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Temporeich, höllisch und knallbunt

Cottbus. Ein abendfüllendes Werk in riesiger Besetzung stand am Wochenende auf dem Programm des 2. Philharmonisches Konzertes am Staatstheater Cottbus: Olivier Messiaens Turangalîla-Sinfonie. Von Irene Constantin

Eingeleitet wurde das von Evan Christ geleitete Konzert von einer Uraufführung, die es klanglich durchaus auch mit dem Messiaen-Werk aufnehmen konnte, “AntePrima„ von Florence Baschet.

Ein Kompositionsauftrag für großes Orchester, das gefiel der jungen Komponistin. Und, sie wusste mit den opulenten Klangmöglichkeiten durchaus etwas anzufangen - auch in den vorgegebenen fünf Minuten Spieldauer. Mit einem großen Impuls für die volle Besetzung beginnt sie und lässt ihn abschwellen bis zum zarten Solo-Klang. Nach der dreifachen Wiederholung dieses Motivs entwickelt sich eine gegenläufige Bewegung. Das Orchester holt immer wieder Atem, um sich zu voller Lautstärke zu steigern. Diese Crescendi erfolgen auf immer andere Weise, die Besetzung verstärkt sich, es gibt Entwicklungen von der Tiefe in die Höhe, die Dringlichkeit des rhythmischen Gefüges ändert sich. Man erlebt in kürzester Zeit erstaunliche Bewegungen. Der Titel des Stücks von Florence Baschet ist eine Hoffnung: “AntePrima„, “vor dem ersten Satz„. Sie möchte der in Cottbus vorgestellten Einführung gern eine ganze Sinfonie folgen lassen.

Ganz große Welt

Für Olivier Messiaen musste es die ganz große Welt und Seele umspannende Hoffnung sein. Der Titel seiner 75-minütigen Sinfonie “Turangalîla„ ist eine Zusammenstellung aus zwei indischen Sanskrit-Wörtern. Seine Bedeutung changiert zwischen “göttlichem Spiel„, “rasch galoppierender Zeit„, “Freudengesang„, “Liebe„, “Leben„, “Tod„. Unter dem hat es der Naturmystiker und Katholik Messiaen selten getan: Mehrstündige Werke lauschte er dem Gesang der Vögel ab, seine Oper “Francois d'Assise„ hat mindestens Wagner-Dimensionen.

Gedanklicher Hintergrund der Turangalîla-Sinfonie ist das mittelalterliche Epos von Tristan und Isolde. Ihre alles überwältigende Liebe hat der Komponist in einen zehnsätzigen Freudenhymnus verwandelt. “Lebendig, “leidenschaftlich„, “mit großer Freude„ aber auch “schön gemäßigt„ und “sehr zärtlich„ lauten die Vortragsbezeichnungen.

Die Besetzung der Sinfonie ist ungewöhnlich. Einem großen klassischen Sinfonieorchester steht ein zweites Ensemble gegenüber. Klavier, Celesta, ein Riesenschlagwerk mit zehn Spielern und das frühe elektrische Instrument “Ondes Martenot„, das über eine kleine Tastatur und einen Regler, der unter anderem pfeifende Glissandi hervorbringen kann, gespielt wird, bilden eine Art europäisiertes Gamelan-Orchester. Es ist vor für den kräftigen, durchdringenden, vor allem hellen Freudenklang zuständig.

Ein motorisch stampfendes Streichermotiv, das sich im Bass wiederholt, eröffnet das Stück und wird es in den folgenden Sätzen immer wieder vorantreiben. Erst einmal entwickelt es sich hin zum “Liebesthema„, einer Streicherkantilene, die durch die reinen Sinustöne der “Ondes Martenot„ eine sphärisch reine Klangfarbe erhält. Auch einen Marschrhythmus stellt die Einleitung vor. Außerdem enthält fast jeder Satz eine hochvirtuose Klavierkadenz, die immer wieder überraschend als besondere Farbe aus dem Gesamtklang herauswächst. Neben dem Liebesthema und dem unwirsch vorwärtsdrängenden Marschrhythmus gibt es ein wunderschönes schwebendes Motiv zweier solistischer Klarinetten und ein tonnenschweres Fortissimo-Thema der Posaunen.

Kontrastreiche Stimmungen

Mit dieser musikalischen Grundsubstanz bewegt sich Messiaen durch einen Kosmos musikalischer Farben und Ausdruckswerte. Evan Christ legte besonderen Wert auf die Kontraste innerhalb des Werkes. Er entlockte seinen Musikern eine Unzahl unterschiedlicher Instrumentenfarben, Akzentuierungen, Stimmungen. Er ließ nichts im Ungefähren, lag stets auf der Lauer, wollte sich Vernuscheltes, Vermischtes einschleichen. Dabei ging es durchaus nicht immer so feinsinnig schwebend und meditativ zu wie im Satz “Jardin du sommeil d'amour„, zu übersetzen vielleicht mit “Garten der Liebesruhe„, der “Liebes-Schläfrigkeit„. Ein sanfter Streicherteppich lädt zur Entfaltung geradezu ein.

Der mittlere 5. Satz könnte in Evan Christs Interpretation jede Bigband das Fürchten lehren. Die Trompetenreihe stimmte ein relativ simples synkopisch-jazziges Thema an, aber wie es durch die Stimmen und Klangfarben des Orchester hindurchvariiert wird, war ein Ausdruck des reinsten Jubels, sehr temporeich und vor allem knallbunt.

Sollte man je eine Filmmusik für allerlei spöttisch komische, ausgelassen turbulente Walpurgisnächte oder gar die Teufeliaden in Michail Bulgakows Roman “Der Meister und Margarita„ suchen, dann ist der letzte Satz der “Turangalîla„-Sinfonie zu empfehlen. Er klingt hell und grell, die “Ondes Martenot„ pfeifen ein höllisches Lied und mit einer wahrhaft orgiastischen Steigerung endet das Werk. Erschöpfung allerorten und Riesenjubel für den extrem virtuosen Pianisten Markus Bellheim, für die Ondes-Martenot-Spielerin Valérie Hartmann-Claverie, die, keine Noten benötigend, das ganze überlange Werk auswendig kennt, für Evan Christ und das vorzügliche Cottbuser Orchester.