Eins sei vorweggenommen, diese Ausstellung fällt unter die Kategorie: unbedingt ansehen. Nicht nur, weil Kramers Bilder mit ihrer intensiven Farbigkeit den Herbstblues wegpusten, sondern weil sie zum Entdecken einladen, der Fantasie des Betrachters Raum geben, ohne beliebig zu sein. Jedes der Bilder ist mit einem Titel versehen, der die Richtung vorgibt, ohne sie festzulegen.

Seine künstlerische Ausbildung hat der 1959 in Katzhütte geborene Maler an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein bei Halle erhalten. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes führte ihn 1991 nach Italien – eine Liebe auf den ersten Blick. Bis 1993 studierte er an der Kunstakademie in Venedig, erhielt anschließend eine Dozentur an der Internationalen Schule für Grafik. Inzwischen unterrichtet er an mehreren Kunstschulen in Deutschland und Italien.

Doch mehr Italiener

Ein Deutsch-Italiener sei er, sagt er von sich. Lässt man seine Arbeiten sprechen, überwiegt wohl längst der Italiener, der sich Licht und Farbe, den Zaubermitteln der italienischen Malerei, verschrieben hat. Noch dazu in der Lagunenstadt. „Er malt aus der Farbe heraus, die Zeichnung ist sekundär, die Bildwirkung entsteht durch das Aufeinanderprallen von Farbflächen und deren Bewegtheit“, beschreibt Laudator Jo Achim Wenke Kramers Werk. Seit Jahren begleitet der Kunstwissenschaftler die Arbeit des Künstlers.

Im unteren Vattenfall-Foyer präsentieren sich die „etwas lauteren Bilder“, wie Kramer sie wegen ihrer expressiven Farbigkeit nennt. Dabei sind sie gar nicht alle laut. Eher kraftvoll, vital – selbst dann noch, wenn die Farben eher düster sind wie in seinem „Zeitbild“. Keine guten Aussichten, meint man. Angedeutete Figuren aneinandergedrängt, eingezwängt in Schwarz, ein bisschen Grün und über ihnen Himmelsblau: Luft zum Atmen, Freiheit – unerreichbar.

Voller Kraft

Ganz anders das Gemälde „Tramonto“. Selbst ohne die Übersetzung Sonnenuntergang ist der erkennbar. Leuchtendes Rot und Gelb am Horizont lässt noch etwas von der Kraft des Leben spendenden Fixsterns erahnen. In der Bildmitte eine liegende Figur, auch hier nur in ihren Umrissen erfasst, typisch für Andreas Kramers Malerei, in der Figuren „mehr als Symbole fungieren“, so Wenke. Im Vordergrund Orange, Grün, Braun – die Farben der Erde. Ein tolles Bild, das den Betrachter geradezu einzusaugen scheint.

Im oberen Foyer meint man – zumindest, was die Farbigkeit betrifft – einem anderen Künstler zu begegnen. Pastellfarben überwiegen. Verspielt, leicht, schwebend fühlen sich die Bilder an, die dennoch demselben Stil verpflichtet sind. Schemenhafte Gestalten bevölkern das Bild „Die Zeusianinnen“, eine witzige Anspielung auf die Geliebten des Göttervaters. Obwohl Bewegung nicht wirklich wahrnehmbar ist, schafft es Kramer, Dynamik ins Bild zu bringen, der Hintergrund fast durchscheinend.

Das alte Griechenland mit seinen Mythen hat es dem Maler angetan. Allerdings ist das Ergebnis dieses Rückblicks auf die Wiege der Menschheitskultur aus heutiger Sicht für Kramer eher ernüchternd: Dreitausend Jahre – altes Griechenland, DDR oder Heute – die Menschheit hat sich kaum geändert.

Kramer malt keine politischen Bilder und doch sind es philosophische Betrachtungen zur Zeit, die mitunter sogar tagesaktuell werden können. Wie etwa „Zeus auf der Suche nach Europa“. Von 1999 bis 2007 hat Kramer daran gemalt – immer mal.

Charakteristisches

Auch das charakterisiert ihn, ein Bild ist erst fertig, wenn er zufrieden ist. Dieses tiefblaue, man könnte auch sagen, europablaue Bild, in dem sich Flugwesen – Gespielinnen des Zeus – kreisförmig um eine leere Mitte bewegen, erinnert an die Flagge der Europäischen Union. In Kramers Bild kreisen 22. Heute sind es 27 Mitgliedstaaten.

Der Göttervater hat sich seinen Auserwählten häufig in Gestalt eines Tieres genähert. Bei Europa, Tochter des phönizischen Königs Agenor, versuchte er es als Stier. Der wiederum ist an der Börse das Zeichen für gute Kurse. Und dann die Ausstellungseröffnung an dem Tag, da in Brüssel über Griechenland und das Wohl und Wehe des Euro entschieden wird! Allerdings müsste das Bild, so wie die Lage ist, „Europa auf der Suche nach Zeus“ heißen.

„Meine Bilder sind Ausdruck einer Suche nach dem Wesentlichen und Existenziellen, nach Lebens-Zeichen“, beschreibt Kramer seinen Anspruch auf Kunst, die gültig bleibt. Hier in Cottbus ist manches davon zu sehen und es macht Lust auf mehr. Zum Beispiel soll Andreas Kramer ein Meister des Farbholzschnittes sein. Vielleicht eine Anregung fürs Kunstmuseum Dieselkraftwerk.

Bis 29. Februar, Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr