In Sachen Fanhysterie wurde er am Donnerstag locker ausgebootet von vier Magdeburger Jungspunden mit dem schönen Namen Tokio Hotel, der viel Raum für eine internationale Karriere lässt. Vorerst räumt die Band der beiden 16-jährigen Zwillinge Bill (Gesang) und Tom Kaulitz (Gitarre), flankiert von einem 17-jährigen Drummer und einem 18-jährigen Bassisten, in Deutschland ab - und wird wohl morgen auch bei der Echo-Verleihung kaum leer ausgehen.
Eine interessante Sache durchaus auch für Leute jenseits der Pubertät, wovon sich einige am Donnerstag auch persönlich überzeugten. Zumeist vermutlich nicht ganz freiwillig, sondern weil das Gesetz die Begleitung unter 14-Jähriger bei Konzerten vorschreibt. So erlebten zwei Generationen ein bemerkenswertes Konzert, wobei die als Hauptzielgruppe infrage kommende teilweise sehr jung war. Etliche Besucher dürften keine zehn Jahre alt gewesen sein.
Zu erleben waren anderthalb Stunden professionell vorgetragener Teenierock, der die großen Themen der jungen Menschen auf die Bühne brachte. Die Show begann quasi programmatisch mit dem Lied "Jung und nicht mehr jugendfrei". Schließlich sind die vier über Nacht zu Popstars aufgestiegenen Magdeburger auch dafür berühmt, eine von älteren Musikerkollegen längst ignorierte Rockstartradition neu zu beleben: Sie zerlegen Hotelzimmer und organisieren sich Hausverbote.
Allein für diesen Mut zum Ungezogenen ist ihnen viel Anerkennung von ihren Fans gewiss. Die sind ohnehin froh, endlich mal nicht schmalzige Superstar-Kandidaten oder Boygroup-Weicheier vorgesetzt zu bekommen. Tokio Hotel verkaufen forschen Einfachrock mit genau jenem Schuss Glaubwürdigkeit, der reicht, um Frühpubertierende zu rühren. Ihr Ausbrecherimage beziehen die Musiker besonders aus ihren Songtexten, in denen sie zum Beispiel echte Erfahrungen als Scheidungskinder wiedergeben.
Darüber hinaus singt Bill, der androgyne Mädchenschwarm, den kompletten Backkatalog klassischer Teenagernöte und -wünsche herunter: "Ich bin nicht ich", "Gegen meinen Willen" "Lass uns hier raus", "Leb' die Sekunde" und vor allem "Schrei!". Was das Publikum willig und oft befolgte. Bill, der sich nach wenigen Monaten Hysterieerfahrung als gewiefter Frontmann erweist, zeigt sich von so viel Zuneigung spürbar überwältigt und bedankt sich artig beim Publikum für dessen Euphorie. So viel Freundlichkeit passt eigentlich kaum zur Rebellenattitüde der Band, aber der schlimme Finger ist ja offenbar Bruder Tom, der schon mit 15 seine Promiskuität gepriesen hatte (25 vernaschte Mädels bis dato). Wenn Tom in coole Gitarristenposen verfällt, schlägt der infernalische Lärmpegel noch ein St ück aus. Auch der Drummer sitzt irgendwann mit nacktem Oberkörper an seiner Schießbude und genießt die ekstatischen Blicke.
Zwischen den Fans stehen derweil fassungslose junge Eltern, deren Blick sagt: So muss es wohl bei den Beatles gewesen sein. Etliche Herrschaften haben sich lieber ins Foyer verzogen, wo sie mit anderen Erziehungsberechtigten bei Cola und Knabberzeug das Phänomen erörtern, dass die Kinder immer früher den Popmusikern verfallen. Dabei blicken sie gelegentlich besorgt auf, ob das Kind, welches gerade von Sanitätern auf der Bahrre vorbeigetragen wird, nicht etwa ihres ist. Sie mussten oft gucken, am Ende sollen 267 Mädchen dem Fantaumel nicht gewachsen gewesen sein. Als Tokio Hotel nach 90 Minuten zum zweiten Mal ihren größten Hit "Durch den Monsun" spielen, sind alle erlöst: Fans, Eltern und Ordner. Und das Teenagerleben zwischen Schule und Kinderzimmeraufräumen geht wieder seinen schrecklichen Gang.