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Triumph des Rhythmus

Atemberaubend : „Percussion for 4“.
Atemberaubend : „Percussion for 4“. FOTO: Rasche
Erstmals waren die Brandenburgischen Sommerkonzerte in Senftenberg und Veranstalter und Publikum waren begeistert. Ein freundlicher Empfang in der herausgeputzten Kleinstadt, eine Kirche mit schöner Konzertakustik, dazu beste räumliche Gegebenheiten für die obligatorische Kaffeetafel. Und wer sich getraut hat, die Spaziergänge durch die Altstadt oder die restaurierte Festung ausnahmsweise zu schwänzen, konnte sich vor dem Konzert noch ein Bad im herrlichen, nahegelegenen und leicht zugänglichen Senftenberger See genehmigen. Von Irene Constantin

Vor allem Letzteres ist für die zu einem großen Teil der aus Berlin anreisenden Besucher der Sommerkonzerte eine Besonderheit. Die Seen des hauptstädtischen Umlandes sind mit privaten Wassergrundstücken geradezu verbarrikadiert; Senftenberg kann auf seine Ufer stolz sein.
Was angesichts der erwähnten Freuden schon für einen gelungenen Tag genügt hätte, war aber erst das kleine Vorspiel für das dann folgende Konzert. Ein Schlagzeugduo und zwei Gäste, Ensemble-Name "TWOtones & TWO", boten eine ganz unglaubliche, von Anfang bis Ende atemverschlagende Musik. Das Equipment kam im LKW: vier große und weitere kleine Marimba-, Vibra- und Xylophone für die zarten Töne und melodischen Elemente, dazu Trommeln, Becken, Rasseln vielfältigster Art für den puren Rhythmus.
Der Nachmittag begann mit einem minimalistisch pulsierenden Stück für zwei Marimbas und zwei Bongos. Die Töne der Marimba sind fast frei von Nebengeräuschen, man meint, reine Sinustöne zu vernehmen und es scheint, als schlichen sie direkt vom Ohr ins Gehirn. Diese klangliche Gefälligkeit hat leider die Industrie der Sauna- und Fahrstuhlmusikproduktion okkupiert. Assoziationen dahin kann der Hörer kaum ganz ausblenden und das perfekt gespielte, ruhig fließende Auf und Ab des "Rhythm Song" von Paul Smadbeck verführte geradezu zum meditativen Abschalten.
Das war es aber auch schon zum Programmteil ruhiges Dösen im sanft samtigen Marimbaklang. Das nächste Stück, "CaDance" für zwei Percussionisten von Andy Pape war ein unglaublicher Triumph des Rhythmus und der Metren über alles, was Musik sonst noch ausmachen könnte. Ununterbrochen variierte Taktzahlen und Betonungen in den Trommel- und Beckenschlägen der beiden Musiker überlagerten sich zu einem rasanten, in ständiger Veränderung befindlichen musikalischen Fluss. Zählen verwandelte sich in Körpersprache und Zahlen wurden akustische Poesie.
Bei Manfred Kniels "Oro" für zwei Marimbas und Schlagzeug durfte man sich wieder etwas entspannen. Basierend auf einem mazedonischen Volkslied wurde man akustisch spazierengeführt von den Tanzböden Südosteuropas in ein Jazzcafé, hinaus in eine afrokaribische Nacht und schließlich noch zum Sirtaki-Abend.
Wie sehr Musizieren ein zwar geistig gesteuerter aber doch vornehmlich körperlicher Vorgang ist, wurde im letzten Stück vor der Pause evident. "Lift Off" von Russell Peck für Percussiontrio simulierte mittels dreier im Raum verteilter Schlagzeugbatterien einen Hubschrauberstart. In unerhörter Geschwindigkeit wirbelten die Schlägel über große und kleinere Trommeln - man wusste nicht, ob man vor purer Freude über diesen Zusammenschluss von Kunst und purem Effekt wie ein Kind lachen sollte oder bewundernd den Atem anhalten.
Mit einem Trommlerquartett wie man es bei einer Marching Band wohl nie zu hören bekommt, begann der zweite Teil. Danach ließen vier Marimbas alle Klang-Eigenschaften hören, die Hersteller und Musiklexikons dieser Instrumentengruppe bei Gebrauch unterschiedlicher Schlegel und Anschlagtechniken zugestehen: dunkel, weich, sanft, samtig, erdig, voll, sonor, dumpf, hohl, resonant, rund, klangvoll, hölzern. Zum Schluss hörte man einen Bach murmeln und Zikaden sirren. "Omphalo Centric Lecture" von Nigel Westlake spielt wohl irgendwie in Griechenland.
Dann kam ein Werk des Frank-Zappa-Schlagzeugers Ali Askin. Die 80er-Jahre einerseits, die Phantasie Zappas und seiner Leute andererseits kannten kaum Grenzen hinsichtlich musikalischer Formen und klingender Materialien. Am Anfang knallten die Schlagzeuge und es rasselten die Klappern an den Füßen eines Spielers. Am Ende vertropfte der Klang mittels über den Boden hüpfender Ping-Pong-Bälle.
Allem bisher musizierten noch einen krönenden Abschluss anzufügen - man hielt es für eine unlösbare Aufgabe für Henrik M. Schmidt, Christian Hartmann, Jens Hilse und Jochen Ille, die allesamt "klassische" Musiker in großen Sinfonieorchestern sind. Aber natürlich kam mit Minoru Mikis zweisätzigem "Marimba-Spiritual" doch noch das große Abschlusswerk. Einer sehr intimen und ergreifenden Trauermusik für Marimba-Solo folgt ein ebenso emotional aufgeladener, jedoch rasant trotziger Schlusssatz, in dem drei Schlagzeuger in der Manier der japanischen Kodo-Trommler den Solisten begleiten. Hier entfernten sich die Musiker am weitesten vom virtuos artistischen Show-Element, das ein solches Konzert zweifellos auch beinhaltet. Es wurde ein Grad von Verinnerlichung erreicht, den man nur von außerordentlichen Kammermusikern erwartet. Solche Percussionisten wie die vom Sonna bend in Senftenberg gehören dazu.