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| 09:57 Uhr

Analyse
Umstrittene Mahlgemeinschaft

Düsseldorf. Die Kardinäle Rainer Maria Woelki und Reinhard Marx treten zunehmend als Widersacher in Erscheinung. Auch die jüngste Auseinandersetzung über das gemeinsame Abendmahl für konfessionsverschiedene Ehepaare ist ein Beleg. Lothar Schröder

Bisweilen scheint die katholische Kirche von den Debatten, die sie entfacht, selbst überrascht zu sein. Und so herrscht nur einen Tag nach den Aufregungen über einen Brandbrief, den sieben deutsche Bischöfe nach Rom geschickt hatten (wir berichteten), weitgehend sprachlose Ruhe. Die Beteiligten sind im Urlaub, in der Ukraine und im Nordirak unterwegs, andere enthalten sich der Stimme und verweisen auf die Fortgereisten.

Dabei ist nicht wenig geschehen: Nachdem die deutsche Bischofskonferenz Mitte Februar mehrheitlich eine Handreichung über das gemeinsame Abendmahl für konfessionsverschiedene Paare auf den Weg gebracht hatte, baten sieben Bischöfe nachträglich um eine Klärung dieser Frage in Rom. Das geschah federführend durch den Kölner Erzbischof, Rainer Maria Woelki, und vorbei am Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx. Dieser reagierte mit einem Antwortschreiben - nicht nach Rom, sondern an die Mitglieder der Bischofskonferenz.

Marx und Woelki gelten nicht erst seit dieser Korrespondenz als Antipoden. Wobei die Grenzverläufe zwischen beiden Kardinälen einer Zickzack-Linie ähneln. In der Flüchtlingsfrage ist Woelki immens engagiert und - wenn man Politik-Koordinaten bemüht - links von Marx wiederzufinden, in der Ökumene zeigt sich der Kölner Erzbischof dogmatischer als sein Amtsbruder aus München. Diese Gegenpositionen haben mit dem Brief nach Rom an Kontur gewonnen.

Der Sonderweg der sieben Bischöfe wird nun mit dem Agieren Kardinal Meisners (1933-2017) verglichen, der Rom 1999 davon überzeugte, dass die katholische Kirche im staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung nichts zu suchen habe. Die deutsche Bischofskonferenz unter dem damaligen Vorsitz von Kardinal Lehmann (1936-2018) hatte zuvor anders entschieden. Der Vergleich hinkt. Weil Meisners Intervention ein Alleingang gewesen ist und kein Schreiben die Grundlage war, sondern ein persönlicher Besuch bei Papst Johannes Paul II.

Dennoch gibt es eine Parallele - nämlich in jenem Protestbrief, mit dem der Ruheständler Meisner sowie drei weitere Kardinäle gegen das Apostolische Schreiben "Amoris laetita" aufbegehrten und um Klarstellung baten. Darin hatte Papst Franziskus den Ortskirchen pastorale Spielräume beim Kommunionsempfang unter anderem für wiederverheiratete Geschiedene gewährt. Es geht in dieser Frage um das Wesen des Sakraments, also um das, was die katholische Kirche ausmacht. Schon 1993 hatten die Bischöfe Lehmann und Kasper versucht, über den Zugang zur Eucharistie neu nachzudenken - und waren damit krachend gescheitert.

Ein neuer Papst und eine neue Bereitschaft, alte Fragen wieder zu bedenken, lässt manche Bischöfe erneut zweifeln. Der aktuelle Protest Kardinal Woelkis - und als solcher muss die Anfrage an Rom verstanden werden - gehört zu dieser Atmosphäre der Besorgnis. Tatsächlich überraschen konnte das Schreiben nicht. Bereits im vergangenen Jahr des Reformationsjubiläums warnte der Kölner Erzbischof vor allzu großer Einheits-Glückseligkeit und mahnte in einem viel diskutierten Beitrag "Ehrlichkeit in der Ökumene" an.

Dazu gehört auch sein Hinweis, dass eine gegenseitige Einladung zum Abendmahl unehrlich sei. Woelki fordert ein gemeinsames Bekenntnis als Voraussetzung. Zumal sich für ihn bei der sogenannten eucharistischen Gastfreundschaft die Frage stellt, wer eigentlich zum Abendmahl einlade: Ist es dann wirklich noch Christus, oder ist es nur die Konfessionsgemeinschaft? Dem gemeinsamen Mahl müssen darum erst Überzeugungen vorausgehen - für Papsttum und Lehramt, für die Bedeutung von Messopfer und Priestertum.

Der von der Bischofskonferenz in Fulda verabschiedete Entwurf einer Handreichung musste Woelkis grundsätzliche Ablehnung finden. Und so wählte er zur Klärung jetzt den postalischen Umweg nach Rom, der die Bischofskonferenz spalten könnte - und der aus aktueller Sicht nur wenig Aussichten auf Erfolg haben dürfte. Zwar haben die sieben Bischöfe unter anderem in Kurienkardinal Gerhard Müller einen vehementen Fürsprecher: "Wir Katholiken wollen die Sakramentalität der Kirche nicht aufgeben. Das wäre der größte Verrat an unserem Glaubensbekenntnis." Doch hat Kardinal Müller mit seiner Abberufung vom Amt der Präfekten der Glaubenskongregation an Einfluss im Vatikan deutlich eingebüßt. Vielmehr scheint die Handreichung den offenen Geist von Papst Franziskus zu atmen.

Wie auch immer über die Handreichung entschieden wird Das ökumenische Klima im Erzbistum Köln gilt seit geraumer Zeit als schwierig. So ist inzwischen der gemeinsame Religionsunterricht von katholischen und evangelischen Schülern in NRW möglich, nicht aber im Erzbistum. Dort will man am konfessionellen Religionsunterricht festhalten.