Herr Abdykalykov, in Ihrem Film bilden Sie das Leben einer Nomadenfamilie in den Bergen Kirgisistans ab, die durch Industrialisierung mit dem Schwinden ihrer Traditionen konfrontiert wird. Gibt es einen persönlichen Bezug zu der Geschichte?
Jetzt lebe ich selber in der Stadt, bin aber in einem kirgisischen Dorf bei meinen Großeltern aufgewachsen. Weil meine Eltern schon damals in der Stadt arbeiteten, habe ich sie nicht so oft gesehen. Genau wie die Tochter im Film, habe ich als kleiner Junge mit meinen Großeltern Hütearbeit verrichtet. Diese Geschichte ist einfach mein Thema, ich fühle das. Man sagt immer, ein Film ist seinem Regisseur so ähnlich wie ein Sohn seinem Vater. Ich bin ein Mensch, der häufig den Drang zum Weinen hat, aber aus positiven Gründen. Von Freunden habe ich gehört, dass das im Film unverkennbar ist. Ich habe in einigen Filmen meines Vaters Aktan Arym Kubat mitgespielt. Die freudigen Szenen fielen mir immer schwer, wenn ich weinen sollte, hat das immer sofort geklappt.

Unverkennbar zeigt der Film auch die Unterschiede zwischen Tradition und Fortschritt. Um welche Traditionen genau geht es Ihnen?
Es geht darum, wie Menschen miteinander umgehen, wie die Kommunikation untereinander ist und wie Legenden und Märchen mündlich weitergegeben werden. Aber auch die Pferdehaltung, die Herstellung von Kumys (vergorene Stutenmilch, Anm. d. Red.) und Kleidungsstücken sind Traditionen bei uns, die bewahrt werden sollten. Ganz egal, wie viel Zivilisation über uns hereinbricht.

Gibt es denn Traditionen, die schon verschwunden sind?
Ja, besonders, was die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft. Meine Großeltern haben sich nur angeschaut und sich ohne Worte verstanden. Meine Generation und jüngere Leute verlieren viele Worte, und trotzdem verstehen sie sich nicht. Ich denke, das trifft auch in anderen Ländern zu.

Sehen Sie auch Vorteile darin, dass Fortschritt womöglich Traditionen begräbt?
Wir leben in einer Zeit von Fortschritt, das ist unaufhaltsam. Darauf bin ich auch in meinem Film eingegangen. Es muss auch Umwälzungen geben. Ohne die säßen wir nicht hier beim Filmfestival. Ich würde mich aber trotzdem freuen, wenn wir unsere Traditionen erhalten können.

Für "Nomaden des Himmels" haben Sie schon einen Preis auf dem Filmfestival in Tschechien abgeräumt und auf dem Eurasia-Festival den Hauptwettbewerb gewonnen. Welches Gefühl haben Sie in Cottbus?
Ich weiß nicht, was ich erwarten kann. Am wichtigsten ist nicht der Sieg, sondern die Teilnahme. Alleine die Einladung ist sehr wertvoll. Die Anerkennung der Filmkritiker aus anderen Ländern zeigt mir, dass ich mit meiner Arbeit etwas richtig gemacht habe.

Im Frühjahr 2016 soll der Film in die deutschen Kinos kommen. Gibt es schon neue Filmideen?
Ich habe schon darüber nachgedacht und denke, ich werde in ähnlicher Art Filme über Traditionen und mein Land machen. Besser den Uhu in der Hand als den Adler im Himmel. So sagt man es traditionell in Kirgisistan.

Mit Mirlan Abdykalykov

sprach Anja Hummel