Erwartet werden bis zu 8000 Menschen aus allen Teilen der Erde, die den Weltbürger und Stardirigenten Masur feiern wollen. Dabei würde er viel lieber im Stillen feiern, nur mit seiner japanischen Ehefrau Tomoko und den Kindern. "Das holen wir einen Tag später nach", sagt Masur. Trotz des hohen Alters tourt der Maestro neun Monate im Jahr um die Welt und ist nach wie vor ein gefragter Interpret. "Mein Motor ist die Musik. Es hält mich fit, wenn ich weiß, morgens um zehn ist Probe. Soll ich etwa aufhören und auf den Tod warten?"
Kurt Masur braucht das Rampenlicht, das Adrenalin des Abends - auch wenn er nach eigenen Worten eigentlich ein "gehemmter, scheuer Mensch" ist. Zum Dirigieren kam der im schlesischen Brieg geborene Sohn eines Ingenieurs über Umwege. Er wollte Konzertpianist werden, doch eine fortschreitende Versteifung einiger Finger machte dies unmöglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er in Leipzig Komposition und Orchesterleitung studiert, arbeitete als Dirigent in Halle, Erfurt, Dresden, Schwerin, Berlin, gastierte in mehreren europäischen Ländern und wurde 1970 Gewandhauskapellmeister in der Tradition von Felix Mendelssohn Bartholdy. Orchestervorstand Heiner Stolle spricht von einem "gegenseitigen Befruchten der künstlerischen Arbeit" mit Masur. 26 Jahre stand Masur am Pult des Leipziger Klangkörpers und prägte dessen besonderen, dunklen Klang. Auf sein Konto gehen mehr als 900 Tourneekonzerte und 42 Uraufführungen.
Die SED-Leitung und allen voran DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker ließen ihn gewähren. 1984 spielte Masur mit dem Orchester in der Carnegie Hall alle Beethoven-Symphonien in chronologischer Reihenfolge - ein Event, von dem man heute noch spricht. "Aber auch in kleinen Städten und Turnhallen hat Masur immer alles gegeben. Er hat seinen Platz beim Publikum gesucht und gefunden", sagt Stolle. 1981 erfüllten ihm die DDR-Oberen sogar den Traum einer neuen Spielstätte. Auf dem Augustusplatz, wo ursprünglich das Auditorium Maximum der Universität geplant war, wurde nach 57 Monaten Bauzeit das neue Gewandhaus eröffnet. Es war der einzige Konzerthausneubau in der DDR, dazu noch in sechseckiger Hülle.
Im Wende-Herbst 1989 wurde Kurt Masur zum Politiker wider Willen. In den Wirren der Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989, als mehr als 70 000 Bürger für Freiheit auf die Straße gingen, gehörte er zu den Mitunterzeichnern eines Aufrufs zur Gewaltlosigkeit. "Viele Jugendliche wurden von ihren Eltern verabschiedet, als würden sie in den Krieg ziehen. Die friedliche Revolution und die Wende war ein Wunder", sagt Masur. Masur öffnete später das Gewandhaus für Diskussionen und war für sein Engagement Anfang der 1990er-Jahre für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch.
Doch er blieb der Musik treu. Als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra (1991-2002) errang er große Erfolge. Das amerikanische Publikum verehrte den deutschen Souverän von Anfang an, das Ensemble lernte den "eisernen Kanzler" als konsequenten Führer am Pult kennen. Dass er Ende 1996 vorfristig und in Unfrieden von der Stadt Leipzig und dem größten Berufsorchester der Welt schied, geriet schnell in Vergessenheit, wurde er kurze Zeit später zum ersten Ehrendirigenten in der Geschichte des Orchesters ernannt.
Heute ist Masur Chef des Orchestre National de France und engagiert sich als Präsident für die 2003 gegründete Internationale Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung. "Er fühlte sich verantwortlich für die ihm anvertrauten Menschen, begegnete Ungerechtigkeit mit kämpferischer Energie", sagt Masur über den "genialen Komponisten". Ein Satz, der auch in Masurs Vita stehen könnte.

Internet: www.kurtmasur.com; www.mendelssohn-stiftung.de