| 17:22 Uhr

Lesung
Eckeneckepen und Landregen im Gemüt

Svenja Leiber, die neue Spreewald-Literaturstipendiatin, las in Burg im Hotel Zur Bleiche.
Svenja Leiber, die neue Spreewald-Literaturstipendiatin, las in Burg im Hotel Zur Bleiche. FOTO: Michael Helbig
Burg. Svenja Leiber, neue Spreewald-Literaturstipendiatin, las in der Bleiche in Burg aus ihrem Erstling „Büchsenlicht“. Von Renate Marschall

Sie sei der Winter, sagt Birgit Holler, die Buchhändlerin im Hotel „Bleiche“ in Burg über Svenja Leiber. Genauer gesagt ist sie die Gewinnerin des Spreewald-Literaturstipendiums Winter 2017/2018, wobei, wenn man sie so erlebt, der Winter gar nicht zu ihr passen mag. Mit ihrer hellen, angenehmen Stimme hat sie eher etwas Frühlingshaftes. Sei‘s drum. Sie sei sehr glücklich über dieses besondere Stipendium an „einem perfekten Ort, um zur Ruhe zu kommen und ein neues Buch zu beginnen“. Es wird ihr fünftes. Das vierte ist in Lauerposition, kommt im Frühjahr heraus.

Die junge Autorin liest in Burg aus ihrem Erstling „Büchsenlicht“  Kurzgeschichten, die in einem einen Dorf nahe Hamburg spielen, einem Dorf, wie das, in dem sie groß geworden ist. Es ist kein freundliches Bild, das die Autorin von einem Leben zeichnet, das in Gleichmut dahinfließt und das die meisten Menschen kaum als solches akzeptieren würden: Frau Leites kocht Holunderblütensaft in leere Kornflaschen ein, und die Jugend verblüht am Glascontainer, während auf der Pappelkoppel die Drillmaschine aufsetzt. Die Menschen hier haben schwere Erde an den Stiefeln und Landregen im Gemüt. Bei Holm ist es noch was anderes. Er sieht überall Augen, vor denen er auf der Flucht ist, da hilft ihm auch seine Klarinette nicht. Auch sie ist schwarz. Viel zu viel böses Schwarz sieht er, wenig Weiß - „Schwarz beginnt, Weiß gewinnt“. Holm hilft nach: Feuer ist weiß. Eckeneckepen raunen sich die Dorfbewohner zu. Der äußerst hinterlistige Feuergeist aus der norddeutschen Sagenwelt, der auch in Theodor Storms „Regentrude“ sein Unwesen treibt, soll da seine Hände im Spiel gehabt haben.

Realität und Fiktion treffen sich in den Geschichten der inzwischen vielfach ausgezeichneten Autorin. Geschrieben in einer feinen, sehr genauen Sprache, in der die Sätze beinahe ein Versmaß zu haben scheinen. Man könnte stundenlang zuhören. Selbst bei etwas derberen Erzählungen wie „Raschbichler“, einer unterhaltsamen Studie über dörfliche Festivitäten wie Beerdigung und Hochzeit. Kein Problem, wenn sie auf denselben Tag fallen. Spielt die Kapelle eben bis zur Dorfmitte einen Trauermarsch, um anschließend dem Brautpaar aufzuspielen.

Svenja Leiber beschreibt und charakterisiert ihre Figuren so genau, dass sie in den Raum zu treten scheinen – sympathisch sind sie nicht. Sie sind eben wie sie sind, die Autorin enthält sich des Urteils. Jede einzelne Geschichte ist stringent erzählt, als Ganzes verwoben zu einer Milieustudie über das Leben in der tiefsten Provinz, dem sie selbst gleich nach dem Abitur nach Berlin entflohen ist. Geschrieben habe sie schon immer, bekennt sie den vielen Interessierten in der „Bleiche“. Dass sie es heute professionell betreibt, daran sei ein Zufall schuld. Wütend darüber, dass einer ihrer Freunde beim Literaturwettbewerb Prenzlauer Berg mit der Begründung abgelehnt wurde, das Dörfliche interessiere nicht, bewarb sie sich im Folgejahr selbst mit einer Dorfgeschichte. Sie gewann den Preis und die Aufmerksamkeit einer Lektorin des Ammann Verlages Zürich, die wissen wollte: Haben Sie noch mehr davon? 2005 erschien „Büchsenlicht“. Inzwischen hat sie zwei Romane nachgelegt, 2010 „Schipino“ bei Schöffling & Co. Frankfurt am Main und 2014 „Das letzte Land“ bei Suhrkamp. In „Schipino“ zieht es sie in die russische Waldai im Nowgoroder Gebiet, um der tragischen Geschichte Deutscher und Russen nachzuspüren.

„Das letzte Land“ beschreibt ein Künstlerleben in den Wirren eines kriegerischen Jahrhunderts mit Naziherrschaft und Holocaust. 2010 habe sie dann begonnen, für ihren neuen Roman „Staub“ zu recherchieren, der im Nahen Osten spielt, so die Schriftstellerin. Immer wieder habe sie sich in dieser Zeit von der Realität überholt gefühlt. Als das Buch fertig war, kämpfte Europa mit der Flut der Flüchtlinge. Gemeinsam mit dem Verlag entschied sie, mit der Herausgabe zu warten, in ein paar Wochen ist es so weit. Mittlerweile hat sie eine neue Geschichte im Kopf, die einer heute 97-jährigen Umsiedlerin aus Königsberg (Kaliningrad). „Ich habe ihre Lebenserinnerungen, in denen auch der Spreewald vorkommt, auf Tonband aufgenommen“, erzählt Svenja Leiber. Aber natürlich wird sie noch ganz viel Zeitgeschichte und eigene Fantasie dazu tun. Ein ruhiges Plätzchen, die Gedanken zu ordnen, ist ja gefunden.

Nächste Lesungen: 17. Januar, Russland – eine Winterreise aus dem Roman „Schipino“;

24. Januar,  Orpheus  oder die Bienenzucht aus dem Roman „Das letzte Land“;

31. Januar, Lesung aus dem Roman „Staub“, für den sie 2010 den Nahen Osten bereiste.