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Überflieger und politische Bekenntnisse

Die Max-Grünebaum-Preisträger 2017 aus dem Staatstheater Cottbus: Andreas Jäpels Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper wurde von Publikum wie Kritik über alle Maßen gelobt (linkes Foto). Henning Strübbe brillierte als Fritz Gerlach im Schwank "Die spanische Fliege" von Franz Arnold und Ernst Bach.
Die Max-Grünebaum-Preisträger 2017 aus dem Staatstheater Cottbus: Andreas Jäpels Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper wurde von Publikum wie Kritik über alle Maßen gelobt (linkes Foto). Henning Strübbe brillierte als Fritz Gerlach im Schwank "Die spanische Fliege" von Franz Arnold und Ernst Bach. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. "The same procedure as every year": Dieses aus "Dinner for one" stammende Zitat, mit dem Claus Lambrecht über viele Jahre die Verleihung der Max-Grünebaum-Preise einleitete, will Thomas Stapperfend, seinem Nachfolger als Präsident des Cottbuser Finanzgerichts und Vorstandsvorsitzenden der Max-Grünebaum-Stiftung, am Sonntag im Staatstheater nicht so recht über die Lippen kommen. Im 20. Renate Marschall / red

Jahr der Stiftung ist die Veranstaltung so politisch wie selten: der Brexit, die antieuropäische Stimmung in einigen EU-Mitgliedsländern, der Rechtsruck lassen die Symbolkraft des Stiftungsgedankens deutlicher denn je hervortreten.

Brücken der Versöhnung zu schlagen, war das Anliegen der vor den Nazis nach England geflüchteten Enkel des Cottbuser Tuchfabrikanten Max Grünebaum. Inzwischen hat die nächste Generation übernommen. Zahlreich sind die Stifterfamilien bei der Veleihung vertreten, ein Statement. Auch Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) ist dabei.

Zu einem flammenden Bekenntnis für die Demokratie wird das Grußwort der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU). Sie fordert auf, sich allen antieuropäischen, nationalistischen, extremistischen Kräften entgegen zu stellen und betont die Bedeutung von Wissenschaft und Kultur. Dass die Enkel Max Grünebaums mit einer Geste der Versöhnung zurückgekehrt seien, zeige, wie großartig der Mensch sein könne, sagt Süssmuth.

Prasselnder Beifall, als Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters Cottbus, den ersten Preisträger bekannt gibt. Längst hat der Sänger Andreas Jäpel eine riesige Fangemeinde, die ebenso wie der Intendant Jäpels Entwicklung vom lyrischen zum Heldenbariton und dessen darstellerische Fähigkeiten schätzt. Um einen abgenagten Hühnerfuß am Anfang der Karriere ging es ganz nebenbei. Dem junge Schauspieler Henning Strübbe ist der Beruf Berufung. Dafür spricht seine darstellerische Leistung ebenso wie sein verbissenes Festhalten an seinem Traum. Launig und anekdotenreich beschreibt das die Dramaturgin Sophia Lungwitz.

Ein Künstler als Tontechniker ist Sebastian Thoss, der mit dem Karl-Newman-Förderpreis, einem Aufenthalt in London, ausgezeichnet wird. Thoss' Weg vom Rockmusiker zum Theatermitarbeiter beschreibt der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters, Martin Roeder.

Prof. Dr. Matthias Koziol hält die Laudatio des Ernst-Frank-Förderpreises, der ein Stipendium in Großbritannien beinhaltet. Was früher Selbstverständlichkeit war, sei heute fast Mahnung. Der Preis geht an Caroline Krebs, die mit der starken internationalen Ausrichtung ihres Masterstudiums Betriebswirtschaftslehre dafür prädestiniert sei.

Dr. Lukasz Lopacinski ist geradezu ein Überflieger auf schwierigem technischen Gebiet. Prof. Dr. Jörg Steinbach, Präsident der BTU, verrät in seiner Laudatio, dass er seine auf sechs Jahre angelegte Promotion in drei Jahren geschafft habe.

"Die Vergangenheit achten, der Gegenwart Glanz verleihen, für die Zukunft schaffen", die Idee der Stifter ist lebendig und wichtiger denn je, lebt auch in den jungen Preisträgern. Für künstlerische Höhepunkte sorgen das Philharmonische Orchester unter Chefdirigent Evan Alexis Christ, der Sänger Ingo Witzke und die Tänzerin Greta Dato, aus ihrem neuen Engagement in Wiesbaden extra angereist.

Zum Thema:
Der Tuchfabrikant, Kommerzienrat und Ehrenbürger der Stadt Cottbus, Max Grünebaum (1851 bis 1925), verband als Unternehmer soziales Engagement und Mäzenatentum, förderte das Cottbuser Theater. Seine Nachfahren mussten, als Juden verfolgt von den Nazis, Deutschland verlassen. In Erinnerung an Max Grünebaum errichteten die in England lebenden Enkel 1997 die Max-Grünebaum-Stiftung. In diese flossen Entschädigungsleistungen in Höhe von damals 2,2 Millionen Mark ein. Der Preis ist mit jeweils 5000 Euro dotiert. red