Hat nicht erst im vergangenen Jahr die russische Gazprom gedroht, Westeuropa den Gashahn abzudrehen? Die heutige Machtstellung der Russen auf dem Energiemarkt wurde nicht zuletzt durch Tausende junger Ostdeutscher geschaffen. Sie verlegten in den Jahren 1975 bis 1993 rund 1750 Kilometer jener Rohre, durch die noch immer das Erdgas aus Sibirien strömt.

Im Zwange des großen Bruders
Schon 1967, im eisigsten Kalten Krieg, waren handfeste Wirtschaftsinteressen ausschlaggebend, als die Sowjetunion und die Bundesrepublik einen bedeutenden Handel schlossen: Billiges Gas gegen Devisen. Die Folgen dieses Abkommens mussten die sowjetischen Satellitenstaaten tragen - sie wurden vom „großen Bruder“ zum Trassenbau zwangsverpflichtet.
Das ist der wirtschaftspolitische Hintergrund, vor dem die zwei Filmemacher das Leben jener Ostdeutschen - auch aus der Lausitz - schildern, die erst die „Freundschafts-“ und dann die „Friedenstrasse“ errichteten. Sie meldeten sich freiwillig zur extremen Akkordarbeit zwischen Karpaten und Ural, denn es lockten zwei Anreize: gute Löhne und die Sehnsucht nach Freiheit. "Die DDR konnte man an einem Tag durchfahren und dann ging es schon wieder zurück", begründet einer von ihnen, warum er sich damals auf das russische Abenteuer eingelassen hat.

Gesoffen und getanzt
Die sozialistische Propaganda verklärte die Trassenbauer zu Helden, der rbb-Film setzt Berichte von Zeitzeugen und authentische - zum Teil heimlich aufgenommene - Filmaufnahmen dagegen, um ein realistisches Bild der historischen Umstände des „Jahrhundertbaus“ zu zeigen. Es wurde geschuftet, gesoffen, getanzt; Paare fanden sich, zeugten Kinder, tödliche Unfälle wurden verheimlicht: Der ganz normale Wahnsinn an der Trasse. Ost-Rockmusik der Ära gibt den teilweise bizarren Bildern aus den Wohn- und Arbeitscamps in der russischen Ödnis zusätzliche Eindringlichkeit. Der Defa-Regisseur Knut Tetzlaff hat schon um das Jahr 1980 herum in seinem Film „Alltag im Abenteuer“ versucht, das Leben der glorifizierten „Trassniks“ hautnah einzufangen. Er zeigte struppige Arbeiter, die erschöpft dahindämmern oder rohe Späße treiben, einen Vater, der weint, weil er zu Weihnachten nicht bei seiner Familie sein kann. Zuviel Wirklichkeit für die DDR-Funktionäre. Der Film schaffte es nicht in die Kinos.

Die Wende verpasst
Bis 1993 gingen die Arbeiten weiter. Die einst bejubelten und begünstigten Freiwilligen verpassten die Wende-Euphorie; von der Heimat fast vergessen, erlebten sie die Umwälzungen nur am Fernseher mit. Das Abenteuer Freiheit hatte sie auf ein Abstellgleis geführt.
Wer noch einmal hinter den Eisernen Vorhang zurückblicken möchte, dem sei dieser Film empfohlen.