Von Uwe Menschner

Das ist kein Sohn zum Vorzeigen. Deshalb muss er verschwinden, oder wenigstens zeitweise untertauchen. Seitdem sich Norman seine Freunde in der rechten Szene sucht, gereicht er seinem Vater Thomas, der sich und seinen Freundeskreis politisch eher links verortet, nur noch zur Schande. Das schreit geradezu nach einer Bestrafung, wie sie hilflose Väter ihren Söhnen gern angedeihen lassen – einem Stubenarrest. Dies umso mehr, als dass Norman trotzig darauf besteht, sich seine Freunde selbst auszusuchen und seinerseits Verachtung für den Vater erkennen lässt, welcher seiner Ansicht nach zu wenig gegen das System aufbegehrt, das auch ihn aus der Bahn geworfen hat.

Eine Konstellation, die den Rahmen für das diesjährige Preisträgerstück des Wettbewerbs „Lausitzen“ „Der Sohn“ von Oliver Bukowski bildet. Gestern erfolgte die Preisverleihung in Bautzen. Bislang liegt es erst als Fragment vor, denn gemäß den Wettbewerbsbedingungen reichte der Autor ebenso wie seine 20 Mitbewerber lediglich „ein Exposé für ein abendfüllendes Stück und eine ausgeschriebene Szene“ ein. Innerhalb der nächsten zwölf Monate soll nun daraus das komplette Stück entstehen, damit es im März 2020 an der Neuen Bühne Senftenberg zur Uraufführung gelangen kann. Darauf freut sich besonders Intendant Manuel Soubeyrand, denn er wird es inszenieren. Die erste Reaktion des Preisträgers selbst hingegen sei verhalten gewesen. Kurz zuvor hatte dieser den Auftrag erhalten, acht Drehbücher für die Folgen einer Fernsehserie zu schreiben. Und nun auch noch die Neue Bühne...

Ganz klar: Oliver Bukowski ist ein gefragter Autor – und in der Region keineswegs unbekannt. In „Birken- biegen“ hat der Professor für szenisches Schreiben, der in Berlin und Ludwigsburg lehrt, sich schon einmal an einer Lausitzer Thematik versucht. „Auch das wollte ich schon gern selbst inszenieren; aufgrund einer Erkrankung ging das aber leider nicht“, erinnert sich Manuel Soubeyrand. Für ihn übernahm eine junge Kollegin.

Bei „Der Sohn“ soll jetzt aber nichts dazwischenkommen. Schließlich will laut der von dem Senftenberger Intendanten gehaltenen Laudatio der Autor „anhand einer Cottbuser Familie mögliche Lausitzer Familienentwicklungen und -probleme beschreiben und aufzeigen, wie große Diskurse deutscher Gegenwart im Alltag einer mittelständischen Kleinfamilie gelebt werden.“ Als gebürtiger Cottbuser, so Manuel Soubeyrand, kenne Oliver Bukowski die Lausitz gut: „Mentalität und Lebenseinstellungen sind ihm nicht fremd. Seine Stücke sind ehrlich und zeigen Einblicke in menschliche Abgründe. Er ist gesellschaftskritisch und schafft es, Feindseligkeiten liebevoll und zart zu beschreiben.“

Und der solcherart Geehrte selbst? Geht eigentlich höchst ungern zu „solchen Veranstaltungen“, fand aber dennoch den Weg nach Bautzen. Oliver Bukowski nimmt in der ostdeutschen Gesellschaft einen „Ruck nach rechts, einen Ruck in die Gewalt und Verblödung“ wahr, der daraus resultiere, dass man „als das, was man ist und wo man herkommt, nicht wahrgenommen wird. Die einzige Chance, noch wahrgenommen zu werden, ist als Gefahr.“

Ebenfalls mit ostdeutschen Identitäten und den Problemen ihrer Wahrnehmung beschäftigt sich die Trägerin des Förderpreises Ulrike Müller in ihrem Stück „Ich komme aus einem Land, das nicht mehr existiert.“ Sie protokolliert insbesondere Aussagen von „Wendekindern“, von jungen Menschen, die zur Zeit des Mauerfalls acht bis zehn Jahre alt waren, und zeigt, dass es bereits in deren Selbstwahrnehmung Brüche gibt, die im Laufe der Zeit nicht kleiner werden. Der Förderpreis ist mit einem „Dankeshonorar“ dotiert. Auch diese Stückidee soll, so versichert Intendant Manuel Soubeyrand, in Senftenberg auf die Bühne gebracht werden.