„Wanted“ . Was klingt wie ein Steckbrief, hat mit einem Steckbrief im Grunde nichts zu tun. „Mit der Suche nach etwas Verlorengegangenem schon“ , sagt Gundula Peuthert. Und es nährt eine gewisse Spannung.
Nach „Training der Seele“ , einem Tanzabend, der 25-mal erfolgreich in der Kammerbühne gezeigt wurde, geht es in dieser Uraufführung um Seelensuche. „Mehrere Menschen treffen sich an einem Ort, jeder mit seiner eigenen Geschichte und Befindlichkeit, jeder ein Protagonist. Mit ihren Gefühlen und Problemen prallen die Menschen aufeinander, lassen einander abprallen, geben Impulse und Gegenimpulse“ , so nimmt Musikdramaturg Bernhard Lenort das Geschehen wahr, das nur schwer in Worte zu fassen ist.
Denn die Gefühle verwandeln sich in Bewegung, Zustände wechseln zwischen Verflüssigen und Gerinnen. Die Figuren suchen nach Zielen und ihrem Platz, sind aber vor allem immer unterwegs zwischen sich verändernden riesigen farbigen Wänden. Auch Worte kommen ins Spiel, sogar Videoinstallationen. . .
„Es sind Bilder, die in meinem Kopf entstehen, von denen ich anfangs nicht weiß, was sie bedeuten. Es kann sein, dass sie sich formen, es kann sein, dass sie sich selbst verwerfen“ , schildert die Choreografin den Prozess ihrer Arbeit. Wie ein Puzzle fügen sich Bruchstücke während der Probe zu verblüffenden Bildern, entwickelt sich spielerisch die Choreografie. Musikdramaturg Bernhard Lenort fühlt sich dabei an einen Kleist-Aufsatz erinnert: „Die ällmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.“

Sinnlichste Ausdrucksform
Ganz auf Worte wird auch während dieses Tanzabends nicht verzichtet. „Mit dem Text ist es so wie mit einem Denkmal. Man sollte ihn kaum merken, aber ihn vermissen, fehlte er“ , hofft Gundula Peuthert, wobei sie als Choreografin natürlich vor allem auf die Körpersprache setzt. Sie ist beredt, bevor ein Wort fällt und währenddessen und selbst wenn das Wort längst erloschen ist.
„Für mich ist Tanz die sinnlichste und ursprünglichste Form, etwas zum Ausdruck zu bringen. Eine vermeintlich abstrakte Sache ist dann nicht mehr abstrakt. Jeder findet Zugang zu einer gefühlten Bewegung. Ich staune manchmal über die Wahrnehmung der Zuschauer und bin glücklich, wenn sie meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen können, eigene entwickeln und sogar Reflexionen erspüren, an die ich nur vage gedacht, die ich aber nicht ausgestellt habe“ , sagt die gebürtige Cottbuserin, die Worte, kaum ausgesprochen, auch gern wieder in Frage stellt, weiter nach dem treffendsten Ausdruck suchend, den sie nur in der Bewegung findet.
Im Kinderballett des Konservatoriums lernte Gundula Peuthert einst ihre ersten Tanzschritte. Sie studierte an der Ballettschule Leipzig, später Choreografie in Berlin und im Meisterstudium an der Palucca-Schule Dresden, sammelte Erfahrungen an verschiedenen deutschen Theatern. In Cottbus hat sie sich längst mit viel beachteten Choreografien einen Namen gemacht, den Wandlungen der Seele nachspürend.
Im Sommer nun wird sie als Chefchoreografin an das Theater Görlitz gehen. Eine reizvolle Herausforderung für die 37-Jährige, findet sich doch dort eine völlig neue Gruppe zusammen.
Vorerst aber spuken in ihrem Kopf die Bilder von „Wanted“ herum, die sie gemeinsam mit den ihr vertrauten Tänzerinnen und Tänzern des Cottbuser Staatstheaters zu einem Tanzabend fügt. Der besteht aus drei Teilen, eigentlich sogar aus vier. Der erste ist ein Solostück mit Gasttänzerin Elena Sommer-Freundt, die seit langem mit dem Cottbuser Staatstheater eng verbunden ist. Das Stück, in dem tänzerische Elemente mit Sprache und Video verwoben werden, nennt sich „Wanted Svhet'zes“ , was nach „schwer hat s'es“ klingt oder nach „einem alten jiddischen Begriff für Seufzer“ , sagt Gundula Peuthert. Es wird auf der Probebühne Premiere haben.

Spiel mit der Bewegung
Uraufführung aber hat das zweite Stück „Wanted Wanted“ , in dem Menschen, die miteinander in Beziehung stehen, sich scheinbar aufeinander einschwingen, sich suchen und wieder verlieren, sich verhaken und wieder lösen . . . „Erzählt werden ganz kleine Geschichten, aber auch existenzielle. Jede davon könnte einen ganzen Abend füllen“ , glaubt Gundula Peuthert, die auch den dritten Teil des Abends, eine Videoinstallation im Foyer der Kammerbühne, inszeniert sowie den Bonus zum Schluss: Einen Film namens „Re'change“ .
Ein Wortspiel aus den englischen Begriffen für rückläufig und tauschen. Ein Spiel mit der Bewegung.