| 18:28 Uhr

Premiere
Das Geheimnis um die gerettete Zeit

Unterwegs, um die Zeitdiebe zu verjagen: David Kramer (Schildkröte ) und Ariadne Pabst (Momo).
Unterwegs, um die Zeitdiebe zu verjagen: David Kramer (Schildkröte ) und Ariadne Pabst (Momo). FOTO: Marlies Kross/ Theaterfotografin / Marlies Kross
Cottbus. „Momo“ nach Michael Ende feierte im Staatstheater Cottbus umjubelte Premiere. Kann man die Zeiger der Uhren still stehen lassen?

Niemand weiß genau, woher sie kommt, noch wie viel Sekunden, Stunden, Jahre sie schon auf dieser Welt ist. Auf einmal ist das Mädchen da. Mit ihrem wilden Lockenkopf und ihrem großen Herzen zieht Momo sogleich die Kinder auf dieser fantastisch-bunt umrahmten Bühne wie auf den Zuschauerplätzen auf ihre Seite. Und selbst Erwachsene schlagen mit ihr gern die Zeit tot. Nein, tot ist das falsche Wort. Denn ihre Zeit ist voller Leben. Bis merkwürdige Gestalten in grauen Anzügen auftauchen und vorrechnen: Zeit ist Geld.

Am Sonntag feierte „Momo“, ein Schauspiel-Märchen nach dem Roman von Michael Ende für alle ab sechs Premiere im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus.

Jörg Steinberg, noch vielen hier in guter Erinnerung als Regisseur der Fußballkomödie  „Besessen — Die Geschichte eines Fans“ hat eine Fassung geschrieben, die die kleinen Zuschauer regelrecht mitfiebern lässt, ihnen Spaß und magische, zuweilen mystische Momente bereitet, so als säßen sie in einem Puppentheater. Die Erwachsenen indes können darin nicht nur die Helden ihrer Kindheit wiederentdecken, sondern vor allem Gegenwärtigkeit und philosophische Tiefe, die auch Michaels Endes Roman zu einem Kunstwerk werden ließ, das seine Zeit überdauert.

Hochbrisante Fragen werden aufgeworfen: Ist kein Entrinnen vor dem Hamsterrad zwischen Arbeitsverdichtung und Selbstoptimierung möglich? Wie sich entschleunigen in der Hektik der modernen Zeit, der sich scheinbar niemand entziehen kann?

Ariadne Pabst gibt das Mädchen Momo so herzerfrischend natürlich, dass man es ihr unbedingt abnimmt, dass sie die Zeit zu retten imstande ist. Zu Recht auch mit besonders viel Beifall bedacht wird Gastschauspieler David Kramer, der vor allem der Schildkröte Kassiopeia einen grandiosen Auftritt als weise Eminenz der Langsamkeit verschafft. Susann Thiede verkörpert, umgeben von leuchtenden Zifferblättern, einen geheimnisumwobenen Meister Hora, Gastschauspielerin Maja Lehrer überzeugt als gehetze und hetzende Managerin, vor allem aber als hölzerne Puppe Bibigirl (Ähnlichkeiten mit einschlägigen Werbeikonen sind durchaus beabsichtigt). Maxim Agné, der in Cottbus erstmals in „Mamma Medea“ zu sehen war, zeigt Wandlungsfähigkeit als Fremdenführer Gigi. Rolf-Jürgen Gebert gibt einen liebenswerten Straßenkehrer Beppo, Kai Börner den getriebenen Gastwirt Nino, Henning Strübbe nicht nur den Friseur in der Krise, Michael von Bennigsen Momos Mauerfreund.

Spürbar gern schlüpfen die Darsteller auch immer wieder in die Rollen der Zeitdiebe, die genüsslich ihr teuflisches Spiel zelebrieren, bevor sie sich in Luft auflösen.

Insgesamt eine tolle Ensembleleistung, die begleitet wird von fantasievoller Kostümierung (Stephanie Dorn) und einer bemerkenswerten Bühnengestaltung von Tilo Steffens, der das Staatstheater in einen magischen Ort verwandelt.

Zu Recht gibt es am Ende übermütigen Jubel und Beifallsstürme. Sind tatsächlich schon zwei Stunden und zehn Minuten vergangen? Es gibt überwältigende Erlebnisse, da scheinen die Zeiger der Uhren tatsächlich still zu stehen.

Karten für die Familienvorstellungen am 6. Dezember, 19 Uhr; 9. Dezember, 18 Uhr, sowie am 21. und 26. Dezember., 11 Uhr, sind erhältlich im Besucherservice sowie online über www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 78242424.