Es scheint, als sei "Sacre" das Schwert für den Ritterschlag zur choreografischen Oberliga. Zugleich ist die Umsetzung der hochkomplexen Partitur der gläserne Gipfel, den viele zu erklimmen suchen, nur wenige, Maurice Béjart, Pina Bausch, Dietmar Seyffert, besiegt haben. Alle orientierten sie sich an Strawinskis eigener Aussage, die "leuchtende Auferstehung der Natur" feiern zu wollen: Als die Auserwählte opfert eine Jungfrau zukünftiger Fruchtbarkeit ihr Leben. Auf diese Spur mochte sich Lars Scheibner, international umtriebiger Choreograf der jüngeren Generation und nun erstmals Gast am Staatstheater Cottbuser, nicht locken lassen. Sein mit Jacob Steinberg entwickeltes Libretto interpretiert das Werk neu und nutzt seine Fassung für Klavier zu vier Händen. Sie klingt sanfter, intimer als die monumentale Orchesterversion und mildert deren schroffe Kontraste. Dem Jubilar stellt er eine gleichlange, mit elektronischen Loops arbeitende Collage aus Geräusch, Instrumentalklang und Stimmeinschüben voran, die Thomas Sander eigens für Cottbus verfertigt hat. Sie trägt den ersten Teil des Abends in der Kammerbühne.

Lärm ertönt, Flammen glimmen, über einen Hügel im Hintergrund läuft eine Schrift: Erzähl mir deine Träume, ich möchte sie deuten und dir sagen, wie tief du vergangen bist im Weltraum. Ausstatter Robert Pflanz hat die Szene mit Lumpen bedeckt, die ein Inferno assoziieren. In der Düsternis erkennt man ein feurig funkelndes Marsmobil, eine weiß leuchtende Atemmaske, einen Mann. Eine halbe Stunde lang legt jener Pionier unter dem Abfall Gestorbene frei und verschafft ihnen mittels der Maske, fiktionalem Modul oder Gerätschaft zur Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, ein zweites Leben: dem Erhängten, dem verklammerten, kaum trennbaren Pärchen, dem Verkrüppelten mit Brille. Furcht, Lethargie, Fremdheit, Finderfreude, bergende Zärtlichkeit und Gewalt bestimmen die Atmosphäre beim Taumel auf der Müllhalde. Desperat irren die Menschen, vorzeitig ergraut, umher in dieser Endzeitvision, zitieren vielleicht als Erinnerung an bessere Zeiten Bewegungen des klassischen Tanzes, die indes verloren wirken in all dem Stillstand.

Dass Scheibner wenige einprägsame Bilder gelingen, ist das Manko des Einstiegs. Er endet damit, Lumpen zum Haufen zu türmen. Auch der Hügel wird entkleidet: zur wabenartig verstrebten Metallkonstruktion, Iglu oder Ufo.

Darin sitzen in Orange-Overalls die Pianisten Christian Georgi und Saessak Shin. Bis auf zerschlissene inkarnatfarbige Trikots haben sich die Tänzer gehäutet, sind vom Individuum zur bloßen menschlichen Chiffre geworden. Den zweiten Teil über stürmen sie gegen jene illuminierte Sphäre an, aus der zwar dissonant, dennoch wohlbehütet "Sacre" erklingt. Immer wieder besteigen sie mit tierhafter Neugier die Glocke, finden jedoch keinen Eintritt. Zeitkritisch ließe sich diese Metapher deuten: Die verelendete Masse rennt gegen ein Wohlfühl-Ghetto an, in dem sich gut geschützt die Begüterten musisch ihre Zeit vertreiben. Wieder tut sich Scheibner schwer, Bilder zu fügen, tänzerische diesmal. Auch wenn sich etwa beim Sprung auf den Kleiderhaufen Ängste entladen, es Rücken an Rücken zu Sitz-Ballungen kommt, auf denen jemand balanciert, Solidarität anklingt, Ausbrüche zu schmerzenden Stürzen werden; auch wenn Liegende sich abrupt ins Hohlkreuz wölben, als treffe sie ein Stromstoß: Dem Defilee der Trostlosen fehlt es an tänzerisch klammernder Form im Raum. Den grenzt sich der Choreograf unbotmäßig ein, indem er vorn den Kleiderberg, hinten die Metallglocke platziert. Als eine Frau in Drehtaumel fällt und die anderen mit in ihren Strudel reißt, entsteht eine choreografisch konkrete Situation, wie sie öfter auftauchen sollte. So bleiben viele Akzente der Musik ungenutzt oder werden in freies Spiel umgesetzt. Eng und mit angehaltenem Atem verharrt der Menschenpulk in der Mitte, ob zur endgültigen Befreiung vom Opferstatus oder im endzeitlichen Sterben, bleibt ungewiss.

Wie hingebungsvoll sich die acht Cottbuser Tänzer den doppelten Wortsinns umkleideten "Sacre" zu Eigen machen, nötigt Respekt ab. Gut 75 pausenfreie Minuten lang halten sie unermüdlich die Spannung und haben in Juan Bockamp sowie dem körperplastischen Jason Sabrou starke Neuzugänge. Dass Lars Scheibner nicht die Besteigung des gläsernen Berges, sondern "nur" eines Hügels vorführt, ist angesichts der Dichte an "Sacre"-Varianten schon ein Erfolg.