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"Statt Diva vielleicht ein guter Diwan"

"Ich freue mich wie Bolle auf Cottbus", sagt Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die am 24. April ins Staatstheater kommt.
"Ich freue mich wie Bolle auf Cottbus", sagt Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die am 24. April ins Staatstheater kommt. FOTO: dpa
Die beliebte Schauspielerin Marianne Sägebrecht wird in diesem Sommer 70 Jahre alt. Am 24. April kommt sie in der Reihe "Diven im Großen Haus" ins Staatstheater Cottbus. Vorab verrät sie der RUNDSCHAU, was sie mit "Frühlingserwachen" und Rosen verbindet und warum aus ihr keine Mrs. Marple geworden ist.

Marianne Sägebrecht, wie gefällt Ihnen die Vorstellung, in das schöne Cottbuser Theater als Diva hereinzuschweben?
Herrlich!!!!! Aber eine Diva bin ich ganz bestimmt nicht. Vielleicht ein guter Diwan zum Ausruhen.

Dabei kommen Sie ja selbst kaum zur Ruhe. Gerade erst eroberten Sie als hilfsbereite Beda mit Pettersson und Findus die Kinos.
Ja, die Arbeit für Kinder hat mir wirklich Freude gemacht. Etwas erschöpft, aber überaus glücklich schaue ich auf den Film, der auf den Geschichten des schwedischen Bilderbuchmachers Sven Nordqvist basiert und von Groß und Klein geliebt wird. In diesem Mix aus Realfilm und Animation geht es darum, dass nichts auf der Welt mehr wert ist als Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Geborgenheit. Und Beda schenkt ihrem Nachbarn nicht nur einen Kater gegen die Einsamkeit, sondern kann auch die besten Zimtwecken der Welt backen.

Das passt zu Ihnen.
Ja, natürlich, auch in Cottbus werde ich Rezepte verteilen und die Leute nach Rezepten fragen.

Aha. Da werden die Lausitzer wohl überrascht sein. Aber sie kommen vor allem Dingen, weil sie die Schauspielerin live erleben wollen, die ihren Rollen so viel Herz, Witz und Seele verleiht. Was ist Ihnen selbst am wichtigsten?
Alles, was Menschen tun, sollte aus der Mitte des Herzens kommen. Dann gelingt es auch. Nach dem Hype um den Film "Out of Rosenheim" habe ich mich zurückgezogen an den Starnberger See, wo ich geboren wurde. Dort lebe ich seit fast zwölf Jahren ganz allein mit meinen Tieren, dem Garten und der schönen Natur. Hinter der Hecke, umgeben von Kräutern, schreibe ich und bin sehr bei mir. Auch wenn es als Frau nicht immer einfach ist, allein zu leben.

Mit Ihrer glaubwürdigen Darstellungskunst in Kultfilmen wie "Zuckerbaby" und "Out of Rosenheim" gewannen Sie nicht nur Preise, sondern vor allem die Zuschauerherzen. Warum glaubten Sie, den Rosenheim-Film schützen zu müssen?
Er scheint mir von den Inspiratoren der Milchstraße auf den Weg gebracht. Denn er plädiert für Selbstbefreiung aus dem Alltagstrott, Zusammenhalten und Teilen - daran glaube ich. Das darf man nicht verschleißen, muss am Firmament bleiben. Die Rose hat für mich ohnehin eine ganz besondere Magie. Viele meiner Filme haben - Zufall oder nicht - mit Rosen zu tun. Mein Vater war Rosenveredler und blieb im Krieg. Mein Großvater aber, auch ein begnadeter Gärtner, hat mir nicht nur viel Sicherheit und Kraft gegeben, er verwurzelte in mir auch diese besondere Beziehung zu den Pflanzen. In einem Klostergarten blüht übrigens auch eine Sägebrecht-Rose.

Es gibt Rollen, die Ihnen förmlich auf den Leib geschrieben wurden wie die Marga Engel in der gleichnamigen Fernsehserie. Die lässt sich nichts gefallen.
Kein Wunder, ich habe ja auch mitgeschrieben an dem Drehbuch über die resolute Köchin, die im Dauerclinch mit ihrem Chef, dem Baulöwen Siegfried Ohrmann, liegt. Aber nach drei Folgen habe ich es gut sein lassen. Manche sagen, dass ich nicht richtig ticke, wenn ich lukrative Angebote ablehne. Aber ich genieße die Freiheit, auch "genug" zu sagen oder "nein". Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob ich nicht die Neuauflage der Mrs. Marple spielen wolle. "Die ist einmalig", habe ich erwidert. Ich will keine Kopie sein. Außerdem fürchte ich um meine Seele, wenn ich mich ständig mit Mord beschäftigen müsste. Viele Kollegen sind ja jetzt nur noch mit dem Abzählen von Leichen beschäftigt. Jeder kann tun, was er will. Ich mach' mein Ding.

