Dabei wäre sogar Theo um ein Haar untergegangen - in einem virtuosen Schlagzeug-Solo. Was den alten Gassenhauer erfrischend verjüngt.
Zunächst aber haucht Vicky Leandros „Aprés toi“ ins Mikrofon, als sie im verwirrend transparenten, schwarz-silbrig-glänzenden Abendkleid die Bühne betritt. Es ist der Song, mit dem sie 1972 den Grand Prix gewonnen hatte. „Dann kamst du“ , so die Übersetzung. Nur wenige in den Zuschauerreihen verstehen die Worte, aber fast alle kennen das Lied von der meistverkauften Single der Welt.
Und so will sich Vicky Leandros an diesem Abend, mit dem sie die Tournee zu ihrem 30. Bühnenjubiläum des vergangenen Jahres fortsetzt, auch bei ihrem Publikum bedanken für die Treue, mit der es ihre unterschiedlichen musikalischen Wege in unterschiedlichen Sprachen begleitet hat. Englische Songs wechseln mit französischen und griechischen - und selbst auf Japanisch ist eines zu hören, als hätte sie seit jeher in dieser Sprache gesungen. Einige der Zuschauer werden dennoch leicht unruhig, sie warten auf die Lieder, die sie lieben und verstehen.
„Ich bin wie ich bin“ stellt Vicky dann auch mit dem Titelsong ihrer aktuellen Doppel-CD klar. Und dazu gehört eben nicht nur ihr erstes Lied, mit dem sie 13-jährig die Bühne eroberte: „Messer, Gabel, Schere, Licht“ , sondern vor allem, dass sie in vielen Ländern zu Hause ist: In ihrer zu Herzen gehenden Version von Jacques Brels Hit „Ne me quitte pas“ wird sie sensibel von einem Gitarristen begleitet.
So wie überhaupt ihr neunköpfiges Orchester durch Musizierlust brilliert. Familie Brauns aus Cottbus sitzt in der dritten Reihe und lässt den Mann am Klavier nicht aus den Augen. „Wir sind nicht in erster Linie wegen Vicky hier, sondern wegen Bo Heart. Er ist unser Neffe“ , gibt das Ehepaar zu. Familienstolz hin oder her: Der Junge hat Talent, zudem Humor. Und er haut nicht nur gekonnt in die Tasten, sondern lässt im gemeinsamen A-Capella-Gesang auch seine funky Stimme funkeln.
Vickys indes scheint sich zunächst erst einmal von ihren Politikauftritten erholen zu müssen. Ob es am Mikro liegt oder an der Akustik, nicht in jeder Tonlage schmeichelt sie sofort den Ohren, im Laufe des Abends aber gewinnt sie nicht nur Kraft und Klarheit zurück, sondern brennt zuweilen wieder wie ein griechischer Vulkan, vor allem, als Vicky von der Bühne zum Publikum heruntersteigt und beim Klang der Bouzouki der Tanz beginnt. Die meisten Zuschauer aber sind schon in die Jahre gekommen. Nur einige wenige stehen auf, bewegen sich im Rhythmus der Musik. Platz genug wäre gewesen, denn die Halle ist kaum zur Hälfte gefüllt. Dennoch springt irgendwann ein Funke über, spätestens als Vicky, nach der Pause im kleinen Schwarzen, energisch den Saal-Chor dirigiert: „Was kann mir schon gescheh'n„ Ich liebe das Leben!“
„Hey, Frau Petermann“ , fragt sie: „Was macht denn bloß dein Peter““ . Grüße an Sarah bestellt sie noch, dann kann auch Familie Brauns ihre Anerkennung nicht mehr verhehlen. Als schließlich das Murmeltier Theo geweckt wird, geht der ganze Saal in ein rhythmisches Klatschen über: „Dieses verdammte Nest gibt mir den Rest“ , singt Vicky.
Cottbus kann sie auf keinen Fall damit gemeint haben.