Regisseur Semih Kaplanoglu zeigt die bittersüße Kindheit des sechsjährigen Yusuf in einer bezwingend schönen, doch von Zerstörung bedrohten Waldlandschaft der anatolischen Schwarzmeerküste nahe Trabzon. Yusufs Familie lebt von der Imkerei. Nach einem Bienensterben fehlt ihnen die Existenzgrundlage. Das Ende ist tragisch.Sein Film sei ein Appell, die Natur überall in der Welt besser zu schützen, sagte der 46-jährige Kaplanoglu am Samstag. Die Drehorte des Films in einer berühmten Honig- und Teeregion seien durch den geplanten Bau mehrerer Wasserkraftwerke gefährdet. Der Deutsch-Türke Fatih Akin ("Gegen die Wand") dreht dort zurzeit eine Langzeitdokumentation über das Thema Müll.Extreme SituationenDie Deutschen gingen im Bären-Rennen leer aus. Stattdessen lieferte Oskar Roehler mit seiner Kolportage "Jud Süß - Film ohne Gewissen" den Aufreger des Festivals. Immerhin erhielt der Episodenfilm "Shahada" des Deutsch-Afghanen Burhan Qurbani über junge Muslime in Berlin den Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater. Die Branche mag sich damit trösten, dass "Honig" eine mit deutschem Geld finanzierte Koproduktion ist.Die Darstellerpreise gingen an Schauspieler, die Menschen in extremen Situationen porträtieren. In Koji Wakamatsus Antikriegsfilm "Caterpillar" (Raupe) spielt die Japanerin Shinobu Terajima sehr präsent und expressiv eine junge Ehefrau, die ihren aus dem japanisch-chinesischen Pazifikkrieg ohne Arme und Beine zurückkehrten Mann pflegt. Das fällt ihr nicht leicht, denn ihr Mann hat sie in der Vergangenheit sadistisch gequält.Den Preis für die besten männlichen Darsteller teilen sich die Russen Grigori Dobrygin und Sergej Puskepalis. Sie spielen in Alexei Popogrebskys "How I Ended This Summer" (Wie ich diesen Sommer zu Ende brachte) zwei Männer auf einer einsamen Forschungsstation in der Arktis. Den Drehbuch-Preis bekam der Chinese Wang Quan'an für seine Tragikomödie "Tuan Yuan" (Getrennt zusammen).Verdient ging der Hauptpreis nach 46 Jahren wieder in die Türkei. "Während der Dreharbeiten waren wir im Wald, und nur zehn Meter von uns entfernt war ein Bär, der Honig aus Bienenstöcken holen wollte. Als er uns sah, flüchtete er - aber ich glaube, jetzt ist er hier", meinte der Regisseur mit Blick auf den Goldenen Bären in seiner Hand.Abschluss einer TrilogieYusuf - mit großem Einfühlungsvermögen von dem zur Drehzeit siebenjährigen Bora Altas gespielt - wächst von den Eltern behütet auf, doch in der Schule hat es der stotternde Junge schwer. Er zieht sich immer mehr zurück und lebt in einer eigenen Welt. Eines Tages verschwindet sein Vater, als er Bienenkörbe in einer schwer zugänglichen Gegend aufstellen will.Nach den auf den Filmfestivals in Cannes und Venedig gezeigten Filmen "Ei" und "Milch" ist "Honig" der Abschluss einer autobiografisch geprägten Trilogie über den Dichter Yusuf als Kind, jungen Mann und älteren Herrn - und gleichzeitig über Menschen, die von und mit der Natur leben.