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| 08:55 Uhr

Tomtes "Hinter all diesen Fenstern"
Sondern die Erde, die sich dreht

Die fantastischsten Vier
Die fantastischsten Vier FOTO: Cover
Düsseldorf. Für unseren Autor ein Klassiker: "Hinter all diesen Fenstern" von Tomte. Endlich erträglicher Pathos. Sebastian Dalkowski

Für unseren Autor ein Klassiker: "Hinter all diesen Fenstern" von Tomte. Endlich erträgliches Pathos.

Ich erinnere mich an die beste Nacht, in der nicht geknutscht wurde. Ungefähr Mai 2003. Mit meiner besten Freundin schrieb ich über ICQ Mitteilungen, wie toll dieser eine Song war, den wir seit Stunden auf Repeat hörten. Mit jeder Nachricht wurden unsere Sätze euphorischer. Ich hatte mir "Die Schönheit der Chance" der Hamburger Band Tomte aus einer Tauschbörse heruntergeladen, als die Rechtslage noch unklar war. Das Stück hatte einen Fehler, sprang an einer Stelle, doch das war egal. Egal war auch, dass dieser Thees Uhlmann gar nicht mal so gekonnt sang, Hauptsache, er sang Zeilen wie "Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht".

Lieblingsplatten erzielen ihre Wirkung nicht nur durch Qualität, sondern auch durchs Erscheinen zur richtigen Zeit. "Hinter all diesen Fenstern" war das dritte Album von Tomte, veröffentlicht im April 2003, schrammeliger Indie-Rock mit deutschen Texten. Eine Platte für Leute wie mich, die für Tocotronic ein wenig zu spät geboren worden waren. Ich hatte gerade den Zivildienst beendet, in einem halben Jahr würde ich vom Dorf in die Stadt ziehen, um zu studieren. Mir war nicht klar, ob das etwas werden würde. Karriere, Frauen, Leben.

Und dann kam da diese Band mit den Typen, die so aussahen wie man selbst, und der eine von ihnen, der mit der riesigen Jürgen-Vogel-Zahnlücke, sang: "Hinter all diesen Fenstern sitzen Menschen. Du hast es immer geahnt, dass sie es wert sind zu bleiben. Du bist den ganzen Weg gerannt." Und er sang auch: "Seit fünf Jahren halte ich mein Herz in kochendes Wasser, doch es scheint nichts zu nützen, denn so abgebrüht bin ich noch lange nicht." Ich fühlte mich verstanden und ermuntert zugleich. Eine Platte lang signalisierten mir Tomte: Wird schon trotzdem alles gut. Ist in Ordnung, was du da machst.

"Hinter all diesen Fenstern" war Pathos für Leute, die kein Pathos mögen. "Mein Gott, das ist wirklich vielleicht die beste Band, in der man spielen kann", schrieb Uhlmann im Booklet zur Platte in den so genannten Liner Notes, die er zur eigenen Kunstform erhob. Man hätte schon damals ahnen können, dass er irgendwann einen erfolgreichen Roman schreiben würde. Die Band feierte ihren Durchbruch, Platz 50 der deutschen Charts, als die Charts noch einen Wert hatten. Uhlmann begann seinen Aufstieg zum Bruce Springsteen Norddeutschlands, und ich zog nach dem letzten freien Sommer nach Köln mit dem festen Vorsatz, spätestens in zehn Jahren der "Zeit" die Doppelseiten vollzuknallen. Mein Gott, das würde vielleicht das beste Leben werden, das man leben konnte.

Die Zuversicht habe ich mir nicht bewahren können, vielleicht höre ich "Hinter all diesen Fenstern" deshalb so selten. Weil das eben weh tut, sich daran zu erinnern, wie man war, und wie man doch ein anderer geworden ist. Vermutlich nennt man das Erwachsenwerden.

Die Band gibt es nicht mehr. Seit dem 22. August 2017 steht bei Wikipedia: "Tomte war eine deutschsprachige Indie-Rock-Band aus Hamburg."