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Stimme der Gosse mit Herz

Stefanie Hertel bei der "Großen Show zum Muttertag" mit Sven Gillert (l.) und Hagen Stoll.
Stefanie Hertel bei der "Großen Show zum Muttertag" mit Sven Gillert (l.) und Hagen Stoll. FOTO: dpa
Cottbus. Haudegen hat am 21. Juli ein neues Album herausgebracht. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit Hagen Stolz und Sven Gillert, die am 26. Oktober im Cottbuser Glad-House erwartet werden.

"Blut, Schweiß & Tränen" ist ein Dreifachalbum. Warum reichte nicht eins?
Stoll Alle drei Worte, die den einzelnen Alben den Titel geben, stehen konzeptionell in einen Kontext mit unserer Musik. Blut steht für Härte und für das Blut, dass wir als Künstler gelassen haben, Schweiß steht für die ganze Zeit, die wir geackert haben, und Tränen steht für unsere emotionalste Seite. Es geht um Kopf, Herz, Seele von uns zweien, und das wollten wir nicht einfach alles auf einem Album zusammenschmeißen.

Gillert Wir standen vorher immer im Halbschatten, sodass immer nur eine Seite von uns zu sehen war, jetzt ist halt Licht an. Die Leute können uns so besser sehen, begreifen und fühlen.

Sie hatten dieses Jahr via Facebook gegen die Südtiroler Band Frei. Wild ausgeteilt. Wollten Sie damit etwas klarstellen in Bezug auf Haudegen?
Gillert Ja, obwohl wir uns eigentlich schon oft positioniert hatten, wollten wir noch mal ernsthaft und laut Stellung beziehen. Wir haben keine Lust, in dem Riesenbecken Deutschrock in einem Schwarm von Fischen mit zu schwimmen, die uns nicht gefallen. Gerade bei Frei. Wild haben wir hinter den Kulissen Sachen erlebt, die uns eine klare Meinung über die Band erlauben. Wenn du dir die Songs anhörst, merkst du, wie sich da die Hintertür in die rechte Szene offen gehalten wird. Das hat nichts mit unseren Vorstellungen zu tun. Unsere Musik soll für Charakterstärke stehen und auch Hoffnung geben.

Stoll Letztlich geht es darum, sich seiner Verantwortung klar zu sein. Seit wir am Start sind, reden wir ja immer von Verantwortung gegenüber unseren Hörern, auch den beiläufigen Hörern. Gerade in der jetzigen Zeit gilt für Künstler: Entweder du schlängelst dich wie eine Schlange durchs Gras oder du sagst deine Meinung laut, so wie Campino oder Die Ärzte. Wir haben es auch getan, und wem das nicht passt, der muss auch unsere Musik nicht hören, denn die deckt sich nun mal mit unserer Einstellung.

Haben sich Fans von Ihnen abgewendet?
Stoll Uns war bewusst, dass wir etliche Menschen verlieren, die eben nicht nur uns hören, sondern auch andere Bands. Mit unserem Statement wollten wir provozieren, dass Menschen mit nationalem Gedankengut sich von uns entfernen.

Wer Sie nur oberflächlich wahrnimmt, erlebt voll tätowierte Ex-Hooligans, die deutsche Härte im Sound und Marzahn-Ghetto-Style im Video präsentieren. Ist das Klischee ein Problem?
Stoll Mal angenommen, wir wären nicht tätowiert und würden mit weißem Hemd auftreten wie Herr Engler von Pur, wäre dann irgendwas anders?

Hm, also ich könnte mir vorstellen, so mit weißem Hemd und ohne Tattoos bei Carmen Nebel, und dann singen Sie eine Ballade, ja, dann würden Sie wahrscheinlich viele lieb haben.
Stoll Hatten wir gerade durch. Wir waren bei der MDR-Muttertags-Gala mit dem Song "Ein Geschenk". Es hat gefallen ohne Ende.

Muttertags-Gala?
Stoll Ja, das war Schlager pur, moderiert von Stefanie Hertel. War wunderschön.

Interessant. Immerhin bezeichnen Sie sich als Stimme der Gosse. Was ist für Sie Gosse?
Gillert Eher was Romantisches.

Stoll Gosse ist Straße, auf der teils andere Gesetze gelten. Von daher kommen wir. Die Straße ist ehrlich, sie gibt dir das, was dir woanders nur vorgegaukelt wird. Wahrheiten, wie sie auf der Straße gesagt werden, wirst du medial und in der Gesellschaft schwer finden können.

Sehen Sie sich als Sprachrohr?
Stoll Natürlich können jetzt wieder Leute sagen: Guckt ma, jetzt kommen die damit wieder um die Ecke, Stimme der Gosse. Aber ja, so empfinden wir uns, und Leute von der Straße bestätigen es ja oft: Was ihr sagt, liegt uns auf der Zunge, ich kriege es aber nicht gesagt.

Gillert Vor allem hört ihnen keiner zu. Wenn man schon viele Menschen mit seiner Musik erreicht, sollte man auch versuchen, damit etwas zu bewirken.

Ihr raues Image als Ex-Türsteher ist das eine, anderseits bekennen Sie sich als Fans von Klaus Lage und Reinhard Mey.
Stoll Wir sind auch nur normale Menschen. Nur weil du mal in der Hooligan-Szene unterwegs warst, heißt das doch nicht, dass du kein Herz hast. Es gibt so viele stabile Jungs, die abends Helene Fischer anmachen. Wir bekennen uns eben zu unseren Ecken und Kanten. Dabei haben die anderen doch auch alle Leichen im Keller.

Mit Hagen Stoll und Sven Gillert sprach Gunnar Leue/leu1.