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| 18:33 Uhr

Interview mit Stephan Märki
„Ich habe eine ostdeutsche Seele“

 Stephan Märki, neuer Intendant und Operndirektor des Staatstheaters Cottbus ab Spielzeit 2020/21.
Stephan Märki, neuer Intendant und Operndirektor des Staatstheaters Cottbus ab Spielzeit 2020/21. FOTO: Staatstheater Cottbus
Cottbus. Vertrag unter Dach und Fach: Der designierte Intendant Stephan Märki spricht über seine Vorliebe für runde Tische, Debatten und Duellköfferchen und entwickelt seine Vision für ein funkensprühendes, lebensfrohes und weltoffenes Staatstheater Cottbus als Hotspot der Region. Von Ida Kretzschmar

Wir treffen uns im Intendantenzimmer des Staatstheaters. Stephan Märki denkt gar nicht da­ran, im altehrwürdigen Sessel des Prinzipals Platz zu nehmen. „Ich bringe meinen eigenen runden Tisch mit“, kündigt er an. Auch ein ledernes Duellköfferchen gehört zu seinem Gepäck auf seinen Reisen durch die Theaterlandschaft. Wie auch zwei vor Ort ersteigerte Putten vom Cottbuser Jugendstil-Tempel. Seit dem 29. Mai nun ist sein Vertrag mit der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus Frankfurt (Oder) unter Dach und Fach. Ab der Spielzeit 2020/21 wird er neuer Intendant am Staatstheater Cottbus sein.

Stephan Märki, verraten Sie zunächst: Was hat es mit dem runden Tisch auf sich?

Märki Mein erstes Theater, das ich nach der Schauspielschule in München gründete, hieß Teamtheater. Diese Form der Arbeit begleitet mich bis heute. Sie ist die formvollendetste, aber auch die anfälligste Art, am Theater kreativ zusammenzuwirken. Denn es nützt der beste Solist nichts, wenn nicht das ganze Haus mitdenkt und mitmacht. Partnerschaftliches Arbeiten, in das jeder sein Spezialwissen und -können zugunsten des Ganzen einbringt, ist dann herstellbar, wenn sich alle in dem wiederfinden können, wofür sich allabendlich der Vorhang hebt. Teamwork setzt also voraus, dass jede und jeder sich ihrer eigenen Verantwortung und der Verantwortung fürs Ganze bewusst sind. Meine Aufgabe sehe ich darin, dies zu moderieren und zu regulieren, aber natürlich auch darin, ästhetische Impulse zu setzen.

Unlängst bekam ich den Hinweis: Die Form des Tisches ist letztlich unerheblich, solange man einander nicht über den Tisch zieht. Sie sind dafür bekannt, Kontroversen nicht aus dem Weg zu gehen. Welchen Führungsstil pflegen Sie?

Märki Ich suche sie nicht, aber gehe auch nötigen konstruktiven Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg. Da gibt es klare Spielregeln, an die man sich halten muss. Wer kritisiert, muss seine eigene Kritikfähigkeit unter Beweis stellen. Und Auseinandersetzungen sind eine Frage der Form: miteinander, nicht über einander.

Hier ging es in den vergangenen Wochen hoch her. Das Cottbuser Ensemble hat selbstbewusst und mutig dafür gesorgt, dass Misstöne öffentlich wurden, Verträge gekippt und Stühle neu besetzt werden müssen am Staatstheater.

Märki Von Mitverantwortung halte ich viel, nur muss sie gegenseitig sein. Ich weiß, dass das Staatstheater hochmotivierte Mitarbeiter mit Energie und der Bereitschaft hat, etwas zu riskieren. Nach der Debatte wurden Forderungen auf ihre Konsequenzen für das Ganze hinterfragt, und es wurde sichergestellt, dass das Ganze auch verantwortlich vertreten wird. Widerspruch erfordert von jedem und jeder eine Verantwortung fürs Ganze. Denn eine Rufschädigung ist schnell hergestellt. Und sie wird meist von wenigen verursacht. Die Wiederherstellung dauert viel länger. Und daran sind alle beteiligt.

Wie fühlt sich das für Sie an, ausgerechnet an dem Ort als Intendant anzutreten, wo Ihre historischen Theaterputten herkommen?

