe es darum, sich aus Raum und Zeit zu beamen. Das schafft er fast - doch das Jazz-Fest nimmt seinen Lauf mit "Vor der Mauer, nach der Mauer". Ebenfalls eine Kollaboration der Generationen mit den DDR-Jazz-Urgesteinen Baby Sommer und Friedhelm Schönfeld und den jungen Musikerinnen Walburga Walde und Julia Kadel.

Unvergleichliches erleben die Festivalbesucher in der Malzhausbastei zu mitternächtlicher Zeit am Freitag mit Phil Minton und Carl Ludwig Hübsch. Im Grunde spielen beide ein Blasinstrument - Hübsch die Tuba, Minton die Trompete - ach nein, das war einmal. Der Brite bringt als Vokalist Sounds zu Gehör, die voller Extase und Geräusche sind, die ansonsten kaum im Konzertraum zu vernehmen sind.

Die Malzhausbastei und die Festungsscheune erweisen sich am Samstag und Sonntagmittag als wahrer Hort des Peitzer Free-Jazz-Feelings. Das Ort Workshop Ensemble Wuppertal spielt unter einer Zeichnung von Peter Kowald (1944 - 2002) und lässt der freien Improvisation in seinem Sinne den Lauf. Er prägte die Szene in Ost und West. Saxophone Summit lässt das Festival freejazzig ausklingen.

Es lassen sich nicht alle am Festival beteiligten Musiker aufzählen (mehr unter www.jazzwerkstatt.eu ), doch alle haben mit ihrer Spielfreude in diesen drei Tage die Zuhörer auf den Schwingen des Jazz mitgenommen. Das muss nun für manchen Zuhörer bis zur nächsten Peitzer Werkstatt, der 55. Auflage, reichen. Es kann der Termin 8. bis 10. Juni 2018 vorgemerkt werden, wie Ulli Blobel informiert.

Weitere Fotos zum Festival unter:

www.lr-online.de/bilder

Zum Thema:
Ulli Blobel bereitet die 55. Jazzwerkstatt Peitz vor. Gleichzeitig sind weitere Projekte geplant: So wird es im kommenden Jahr im Kunstmuseum Bochum ein Festival geben unter dem Motto "Peitz im Westen". Blobel will dort seinem Konzept treu bleiben und nach eigenen Ambitionen das Programm gestalten. Dass dabei Neuerungen auch ihren Platz finden können, hat sich bei der Jazzwerkstatt Peitz 54 bewiesen. Das Klassik-Konzert mit Kolja Blacher und Özgür Aydin hat bei Festivalbesuchern wie weiteren Gästen einen tollen Zuspruch gefunden.