Was ist gerade Ihr Ding?
Ich schreibe. Mein fünftes Buch heißt "Auf dem Wege nach Surinam". Das ist eine Republik im Regenwald Brasiliens, von der die Welt kaum Notiz nimmt.

Wie kommen Sie gerade darauf?
Ich denke, dass wir unser Lebensscript schon in uns haben, wenn wir auf die Welt kommen. Meine Mutter, mit der ich sehr verbunden bin, war eine Heilerin. Surinam ist mein Land. Mit 15 habe ich ein Buch über Maria Sibylla Merian, die Naturforscherin und Malerin, gefunden, die mit 57 Jahren nach Surinam gegangen ist. Mit ihr fühle ich mich verwandt, teile ihre Liebe zu Pflanzen und Schmetterlingen. Und ich werde bald, von Dokumentarfilmern beschützt, in dieses Land reisen. Ich hoffe mit meiner Tochter, wie es auch die Naturforscherin im 17. Jahrhundert tat.

Vorher aber feiern Sie in Cottbus das "Frühlingserwachen". Wie können wir uns das vorstellen?
Es geht um den Aufbruch der Natur, die Schönheit der Jahreszeiten wie um die Wandlungen, die wir Menschen durchleben. Um noch einmal auf die Rosen zurückzukommen: Ein Zweig kann im Winter erfrieren, der Stamm aber im Frühjahr eine neue Rose hervorbringen. Das ist ein großer Trost, wenn man einknickt. Ich lese aus meinen Büchern, gebe zum Beispiel Ratschläge aus "Auf ein prima Klimakterium", erzähle und rezitiere. Und gebe eben meine eigene Würze hinzu.

Waren Sie denn schon einmal in der Gegend?
Nein, und deshalb freue ich mich auch wie Bolle darauf. Auf die Frische. Mit dem Osten habe ich natürlich meine Erfahrungen. Habe mich schon in den 1980er-Jahren dafür eingesetzt, dass er mit dem "Zuckerbaby" Bekanntschaft machen konnte. Jetzt bin ich ja auch oft im Osten unterwegs. Auch wenn es weit weg ist von Bayern. Aber die Menschen im Osten sind wahnsinnig offen und nicht so übersättigt. Da sind Leute mit Feuer im Herzen. Ich lasse ja sowieso keine Kluft zum Publikum zu, suche nach einer Verbindung, um die Sinne und die Seele zu treffen. Ich habe keine Angst, wenn mich jemand anspricht. Lassen Sie sich überraschen.

Musikalisch begleitet Sie Lenn Kudrjawizki. Was verbindet Sie?
Er ist ein fantastischer Geiger, bewandert von Klassik bis Jazz. Und er ist ein guter Schauspieler. Zweimal haben wir gemeinsam gedreht. Seit 18 Jahren stehen wir gemeinsam mit literarisch-musikalischen Programmen auf der Bühne. Und diesmal werden wir gemeinsam Erwartungen und Hoffnungen auf einen Neubeginn und eben den Frühling wecken.

Sie werden im August 70. Ein Grund für Sie zum Feiern, zum Innehalten, zum Verzweifeln?
Verzweifeln - um Gottes willen! Wir feiern mit der Familie, meiner Tochter Daniela und der 21-jährigen Enkeltochter Alina und vielen Freunden im Kastaniengarten meines Ortes. Und ich freue mich auch, dass Kinder von Sinti und Roma dabei sein werden. Gerade wurde ich Schirmherrin für ein Projekt, in dem Sinti- und Roma-Kinder ihre Talente auf der Theaterbühne erproben.

Sie helfen viel, aber leise.
Wenn es zum Beispiel um Sterbenskranke geht, kann man doch kein Getöse machen. Es geht mir nicht darum, gut dazustehen. Empathie kann man nicht in der Schauspielschule kaufen. Das gehört für mich zum Prinzip Nächstenliebe. Dass ich mich um andere kümmere und mit ihnen teile, also ein verantwortliches christliches Leben führe mit allem Respekt für andere Religionen und andere Auffassungen. Ich will keine Missionarin sein, für jeden muss Raum bleiben. Mit den Jahren wird man gelassener. Die Welt ist vielschichtig. Einkehr kann nicht schaden. Ich betrachte jeden Tag als Geschenk, beende ihn mit einem Resümee, einem Gebet, einem Auftrag auf geistiger Ebene. Am nächsten Tag springe ich wieder heraus in die Natur. Gott sei Dank nicht ängstlich oder krank. Was ich einst bei einem ganzheitlichen Mediziner gelernt habe, sorgt hoffentlich mit dafür, dass ich auch im Alter meinen Weg nicht verliere - die Dramaturgie meines Lebens.

Sie haben schon mit Hollywoodstars wie Michael Douglas und John Malkovich gedreht. Welcher Film ist Ihnen am liebsten?
Für mich zählt weniger, mit wem ich gespielt habe oder wie erfolgreich ein Film wurde. Jeder Film ist für mich wie ein Kind, weil ich meine Seele mit hineingebe.

Mit Marianne Sägebrecht

sprach Ida Kretzschmar