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| 12:52 Uhr

Standing Ovations
Zilles Berlin und der Grüne Hügel

René Kollo  am Freitagabend in der Cottbuser Stadthalle mit seinem Programm „René Kollo 80 – Die Abschiedstournee“.
René Kollo am Freitagabend in der Cottbuser Stadthalle mit seinem Programm „René Kollo 80 – Die Abschiedstournee“. FOTO: Michael Helbig
Cottbus . Der Tenor René Kollo auf  Abschiedstour begeistert das Publikum in der Cottbuser Stadthalle. Von Renate Marschall

Standing Ovations am Ende eines amüsanten, niveauvoll unterhaltsamen und musikalisch vielfältigen Freitagabends in der Cottbuser Stadthalle. „Ich lade gern mir Gäste ein“ gesteht der weltberühmte Tenor René Kollo als Prinz Orlofsky aus der Operette „Die Fledermaus“ gleich zu Beginn und verspricht nicht zu viel. Zwei Stunden lang erweist er sich als geistreicher Gastgeber voller Esprit, plaudert anekdotenreich aus der Familienchronik und aus dem Nähkästchen. Von Königsberg (Kaliningrad) über Heinrich Zilles Berlin bis nach Bayreuth geht die Reise. Immer wieder liest er ein paar Seiten aus seinen Memoiren „Mein Leben und die Musik“, singt Lieder und Arien, die jeweils einen Bezug zu Thema und Zeit haben.

Seiner Mutter Marie Louise, die er als etwas unterkühlte Norddeutsche beschreibt, seelenverwandt mit der Ortrud aus Wagners „Lohengrin“, „genau so stur und großartig“, widmet er eins der schönsten plattdeutschen Lieder „Dat du min Leevsten büst“. Vater Willi war in Königsberg geboren und in der selben Kirche getauft worden, in der Richard Wagner geheiratet hatte. Wenn das kein Fingerzeig des Schicksals in Richtung Grüner Hügel war, kokettiert René Kollo mit der doch sehr frühen Vorbestimmung.

Der Tenor stammt aus einer Musikerdynastie. Großvater Walter Kollo war in Berlin ein stadtbekannter Hansdampf in allen Gassen, dessen Lieder die Spatzen von den Dächern, auch denen der Hinterhäuser, pfiffen. Gassenhauer, die bis heute jeder mitsingen kann „Immer an der Wand lang“, „Untern Linden“ oder „Es war in Schöneberg im Monat Mai“, das der Enkel zur Freude des Publikums singt. Viele Lieder hat Walter Kollo für Claire Waldoff geschrieben, auch das vom guten Vater Zille. Dazu 41 Operetten.

Willi Kollo wiederum, also der Vater des Opernsängers, scheint etwas frühreif gewesen zu sein. Bereits mit zarten 17 hatte er eine Revue geschrieben, in der die Schauspielerin Trude Hesterberg das Lied „Eine Frau wie ich sang“. Während der Proben gab er ihr Anweisungen. Ein gut situierter Herr beobachtete das und meinte zum Intendanten: „Ich will nicht, dass der Junge in der ersten Reihe die Schweinereien hört.“ Worauf der Intendant antwortete: „Aber das Lied stammt doch von ihm.“

„Wir hatten in der Familie fünf Theater, die alle Pleite gegangen sind, man kann ein Theater nicht privat finanzieren“, erinnert sich René Kollo. Er konnte den Verlockungen der Bretter, die die Welt bedeuten, also gar nicht entgehen. „Um das wenigstens professionell zu machen, beschloss ich, Schauspielunterricht zu nehmen“, erzählt der Sänger. „Und um die Stimme zu kräftigen Gesangsunterricht bei Elsa Varena.“ Die erkannte sein Talent, schickte ihn zum Vorsingen, und das Theater in Braunschweig engagierte ihn. Eine Weltkarriere schloss sich an, in der er mit solchen Legenden wie Leonard Bernstein oder Herbert von Karajan zusammenarbeitete. „Die Götter meiner Sängerzeit sind längst emigriert.“ Der Tenor erzählt, wie er mit weichen Knien zum Vorsingen auf der Bühne des Festspielhauses in Bayreuth stand, das damals Wolfgang Wagner, ein Enkel Richard Wagners, leitete. Freundlich habe der ihm aus dem Zuschauerraum zugerufen: „Singen sie einfach, wir fressen hier keinen.“ Kollo kam fortan öfter zum Grünen Hügel, 1971 sang er den „Lohengrin“. Sein kongenialer Pianist Florian Schäfer aus Wien, „mein Orchester“, greift in die Tasten „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus Wagners Oper „Walküre“ schmettert der Tenor und noch nicht einmal die mangelhafte Tontechnik der Stadthalle konnte seiner auch im 81. Lebensjahr noch strahlenden Stimme etwas anhaben.

Kollo erzählt volle Witz von einer Tournee mit Zara Leander, die ein ganzes Weinlager mitführte und wie er seine Frau kennenlernte, indem er sie, damals Tänzerin in Hamburg, in der Theaterkantine so lange hypnotisierte, bis sie endlich zurückschaute. „Seit Jahren sind wir zwar geschieden, leben aber immer noch zusammen“, bekennt er. „Liebste glaub an mich“ erneuert er seine Liebeserklärung. Als Zugabe lässt Kollo das Publikum mit in das Land seiner Träume reisen, ein Lied, das er selbst geschrieben hat. Es ist der Traum vom Paradies, in das der Abend viele im Publikum zumindest zeitweise versetzt, wie der Beifall zeigt. Soll das wirklich Kollos Abschiedstur sein?