Gleich am Anfang kann Annett Louisan das Publikum beruhigen – es drohe kein Mord oder Ähnliches mehr beim Betrachten von trauter Zweisamkeit, wie sie es in ihrem Lied „Pärchenallergie“ besingt. „Ihr könnt Euch entspannen, ich bin momentan verliebt“, haucht sie in ihrer mädchenhaften Art ins Mikrofon. Der Titel hatte offenbar gut ihre Gefühlslage nach der Trennung von Musiker Martin Gallop getroffen.

In kurzem schwarzen Kleid und hochhackigen roten Schuhen steht sie mit ihrem 1,50 Metern auf der Bühne. Der Vergleich mit einem Engel ist – seit sie ihre Haarfarbe geändert hat – nur noch über die Stimme möglich. Diese, das Markenzeichen der 34-Jährigen, klingt zuweilen wie Zuckerwatte – die bis zu sanftem Reibeisen changieren kann. Sie freue sich, wieder in Cottbus zu sein und inspiziert gleich mal persönlich die Pärchensituation im Saal.

„Rosenkrieg“ mit Andreas

Auf der Bühne hat sie eine kleine Wohnzimmerecke mit Sofa, Tisch und Stehlampe eingerichtet, in die sie später Fan Andreas einlädt. Denn Andreas, bei fast jedem Konzert dabei, hält ihr beim Titel „Rosenkrieg“ einen riesigen Rosenstrauß unter die Nase. Und so kann er sich vom Sessel aus von Annett Louisan besingen lassen: „Immer wenn ich Rosen krieg, Rosenkrieg, Rosenkrieg, dann weiß ich, du bescheißt mich.“

Es sind diese hintersinnigen und zuweilen auch sehr deutlichen Texte, die ihre Lieder ausmachen und die ihr seit 2004 immer wieder Preise wie die Goldene Schallplatte einbrachten. Wenn sie mit ihrer Engelsstimme von Arschgeigen singt, die den Rand halten sollen, hat das schon einen besonderen Effekt.

Ihre Mutter soll wohl sehr beleidigt gewesen sein über den Titel „Mama will ins Netz“. „Sie hat das Starterpaket ohne Rumfummelei, so richtig für Doofe und so“, heißt es da unter anderem. Das Publikum, in dem auch viele jüngere Fans sitzen, ist begeistert ob der treffenden Lebensnähe. Annett Louisan muss schnell hinterherschießen, dass ihre Mutter darauf besteht, dass sie gut in Computerdingen und jetzt sogar bei Facebook sei.

Doch so bierernst ist das ja alles nicht gemeint – Annett Louisan kokettiert gern, gibt sich mal geheimnisvoll, mal verrucht, mal verschämt. Eigentlich will sie einfach nur spielen. Das Lied, mit dem sie 2004 bekannt wurde, kommt auch noch, am Ende.

Keine Blüte versäumen

Erstmal wird es wirklich ernst. Für einen Mann ist es „Ende Dezember“, er sitzt nur noch allein auf der Parkbank. „Uns're Tage warn alle gezählt und ich hab an so vielen von ihnen gefehlt.“ Gänsehaut breitet sich im Saal aus. „Versäum keine Blüte im Frühling und feier sie ganz unbeirrt, denn das Leben geht gnadenlos weiter, auch wenn deine Freude daran stirbt.“

Nach der Pause kehrt Annett Louisan ganz in Braun zurück – mit Gedanken an ihre Kindheit in Schönhausen in der Altmark. Dort habe sie in der Enge große Fantasie entwickelt und Filme von Audrey Hepburn verschlungen. Als Hommage an sie hat sie den Titel „Moon River“ dabei. Auch ihr Idol Charles Aznavour, den armenisch-französischen Chansonnier, würdigt sie mit einem Lied.

Und sie bekennt, dass Bäume etwas mit einem machen. Der wunderschöne große Baum an ihrem Balkon in Hamburg habe deshalb Einzug in den Titel „Schöner starker Tag“ gehalten, dessen Text ihr Liedermacherin Ulla Meinecke geschrieben hat.

Dann trinkt die Sängerin mit dem Publikum freudig ihren Prosecco – obgleich sie bekennt, inzwischen auf Weißwein umgestiegen zu sein, weil der verträglicher ist – und startet ihr berühmtes Spiel, bevor sie sich das erste Mal verabschiedet. Sie ist mehr als einen Kopf kleiner als die Männer ihrer großartigen Band und bekommt Standing Ovations.

Wenn unten oben ist

Einige Zugaben müssen her. Mit drei Mädels aus dem Publikum lässt sie den „Teilzeithippie“ heraus und gibt ihren Fans mit auf den Weg: „Wenn du am Boden bist, stell dir vor, dass unten oben ist.“