Märki Seit mehr als 20 Jahren begleiten die Theaterputten meinen Weg. Ich habe mir immer gewünscht, hier Theater zu machen. Und doch hätte ich nie gedacht, dass es tatsächlich dazu kommt. Es ist so, als würde sich für mich ein Kreis schließen. Ich war schon vor der Wende oft im Osten im Theater. Erlebte auch Christoph Schroths „Wilhelm Tell“ in Schwerin. Da brannte förmlich die Luft. So muss Theater sein, dachte ich damals, mit dieser gesellschaftlichen Relevanz und Dringlichkeit. Als ich von 1993 bis 1997 Intendant in Potsdam war, bin ich oft nach Cottbus gepilgert, wegen Schroths Zonenrandermutigungen (Christoph Schroth war von 1992 bis 2003 Intendant in Cottbus, d. R.), aber immer mehr auch wegen dieser speziellen Kraft des Theaters. Cottbus hat eines der schönsten Theatergebäude, ein unglaublich treues Publikum, und man spürt sofort, wie wichtig das Theater für die Stadt und die ganze Region ist.

Erzählen Sie bitte noch etwas über Ihre Herkunft.

Märki 1955 in Bern geboren, stamme ich aus einer sehr typisch europäischen und sehr schweizerischen Familie – meine vier Großeltern hatten vier unterschiedliche Nationalitäten – zudem sehr musisch, mütterlicherseits der Literatur und Bildenden Kunst, väterlicherseits der Musik zugewandt. Deshalb wohl auch mein zweiter Vorname Amadeus.

Passt gut zum Operndirektor. Aber ebenso zum Intendanten. Halten Sie diese Personalunion für geeignet, das in der Theaterkrise zerbrochene Porzellan wieder zu kitten?

Märki Warum nicht? Die Strukturen sind nicht das entscheidende Problem. Es geht immer um Menschen, die darin arbeiten. Ich bin es gewohnt, verschiedene Hüte aufzuhaben, kann gut zuhören und gut zuschauen, stelle auch gerne Fragen. Ich glaube auch, dass ich ein Gespür für Menschen und Talente habe. Und ich interessiere mich für alle Theatersparten gleichermaßen. Ich komme vom Schauspiel, habe ein Faible fürs Spielerische, aber auch für die Oper, für die ich in den vergangenen Jahren als Regisseur vor allem gearbeitet habe. Überall habe ich den Tanz gefördert und freue mich sehr, dass es in Cottbus wieder eine eigene Sparte gibt. Und da für mich das Mehrsparten-Theater eines der größten Errungenschaften deutscher Kulturgeschichte ist, weiß ich, welches Kernstück das Orchester darin darstellt. Natürlich soll sich jede Sparte für sich entwickeln, aber letztlich muss so ein Haus mehr sein als die Summe seiner einzelnen Sparten. Dieses Miteinander zu leben, auf die Bühne zu bringen, Theater zukunftsfähig zu machen, das sehe ich als meine Hauptaufgabe. Das Cottbuser Staatstheater soll ein funkensprühender Diskurs, ein weltoffener, lebensbunter Identifikationspunkt der Stadt, ein Hotspot der Region sein. Das Potenzial ist da! Sonst hätte ich mich auf dieses Wagnis nicht eingelassen.

Sie treten in einem Alter als Theaterleiter an, in dem andere an Rente denken.

Märki Ich habe mir lange überlegt, ob ich das möchte, mich noch einmal auf eine Stadt, eine Region, eine Kultur, auf die Menschen einzulassen. Ausschlaggebend dafür waren meine frühen Theatererfahrungen in Potsdam, Weimar und vor der Wende und meine Erinnerungen daran, welche Wirkung Theater entfalten kann. Umgekehrt auch in Bern, das sich wie ein riesiges Disneyland präsentiert, wo es scheinbar keinen Mangel gibt und man sich schon fragen kann, wo die „lebensnotwendige Nutzlosigkeit“ des Theaters zu suchen ist. Hier aber spüre ich, dass es diese Dringlichkeit gibt. Hier überträgt sich sofort die Kraft und Lust, sich da noch einmal einzulassen, wo sich große gesellschaftliche Umbrüche vollziehen, wo Menschen ihr Selbstwertgefühl zurückerobern. Da habe ich eine ostdeutsche Seele.

Wer sich mit Haut und Haar verschreibt, braucht Rückenhalt. Wen bringen Sie mit?

Märki Ich komme zunächst allein, um alle und alles kennenzulernen, fange gerade an, mein Team aufzubauen. Mir geht es um die richtige Mischung aus bestehendem Wissen und neuen Impulsen. Über den gerade vorgestellten Spielplan habe ich mich sehr gefreut. Er leitet einen ästhetischen Aufbruch ein, den ich fortzuführen gedenke. Für mich ist Theater nicht dafür da, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Ein Theater braucht neben Kontinuität Erneuerung, um lebendig zu bleiben. Dafür braucht es Freiräume. Wie für das Publikum soll deshalb für die Theatermitarbeitenden gelten: Ungewohntes muss mit Lust einhergehen.

