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Tatwaffen verspeist man am besten

Ein schaurig-schöner Abend mit Franziska Troegner und Jaecki Schwarz.
Ein schaurig-schöner Abend mit Franziska Troegner und Jaecki Schwarz. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Schwarzhumorige Kurzgeschichte des britischen Autors Roald Dahl: Die Zuschauer an der Neuen Bühne Senftenberg amüsierten sich am Samstagabend köstlich bei der szenischen Lesung "Mit der Lammkeule auf dem Weg zum Himmel" mit Franziska Troegner und Jaecki Schwarz. Renate Marschall / mar1

Das Leben zieht mitunter merkwürdige Kurven mit überraschenden Wendungen. Manchmal auch schlägt das Schicksal heftig zu - und wenn nicht, tut man es eben selbst. Dann am besten so, dass niemand etwas davon mitbekommt. Wie das geht? Roald Dahl hat da einige probate Ideen. In seinen Geschichten tummeln sich skurrile Gestalten, wie die Zimmerwirtin, die es auf hübsche junge Männer abgesehen hat und offensichtlich nicht nur Dackel und Papagei ausstopft. Meist aber strebt der normale Wahnsinn einem außergewöhnlichen Ende zu.

Damit die Zuschauer wissen, woran sie sind, klingt es gleich zu Beginn nach Hitchcock - tatsächlich dienten einige von Dahls Geschichten als Filmvorlage. An diesem Abend wird nur gelesen. Aber was heißt nur? Franziska Troegner, die 18 Jahre am Berliner Ensemble, später auch an anderen Häusern, Theater gespielt und es mit dem Film "Charlie und die Schokoladenfabrik" bis nach Hollywood geschafft hat, und Jaecki Schwarz, bekannt vor allem durch den Konrad-Wolf-Film "Ich war 19" und seine Rolle als Kommissar Schmücke im "Polizeiruf 110" , schaffen allein mit ihrer Stimme Kulissen und Atmosphäre. Gute Schauspieler können das. Die Szenen entstehen von ganz allein als Bilder im Kopf.

Wir sehen Mrs. Foster in der prächtigen Halle ihrer mit einem Fahrstuhl ausgestatteten sechsstöckigen New Yorker Villa umhertigern und auf den Gatten warten. Da wissen wir schon, dass die Dame des Hauses unter der pathologischen Angst leidet - etwas zu vergessen, noch schlimmer, zu spät zu kommen. Jetzt will sie zum Flieger, um ihre Tochter und die Enkel in Paris zu besuchen. Sechs Wochen wurden ihr vom Gatten, der selbst für diese Zeit in den Club ziehen und das Personal beurlauben wollte, gestattet. Unbedingt will er sie noch zum Flughafen begleiten, nur wird und wird er nicht fertig.

Immer wieder fragt Mrs Foster den Butler nach der Zeit, ruft ihren Mann. Seit einer Stunde schon ist sie reisefertig. Wo bleibt er? 30 Jahre sind sie verheiratet, er weiß doch, wie sie leidet. Endlich steht er neben dem Auto, da fällt ihm auf, das Geschenk für die Tochter nicht bei sich zu haben. "Bestimmt habe ich es im Schlafzimmer liegen lassen", teilt er mit. Minute um Minute vergeht. Mrs. Foster ist verzweifelt. Sie eilt zum Haus, will ihn rufen, bleibt aber lauschend an der Haustür stehen. Dann läuft sie zurück zum Wagen und gibt dem Chauffeur die Anweisung, schnellstens zum Flughafen zu fahren. Sie kommt gerade noch zurecht. Jede Woche schreibt sie ihrem Mann einen Brief. Doch wie merkwürdig: Als sie zurückkommt, öffnet niemand auf ihr Klingeln die Tür. Glücklicherweise hat sie den Schlüssel dabei. Noch in der Eingangstür, die sich wegen der vielen Post, die sich dahinter türmt, kaum öffnen lässt, weiß sie, was passiert ist und auch der Titel der Geschichte "Der Weg in den Himmel" erschließt sich: Sie ruft - ein sanftes Lächeln auf den Lippen -den Fahrstuhlmonteur . . .

Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind ja ein unerschöpfliches Thema und auch Roald Dahl, der insgesamt 60 Kurzgeschichten geschrieben hat, weiß manches darüber zu erzählen. Patrick Maloney, von Beruf Polizist, will seine schwangere Frau verlassen. Mary versteht nicht und geht zur Tagesordnung über: das Abendessen zubereiten. Sie geht in den Keller, um aus der Kühltruhe eine Lammkeule zu holen. Doch Patrick erklärt ihr: "Koch bloß kein Essen für mich. Ich gehe aus." Fast wundert sie sich, als die Lammkeule auf Patricks Schädel landet, er umfällt. Sie geht in die Küche, würzt das Fleisch und schiebt es in die Röhre. Erst dann ruft sie auf dem Polizeirevier an. Sie weinte heftig, so schrecklich war es, ihren Mann tot im Wohnzimmer gefunden zu haben. Die Untersuchungen dauern, die Tatwaffe ist nicht zu finden, der Lammbraten aber inzwischen fertig. Die hungrigen Polizisten freuen sich über die Einladung zum Essen. Merke: Die beste Methode, eine Tatwaffe zu entsorgen, ist, sie aufzuessen.

Einen gewissen Hang zum Makaberen konnte man diesem Abend nicht absprechen. Wenn das so gekonnt verpackt, zum Lachen und zum Nachdenken ist, dann kann man getrost von intelligenter Unterhaltung sprechen. Die Zuschauer lohnten es mit viel Beifall. Vom Intendanten Manuel Soubeyrand gab es Blumen und ein großes Osterei.