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| 15:39 Uhr

Neues Format
Nie wieder so, aber anders

Hanka Mark, Tom Bartels, Alrun Herbing, Anna Schönberg, Robert Eder (v.l.) üben sich in der hohen Kunst der Improvisation.
Hanka Mark, Tom Bartels, Alrun Herbing, Anna Schönberg, Robert Eder (v.l.) üben sich in der hohen Kunst der Improvisation. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Bei der Premiere von Theatersport an der Neuen Bühne Senftenberg spielte das Publikum begeistert mit. Von Renate Marschall

Ein einzigartiger Theaterabend an der Neuen Bühne Senftenberg, aber nicht einzig. Kryptisch? Nicht, wenn man gesehen hat, was am Mittwochabend das Publikum begeisterte – das schon mal vorab. Theatersport. Ein neues Format in Senftenberg, in den 70er-Jahren erfunden von dem britischen Dramaturgen Keith Johnstone und seit Jahrzehnten von vielen Theatern mit Enthusiasmus gespielt.

Improvisationstheater, das den Akteuren ein helles Köpfchen, schnelles Reaktionsvermögen und darstellerisches Können und Fitness abverlangt. In Senftenberg alles vorhanden, wie das höchst amüsierte und von Anfang an mitspielwillige Publikum feststellen konnte.

Jeder Theaterabend hat eine feststehende Struktur, das ist aber auch das Einzige, was vorbestimmt ist. Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber. In unserem Fall Team „Schaschlik“, aus einem Schauspieler und einer Schauspielerin bestehend und Team „Die furchtlosen Vier“ mit drei Schauspielerinnen und einem Schauspieler.

Erst eine halbe Stunde vor der Vorstellung wird festgelegt, wer mit wem spielt. Alles junge Leute. Beide Teams fordern sich heraus, improvisieren sozusagen gegeneinander. Die Schwierigkeit ist, augenblicklich Geschichten zu erfinden und zu erzählen.

Zwei Richter beurteilen, wer die besseren Ideen hat. Ein Kommentator führt durch den Abend und bedient die Punktetafel. Jedenfalls versucht er es. Da kann schon mal einiges durcheinandergeraten, wenn man mehr beim Spiel als bei den Zahlen ist und noch dazu ausgetrickst wird. Aber die gestrengen Richter, die jeweils einen Stock verschluckt zu haben scheinen, sind wachsam.

Ein Blumenstrauß soll im Mittelpunkt der ersten Spielrunde stehen, schlagen die „Furchtlosen“ vor.

Eine Couch wird auf die Bühne geschoben, die drei Mädels bereiten eine Geburtstagsparty vor. Das Geburtstagskind ist nicht in Stimmung. Per Regieanweisung wird das geändert. Er soll sich freuen. Macht er glatt.

Trotzdem gelingt es einer der jungen Frauen nicht so recht, sich an ihn ranzuschmeißen. Mehrere untaugliche Versuche, bis eine andere „schwul“ in den Raum wirft. Umschalten von verschossen auf enttäuscht, verzweifelt sogar, denn das ist jetzt schon der Fünfte, bei dem ihr das passiert.

Das Publikum feiert ab. Die Richter nicht. Zwei Mal drei Punkte, zehn wären maximal drin. „Schaschlik“ entscheidet sich für einen Heiratsantrag, den der Spieler mit besagtem Blumenstrauß einer Dame im Publikum macht. Wie er sich dabei linkisch anstellt, ist ganz amüsant, aber erst, als seine Ex wie eine Furie dazwischen- springt, wird die Szene zum Knaller.

Beifallssturm vom Publikum, das an diesem Abend noch öfter zum Mitspieler oder Entscheider wird, und acht Punkte von den sonst ziemlich knausrigen Richtern. Im „Klassenzimmer“ trifft sich einmal das „Vierer“-Lehrerkollegium, um über einen renitenten Schüler zu klagen und erschießt aus Versehen einen Unschuldigen, den stellt spontan ein Spieler aus der gegnerischen Mannschaft dar. Es wird also nicht nur gegen, sondern auch miteinander gespielt. „Schaschlik“ dagegen wollen einen Vortrag über Plattentektonik halten und entscheiden sich, ihn zu tanzen. Die Pazifische und die Asiatische Platte prallen aufeinander, auch wenn es Letztere gar nicht gibt. Egal, das ist witzig und gibt außer einem Tsunami auch sechs Punkte.

Zwischen den doch etwas statisch wirkenden, immer wieder das Tempo herausnehmenden Verabredungen der Spielrunden, von denen noch viele folgen, sorgt etwa das Hutspiel – einer versucht, dem anderen die Kopfbedeckung zu klauen – für Spaß. Oder wenn die Richter, ausgebuht von den Zuschauern, Körbe für Fehlverhalten – etwa Maulen gegen die Obrigkeit – verteilen. Der gerügte Spieler bekommt den Korb über den Kopf und muss, bis er abgesessen hat, pausieren. Manchmal ertönt auch die Hupe: Ende der Szene wegen Langeweile. Selten und nach Meinung der Zuschauer auch nicht gerechtfertigt. Knallhart, diese Richter.

Das Stegreifspiel ist so alt wie das Theater selbst, seine Essenz, aus einem Wort, einem Gedanken eine ganze Welt zu erschaffen . Mit Samia Chancrin, Alrun Herbing, Marianne Helene Jordan, Hanka Mark, Anna Schönberg, Tom Bartels, Robert Eder, Patrick Gees und Sebastian Volk waren Akteure auf der Bühne – die Richter leider im Zuschauerraum und so nicht zu beobachten – die mit Spielfreude, mitunter ganzem Körpereinsatz und wenig Blackouts dabei waren. Sie bescherten dem Publikum, in dem auffällig viele junge Leute saßen, einen kurzweiligen, unterhaltsamen, inspirierenden Theaterabend, zu dem Sebastian Volk die Anleitung gab – seine erste Regiearbeit.

Viel Beifall für diesen Theatersport, den es so nie wieder geben wird, am 19. August um 19 Uhr dann aber doch – so ähnlich, aber ganz anders. Schauen Sie am besten selbst.