Dem ist nicht nur ein kreatives Klima dienlich, sondern auch angemessene Bezahlung. Die Gewerkschaften drängen auf Anschluss an die Tarife des öffentlichen Dienstes.

Märki Da haben die Gewerkschaften völlig recht. Ein Staatstheater muss eine Tariftreue haben. Das sage ich, der das sogenannte Weimarer Modell ins Leben gerufen hat, mit dem wir damals zunächst aus der Tarifbindung ausgestiegen sind. Es wurde aus der Not geboren, um die Eigenständigkeit eines Theaters zu erhalten. Damals haben die Mitarbeiter dort Konzepte entwickelt, wie sie den Ausgleich zu entgangenen Tarifsteigerungen selbst erwirtschaften können. Das hat am Ende dazu geführt, dass das Theater künstlerisch effizient überleben konnte, dass die Landesregierung nach zehn Jahren Weimar zum Staatstheater erhob und es nun wieder tarifkonform arbeiten kann.

Feilen Sie schon an einem Cottbuser Modell?

Märki Nein nein. Die grundlegenden Strukturen sind in Ordnung. Man muss aber klar sagen, dass es als Staatstheater unterfinanziert ist. Die Gehälter, die Gagen, die Ausstattungsetats sind zu gering. Langsam setzt sich ja das Wissen durch, dass es sich lohnt, in die Kultur zu investieren. Kunst kann den wegfallenden Kohleabbau nicht ersetzen. Aber was die Identität und Attraktivität, den Aufbruchsgedanken, die Vielfalt und Weltoffenheit betrifft, kann sie Entscheidendes für ein soziales Klima tun. Kulturinstitutionen schaffen eine lebendige Stadt, damit eine lebenswerte Stadt und damit eine gesunde Stadt und Region. Deshalb will ich mich auch in die Debatte um die Kohlekommission und die Lausitz-Triennale einbringen und Netzwerke zur Universität und anderen Kultureinrichtungen in Stadt und Region reißfest gestalten.

In Bern haben Sie aus einem Stadttheater und einem Orchester ein Vierspartenhaus gemacht. Welche Gründe gab es, dass Sie dort vergangenen Sommer Ihren Hut nahmen?

Märki Die sieben Jahre dort waren eine sehr intensive, lohnende Zeit, die ich nicht missen möchte. Das erste Mal in meinem Leben habe ich dann die Priorität auf mein Privatleben gesetzt. Das wollte ich nicht kaputt machen, deshalb bin ich zurückgetreten. Ich hätte gern noch einiges zu Ende gebracht, das Orchester in seinen sanierten Spielort zurückbegleitet und die Aufbauarbeit insgesamt in einen gesicherten Alltag geführt. Oder die schon komplett geplante „Tristan und Isolde“-Inszenierung. Vielleicht kann ich sie in Cottbus umsetzen. Aber zunächst komme ich in erster Linie als Regisseur des Hauses.

Sie übernehmen den Posten vom Interimsintendanten René Serge Mund. Es wird keine feindliche Übernahme sein, hat er angekündigt.

Märki Wir kennen uns aus Potsdam. Er hat mich ermuntert, mich zu bewerben, entschieden haben es die Findungskommission und der Stiftungsrat.

Gab es in den sozialen Netzwerken Likes für Ihre Besetzung in Cottbus?

Märki Dass das Theater Akteur in den neuen Medien sein muss, ist klar. Privat gönne ich mir die Freiheit, mich nicht in den sozialen Medien zu tummeln. Man erspart sich dadurch vieles. Nicht nur Zeit.

Welche Zukunftschancen hat das Theater in der überhitzten Mediengesellschaft?

Märki Es ist einer der letzten öffentlichen Räume, in denen man sich noch live und sinnlich begegnet und das Sich-Einlassen lernen kann. Deshalb bin ich großer Verfechter schon von Babykonzerten. Wer als Kind vom Theater begeistert ist, wird es ein Leben lang sein, auch wenn es zwischendurch andere Dinge im Kopf hat. Diese Kraft hat Theater. Der Satz von Schiller: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, bringt zum Ausdruck, dass der Mensch in seinem Wesen ein tiefes Bedürfnis danach hat, etwas im Als-ob-Modus zu erleben. Schiller und Goethe stehen nicht grundlos im Eingangsbereich des Cottbuser Theaters, denn was Goethe in seiner Faustschen Vorrede fragt, ist bei aller digitalisierten Überhitzung die uns nicht nur im Theater verfolgende Frage: „Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei“.

Besser kann man es nicht sagen. Was also wird Ihre erste Amtshandlung sein?

Märki Zur Vollversammlung einzuladen, um gemeinsam auf eine aufregend anregende Spielzeit anzustoßen.