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Übers eigene Scheitern auch lachen können

Academixer auf Nibelungen-Pfaden.
Academixer auf Nibelungen-Pfaden. FOTO: Lachmesse-Produktion
Senftenberg. (hsd1) Lachen als Lebenshilfe ist ein Motor für den Leipziger Regisseur Volker Insel (Foto), der gern altbekannte Geschichten gerührt, geschüttelt und neu erzählt auf die Bühne bringt. Im Gastspiel der Academixer, das die Neue Bühne in der Halbzeit der großen Theaterabende um die Nibelungen als kabarettistisches Zwischenspiel für den kommenden Montag eingeladen hat, kratzt er an den Wurzeln deutsch-germanischer Kultur. hsd1)

Siegfried, Kriemhild und die anderen Helden aus dem Nationalepos der Deutschen bevölkern derzeit im Spektakel zum Spielzeitauftakt in zwölf Abendveranstaltungen die Bühne des Senftenberger Theaters mit ihren teils grausamen Spielen um Liebe, Macht, Intrigen und verhängnisvoller Nibelungentreue. Sie haben als Regisseur dieses ernste Stück als Kabarettstück inszeniert. Hatten Sie da keine Skrupel?
Insel Nein, ich hatte keine Skrupel. Die Parodie heroischer Stoffe hat in der Welt des Kabaretts eine lange Tradition und geht weit zurück bis zu solchen Granden der Theaterwelt wie Johann Nepomuk Nestroy oder Jacques Offenbach. Nun ist ja die Nibelungenproduktion der Academixer eine Morgengabe des Ensembles ans eigene Publikum anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der eigenen Gründung. Auch in der Geschichte der Academixer gab es legendäre Abende, die sich, meist unter der Leitung des genialen Mitgründers Jürgen Hart, in parodistischer Weise großen Theaterstoffen näherten. Ziel war es, möglichst viele Mitglieder des Ensembles in einer Produktion zu vereinen und unbedingt etwas anderes zu machen als das übliche "Best of". Auf der Suche nach einem geeigneten "Theaterstoff" blieben wir schließlich bei Hebbel und seinen Nibelungen hängen. Vielleicht, weil uns der Stoff, da in seiner Rezeptionsgeschichte als so urtypisch deutsch geltend, zur Parodie besonders geeignet schien.

Blut - Mord - Rache heißt es in drei Teilen an der Neuen Bühne, und sie enden recht blutig. Ist das Nibelungen-Gemetzel bei Ihnen zum Lachen?
Insel Den besonders blutigen 2. Teil des Hebbel-Dramas "Kriemhilds Rache" spielen wir nicht. Unser Abend endet mit dem Tode Siegfrieds. Und selbst dieser Heldentod wird bei uns eher der Lächerlichkeit preisgegeben. Meist geschieht das bei uns durch einen immer wiederkehrenden dezenten Wechsel zwischen der Ebene des Dargestellten und der Ebene der Darsteller. Und doch glaube ich, dass unsere Nibelungen nicht nur komisch sind. So wie gutes Kabarett ja auch nie nur witzig ist.

Während der Senftenberger Untertitel "Im Europa der Nibelungen" heißt, ist der Ihrer Inszenierung: "Ein Beitrag zur Rettung der abendländischen Kultur". Wie ist das zu verstehen?
Insel Es gibt ja noch immer Menschen, die sich um die Sorge um die Kultur des Abendlandes zu Protesten versammeln, die leider andere Kulturen ausschließen oder gar diffamieren. Dabei bleiben diese sich Sorgenden eine Definition, was denn die Kultur des Abendlandes ausmache, oft schuldig. Es bleibt ein diffuser Begriff. Ein altgermanischer Heldenmythos scheint irgendwie dazuzugehören. Doch bei nüchterner Betrachtung ist es eine Geschichte voller Neid, Intrigen, Mord und Lüge. Der Untertitel "Ein Beitrag zur Rettung der abendländischen Kultur" ist da eher ironisch gemeint.

Auch ohne Drachenblut und Tarnkappe: Sind die Verhaltensmuster der handelnden Personen in der Nibelungenzeit denen der heutigen mitunter nicht erschreckend ähnlich?
Insel Alle Darsteller unserer Nibelungen haben ein kleines kabarettistisches Fenster. Wie man so sagt, einen Aussteiger. Einen kurzen Ausstieg aus der Figur, um sich fast privat mit einem kabarettistischen Text direkt ans Publikum zu wenden. In diesen Momenten ist der Abend sehr heutig und aktuell. Doch wir haben es vermieden, die Handlung etwa auf die Ebene heutiger Minister, Staatsdiener oder Generäle zu verlagern. Die Parallelen in der Motivation des Handelns von König Gunther oder Hagen und heutigen "Mächtigen" kann man auch ohne Krawatte und Aktenkoffer gut erkennen und nachvollziehen. Genau das macht den Reiz aus.

Sie selbst arbeiten als Theaterregisseur, Autor, Journalist, sind Begründer und Leiter der Inselbühne Leipzig und kooperieren mit der Moritzbastei, den Academixern und anderen Spielstätten, und Sie sind dafür bekannt, schon andere große literarische Vorlagen umgekrempelt zu haben, so Faust oder Shakespeare. Wie genau war das - und was reizt Sie daran?
Insel Was mich immer wieder an der Bearbeitung großer Stoffe reizt, ist der Umgang der Darsteller mit dem Stoff. Meist ihr eigenes Scheitern bei der Bewältigung der Aufgabe. Die Lücke zwischen Anspruch und der eigenen Unzulänglichkeit ist der eigentliche Quell von Komik. So erleben wir ganz oft auch Alltag. Nur leider sind die wenigsten Menschen bereit, auch mal über ihr eigenes Scheitern und ihre eigene Unzulänglichkeit zu lachen. Dabei kann das sehr befreiend sein. Vielleicht ist ein solcher Abend auch ein Stück Lebenshilfe im besten Sinne. Das Scheitern der Bühnenhelden macht ja das eigene Scheitern manchmal auch ein bisschen erträglicher.

Noch ein Wort zum Ensemble. Wer kommt mit nach Senftenberg?
Insel Zu erleben sind in der Nibelungenproduktion der Academixer ein paar Urgesteine der Leipziger Kabarettszene. Neben den Mixer-Gründungsmitgliedern Gunter Böhnke und Katrin Hart auch Barbara Trommer, Peter Treuner, Carolin Fischer, Jens Eulenberger, Ralf Bärwolf und die Tochter von Jürgen und Katrin Hart: Elisabeth Hart. Und unser musikalischer Leiter Jörg Leistner am Klavier spielt auch noch ein bisschen mit. Wer die Leipziger Bühne im Academixer-Keller kennt, weiß, dass diese Bühne eigentlich nur 3 x 4 Meter groß ist, und da ist es schon sehr erstaunlich, dass die Kleinkunst am Ende mit neun Mitwirkenden hochstapelt.

Mit Volker Insel

sprach Heidrun Seidel

Zum Thema:
Das kabarettistische Zwischenspiel der Nibelungen von den Leipziger Academixern ist am 16. Oktober, 20 Uhr, in der Neuen Bühne Senftenberg zu erleben.Zum Spektakel "Blutmordrache - Im Europa der Nibelungen" wird noch für den 14., 20., 21., 27. und 28. Oktober und für den 4. November eingeladen.Karten für alle Veranstaltungen unter www.theater-senftenberg.de , in allen Vorverkaufsstellen und in der Theaterkasse unter Tel.: 03573 801286. (hsd1)

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