Dieter Ladewigs seit Mittwoch in Cottbus gezeigte Arbeiten sind konsequent abstrakt. Statt mit erkennbaren Figuren, Gegenständen oder Räumen darf sich der Betrachter mit Kompositionen aus mal mehr, meist weniger geometrischen Farbflächen, Formballungen und ungeraden Linien beschäftigen.

Vage Bildthemen

Die Titel helfen zur Identifizierung von Bildthemen oft auch nicht weiter. Sie heißen zum Beispiel betont vage "Lass so", "Ab und an", "Teils", "Augenblicke" oder "Intermezzo". Die Serie "Vor der Tür" könnte immerhin auf Landschaften oder Straßenszenen verweisen. Mit dem frischen Grün auf "Erwachen" lässt sich eine frühlingshafte, mit dem sattdunklen Grün auf "Refugium" eine narkotisch-friedliche Stimmung assoziieren.

Gelegentlich blitzt mit Humor der Bezug zu etwas Konkretem auf: Ein Arrangement aus Cremighell und Rosarot wird als "Heiße Himbeeren" verständlich. Die gelben und braunen Flecken auf dem Bild "Sommerplagen" sind vermutlich die Überreste von erlegten Wespen auf einem Gartentisch.

An der abstrakten Offenheit der meist mit Öl auf Leinwand oder Papier gemalten Arbeiten ist prinzipiell nichts einzuwenden. Schließlich muss Kunst nicht durch erzählte Inhalte interessieren, sondern kann auch mit anderen Stärken punkten. Dieter Ladewigs Gespür für Farben, Formen und Texturen zeigt sich deutlich, die Bilder bringen auch ein weites Spektrum von Gefühlszuständen von aggressiv bis harmonisch heiter zum Ausdruck.

Auf die Dauer bleiben diese Gefühle und Formen aber so unaufdringlich zurückgenommen, dass Langeweile und Beliebigkeit einkehren. Ein Beispiel: Direkt nebeneinander hängen zwei Malereien mit den Titeln "Elegie" und "Spektakel". Mit gutem Willen lässt sich sagen, dass das eine Werk im Vergleich zum anderen tatsächlich schwermütiger beziehungsweise wilder erscheint. Im Grunde könnte man die Titel aber auch austauschen, ohne dass es auffiele. Das gilt für viele Bilder in dieser umfangreichen Ausstellung auf zwei Etagen. Sie tut nicht unangenehm weh, regt aber auch nicht positiv auf.

Der Weg ins Abstrakte

Wenn man mit Kunst einmal persönlich nicht viel anfangen kann, hilft es, sich vorzustellen, was dem Künstler bei der Arbeit wohl besonders Spaß gemacht hat. In diesem Fall fällt die Antwort allerdings schwer. Für Dieter Ladewig, der 1953 im Harz geboren wurde, in den 1970er-Jahren in Cottbus lebte, sich mit Hans Scheuerecker anfreundete und später nach Sachsen-Anhalt zurückkehrte, war der früh eingeschlagene Weg in die Abstraktion sicherlich ein mutiger Befreiungsschlag. Trotzig gegenüber den Bevormundungen des angeblichen sozialistischen Realismus und der angeblichen Interessen der angeblichen Arbeiterklasse. Hin zu einer Kunst, die nur ihren eigenen Ansprüchen verpflichtet ist.

In der Burg Beeskow war kürzlich eine Arbeit Ladewigs aus der Cottbuser Zeit zu erleben, ganz gegenständlich-realistisch grasten Kühe vor einem adrett dampfenden Kraftwerk im Sonnenlicht. Das sozialistische Idyll war so vollkommen, dass es schon wieder schalkhaft erschien. Solche formalen, ironisch konterkarierten Zugeständnisse hat der Künstler nicht mehr nötig.

Dieter Ladewigs bei Vattenfall gezeigte Werke stammen durchweg aus den letzten zehn Jahren. Stilgeschichtlich lassen sie sich Kunstrichtungen wie dem abstrakten Expressionismus und dem Informel zuordnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und Westeuropa sehr präsent wurden und für lange Zeit der Inbegriff dessen waren, was man sich dort unter dem Begriff "moderne Kunst" vorstellte, begrüßte oder ablehnte.

Diese Abstraktion hatte nach den Schrecken des Krieges zwei große Vorteile. Einerseits sah sie nach radikalem Neuanfang aus. Sie wirkte fortschrittlich, weltoffen, demokratisch, intellektuell und kritisch gegenüber Traditionen. Krasser Gegensatz zum heroischen NS-Schwulst. Andererseits blieb der Stil so vage, dass man ihn auch einfach als sauber, nett und dekorativ nehmen konnte.

Nichts erinnerte unangenehm klar und deutlich an Gräuel und Leid, Verbrechen und Schuld. Damals war es ein Stil des Neuanfangs und der Verdrängung. Heute ist er so vertraut, dass er schon wieder altmodisch wirkt. Um auf diesem Feld noch positiv aufzufallen, gehört schon eine sehr starke persönliche Handschrift dazu.

Die Ausstellung "Befinden" von Dieter Ladewig ist bis zum 17. Juni im Verwaltungsgebäude von Vattenfall, Vom-Stein-Straße 39, 03050 Cottbus, zu sehen.