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| 02:40 Uhr

Temposicher, klangsinnlich, pointenstark

Da geht doch was zwischen dem Grafen Tassilo (Alexander Geller, l.) und der Gräfin Mariza (Gesine Forberger, r.)!
Da geht doch was zwischen dem Grafen Tassilo (Alexander Geller, l.) und der Gräfin Mariza (Gesine Forberger, r.)! FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Emmerich Kálmáns 1924 uraufgeführte Operette "Gräfin Mariza" hatte am Sonnabend im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus "Gräfin Mariza" Premiere. Mit dieser Produktion stellt sich Ivo Hentschel, neuer 1. Kapellmeister am Staatstheater, dem Publikum vor. Irene Constantin

. "Komm mit nach Varadin, solange noch die Rosen blühn"! Nicht nötig, sie hängen zu Hunderten vom Cottbuser Bühnenhimmel. Allerdings nur für einen einzigen Auftritt, geben Sie Acht, geneigte Operettenfreunde. Auch kommt die gefüllte Paprikaschote nur einmal in der Glitzer-Variante vor, aber so was ähnliches kann man sich ja auch zuhause an den Weihnachtsbaum hängen.

Überhaupt die Deko: Mike Hahnes Ausstattung zu Emmerich Kálmáns "Gräfin Mariza" ist ein Augenschmaus - vom blank geputzten Kerzenleuchter über Tausende Lichter in der Rosentapete bis zu den allerputzigsten Kuschelschafen, die bei jedem Liebeslied wie von Zauberhand geschoben die Bühne bevölkern. Natürlich sind auch die Kostüme ein einziges Fest, allerfeinste Balkan-Bühnenfolklore trifft auf aristokratische Nachtklub-Eleganz der 20er-Jahre, sogar ein wenig Rokoko lässt sich sehen. Für die Tänzer gibt es zusätzlich ein paar ausgestopfte Pferdehintern und lustige Schafpelz-Jüpchen.

Soweit zum Optischen; wer es revuemäßig-opulent mag, wird allerbestens bedient.

Doch auch die enorm ungarisch-zigeunerisch schluchzenden, neumodisch swingenden, lachenden, weinenden und in allem wunderbar strahlenden Melodien bekommen, was ihnen gebührt. Die Sängerriege ist großartig. Gesinde Forberger ist wie für die Titelrolle gemacht. Sie hat den großen Atem für die absolut anspruchsvolle Gesangspartie, das glitzernde Leuchten, die vokale Launigkeit - man vermisst nichts, genießt alles. Außerdem kann sie, was vielen Sängern schwerfällt, Dialoge sprechen und spielen.

Gerade dabei war der Inhaber der zweiten Edelstimme dieses Abends weniger glücklich, Alexander Geller. Er ist der zwar unglückliche, aber tüchtige Gutsverwalter Belá Törek alias Graf Tassilo, standesstolzer, eleganter Frackträger. Wie wunderbar leicht seine Stimme trägt, höhensicher, wohllautend, nuanciert und sooo traurig seufzend, dass ihn nur noch der Zigeuner mit seiner Geige aussticht. Florian Mayer ist einfach famos, einen schönen Solo-Csárdás hätte man noch gern von ihm gehört.

Peter Koppelmann und Debra Stanley gaben neben dem heimatklang-affinen Hohen Paar Gräfin und Graf das munter, adrett und modern singende heitere Paar als Komtess Lisa, Schwester Tassilos und Baron Kolomán Zsupán, fleischgewordene und fleischproduzierende Operettenfigur aus Varadin. Auch die Tänzer und die Nebenpersonen gaben sich dem Operettenspaß heiter hin, nur Carola Fischer kam mit ihrem pseudo-ungarisierten Dialog nicht wirklich zurecht. Schade, dass Regisseur Steffen Piontek nicht auf die Idee kam, diese wuchtige dea ex machina als komische Verfremdung zum Beispiel kräftig berlinern zu lassen.

Und um noch einen Glücksfaktor dieser Produktion aufzuzählen: Ivo Hentschel, neuer 1. Kapellmeister in Cottbus und offensichtlich ein Glücksgriff, spielte mit dem Philharmonischen Orchester so grandios süffig, so temposicher, klangsinnlich und pointenstark, dass es eine reine Freude war. Speziell die Gratwanderung zwischen Schmäh und Schmalz, Sentiment und Sentimentalität entschied er traumsicher zugunsten der Kunst. Bekanntlich ist es ja gerade das Leichte, was so schwer zu machen ist.

Steffen Piontek beherrscht zweifellos sein Handwerk, hat aber leider die Neigung, seine Späße einen Tick zu oft zu wiederholen. Schön die besonders von Gesine Forberger gekonnt dargebotene ironische Grundierung der opulenten Folklorezigeuner-Herrlichkeit - schwach die Antworten auf die Frage, worüber man denn in diesem Stück sonst noch ein wenig nachdenken könnte. Zum Beispiel, was hat es auf sich mit der im Stück fast penetrant betonten Adelstitelherrlichkeit in einem als Feudalstaatsgebilde krachend untergegangenen Österreich-Ungarn, wer sind eigentlich diese Hochglanz-Zigeuner im gräflichen Anwesen und wieso ist Arbeiten, und sei es als Verwaltungs-Chef, das allerschandbarste überhaupt?

Sei es drum. Als vergnügliche Unterhaltung funktioniert diese "Gräfin Mariza" rundum perfekt.