Mitten auf der dunklen Bühne zwei Seelen, die sich berühren. Nicole Nau & Luis Pereyra tanzen einen Tango, der Schmerz, Verlust und Verlorenheit in sich birgt, aber auch eine Liebe, die sie mit jedem Tag mehr zu einer Einheit werden lässt, wie die Tänzerin beim Signieren ihres Buches nach der Vorstellung erzählt. „Tanze Tango mit dem Leben“ heißt das Buch. Und es erzählt nicht nur die Geschichte der Liebe zweier Menschen, die aus zwei verschiedenen Welten durch den Tanz immer mehr zueinander finden. Es berichtet auch von Einsamkeit, Stolz, Krisen, von der Armut der Indios Argentiniens, von der Härte des Lebens.

Und auch davon erzählt ihr gemeinsamer Tango, der förmlich aus der Erde zu kommen scheint. Schwingungen, die in den Körper zurückfließen. Beine amüsieren sich, verhakeln sich, drängen in rasante Schrittkombinationen und schwindelerregende Drehungen. Gemeinsam mit vier weiteren Paaren, jeden von ihnen mit den Augen zu folgen, ist eine Entdeckung, schürfen sie an den Ursprüngen des Tangos. Während sie den Boden streicheln, ihm ihre Figuren aufmalen, gehen sie eine innige Verbindung ein, die sich in explosiver Energie entlädt.

Das Leben spielt die Hauptrolle

Das Spektakuläre erwächst aus dem Tanzen, schielt nicht nach Stilettos und Show-Schnickschnack. Auch wenn Nicole Naus selbst entworfene Kostüme durchaus den Augen schmeicheln und auch die gelernte Grafikdesignerin nicht verleugnen – im Vordergrund steht das pure Leben, die Seele Argentiniens, die der argentinische Kulturpreisträger Luis Pereyra in seine Choreografie hineingeschrieben hat.

Schon im Alter von fünf Jahren stand er das erste Mal auf einer Bühne, mit neun tourte er mit einer Folklore-Tanzgruppe durch sein Heimatland. Mit Mitte 20 wurde der Tänzer und Choreograf mit dem Musical „Tango Argentino“ in der ganzen Welt gefeiert. Zur Jahrhundertwende gab es dafür den Tony Award für die beste Choreografie.

Auch in Vida! ist zu spüren, wie der nunmehr Mittfünfziger aus der Erde und der Musik als Ursprungskräfte des Tanzes schöpft. Und so erklingen hier nicht nur klassische Tangos, Milongas und seine überbordenden folkloristischen Geschwister, deren bekannteste die Chacarera ist. Die Tänzer sind zugleich Musiker, die bestens mit den authentischen Instrumenten Südamerikas umzugehen verstehen. Und auch die Stimme wird zum Instrument, wenn die Lieder voller Melancholie und Lust vom Lebensgefühl der Argentinier erzählen.

Archaische Kraft der Trommeln

Das speist sich nicht aus dem Tango allein. Und so gibt nicht das Bandoneon hier den besonderen Rhythmus vor. Es sind vor allem die Bombo-Trommeln, die gleichsam eine archaische Kraft erzeugen. Pereyra steppt nicht nur in einem atemberaubenden Tempo. Meisterhaft vermag er auch die Boleadoras zu schwingen, die er gemeinsam mit den anderen Tänzer, wie Lichtblitze herumwirbeln lässt.

Im Finale werden noch einmal alle Register gezogen, trifft dann auch die Musik Piazzollas, des großen Tango-Erneuers, auf uralte Tradition. Für jene Lausitzer unter den Zuschauern, die vor einiger Zeit bei Nicole Nau und Luis Pereyra in die Tangolehre gegangen sind in dem Versuch, deren außergewöhnliche Energie aufzunehmen, birgt diese Show auch die Erkenntnis. Argentiniens Magie reicht weit über den Tango hinaus.

Zuschauerstimmen und Service


Renate und Wolfgang Abshagen aus Hoyerswerda: Diese Schnelligkeit des Tanzes hat uns als Tangotänzer besonders beeindruckt. Wir haben ja Luis‘ Impulsivität auch schon im Unterricht kennengelernt. Aber wir sind nicht allein gekommen, um den Tango zu erleben, sondern auch, um das Land Argentinien in seiner Gesamtheit besser zu verstehen.

Helga Koar, Tangotänzerin aus Cottbus: Eine sehr argentinische Vorstellung! Schön, dass einige Lieder übersetzt wurden. Das hätte auch gern öfter passieren können.

Dagmar Kempf aus Pirna ist mit ihrer Schwester Rosa gekommen: Ich bin offen für alles. Freue mich, Dinge zu sehen, die ich noch nie gesehen habe. Alles muss vielleicht nicht noch einmal sein. Aber dieses Finale war wirklich grandios.

Buchtipp: Nicole Nau: Tanze Tango mit dem Leben. Verlag Bastei Lübbe. 9,99 Euro.

Weitere Vorstellungen: 5. November in Halle, 6. November in Zwickau, 11. November in Leipzig