Tatsächlich sind es vor allem Stadtansichten, entstanden unter anderem in Berlin, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Gera zwischen 1979 und 1983. Fast nüchtern, dokumentarisch ist der Blick, mit dem Wüst sowohl den traurigen Zustand historischer Bauten bezeugt, als auch die meist monotone Architektur der durch das Wohnungsbauprogramm der SED in kurzer Zeit aus dem Boden gestampften Neubaugebiete zeigt. Es ist der Blick des Stadtplaners. Als solcher hat der 1949 in Magdeburg geborene Ulrich Wüst beim Berliner Magistrat gearbeitet. "Ende der 1970er-Jahre gibt er frustriert auf", erzählt Carmen Schliebe, Kustodin im dkw, "und widmet sich ganz der Fotografie. In seiner ersten umfangreichen Werkgruppe konzentriert er sich ausschließlich auf urbane Räume und überprüft sie auf ihre Qualität als Lebensraum für Menschen."

Überdimensionierte Wohnscheiben, im Volksmund Arbei terschließfächer genannt, wie die in der Lichtenberger Straße in Berlin, sind zu sehen. Irgendwie alle gleich. Und doch gelingt Wüst, indem er Diagonalen, geometrische Flächen einbezieht, eine bildkünstlerisch interessante Ansicht, die die Banalität des abgebildeten Objektes beinahe ein wenig aufhebt. Bei den Fotografien historischer Gebäude ist es dagegen eher ein trauriges Konstatieren, vielleicht auch ein Aufmerksammachen des Betrachters. Oft unbrauchbar in ihrem Zustand, verlassen stehen sie da, immer noch aber mit Charakter, frühere Schönheit behauptend. Eigentlich wäre es interessant zu sehen, was inzwischen aus ihnen geworden ist.

Eine zweite ausgestellte Werkgruppe, die ebenso wie die Stadtansichten aus den Beständen des Kunstmuseums stammt, entstand Mitte der 1980er-Jahre als Auftrag des Künstlerverbandes "Das Plakat und seine Anwendung im Alltag". In Berlin, Weimar, Dresden und Erfurt hat Wüst dokumentiert, wofür das Plakat so herhalten - was es mitunter auch aushalten muss.

Lieblos und verwahrlost

Da finden sich Schaufensterdekorationen etwa zum 35. Jahrestag der DDR, die uniform wirken, der Klub der Werktätigen hat sein Programm lieblos an eine heruntergekommene Anschlagtafel gepinnt, an einer Bahnsta tion klebt über abgerissenen Plakaten eine amtliche Mitteilung zur Krebsvorsorge, eine Bretterwand, an der nur noch Fetzen hängen - Ausdruck von Verwahrlosung. Geradezu ironisch wirkt das Foto mit einem verwitterten, halb abgerissenen Plakat, das Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zeigt - darauf der Schriftzug: Mit uns zieht die neue Zeit. "Diese Serie zeigt die ganze Vielfalt des Plakats", sagt Carmen Schliebe. "Und Ulrich Wüst nutzt auch hier die Gelegenheit, Stadtlandschaft zu zeigen."

Sind auf den Städte- und Plakatbildern Menschen meist abwesend, erweist sich Ulrich Wüst in seiner Reihe "Automat-Imbiss" von 1979 als guter Beobachter seiner Zeitgenossen. Die später zu einem Leporello zusammengestellten Fotografien zeigen Gäste und Personal der Selbstbedienungsgaststätte am Berliner Alexanderplatz. Während die Mitarbeiter liebevoll in Porträts abgelichtet sind, in ihren weißen Kitteln, unter denen zum Teil wild gemusterte Alltagsbekleidung hervorlugt - Paisley war schon mal modern.

Eine Zeitreise

Manches Foto von den Gästen ist ein bisschen verwackelt, mag heimlich entstanden sein, verweist vielleicht auch auf Rastlosigkeit. An der Kasse und an den Stehtischchen wechseln die Gesichter - eilige Besucher, schnell was essen, dann weiter, das Centrum-Warenhaus nebenan, Wallfahrtsort auch für viele Menschen aus der Republik. Diese Bilder sind für Ostdeutsche eine Zeitreise. Wie sehen sie andere?

Ende des Jahres gehen viele der Fotografien auf große Reise: Der Hype auf DDR-Fotografie in den USA, von dem Carmen Schliebe spricht, hat auch Ulrich Wüst erreicht. Im November öffnet im Chrysler Museum of Art in Norfolk, Virginia, eine Ausstellung unter dem Titel "Public and Private" (Öffentlich und privat).

Die Ausstellung im dkw ist bis 11. September geöffnet. Noch bis 28. August sind auch Werkzyk len von Manfred Paul, einem weiteren Vertreter der DDR-Autorenfotografie, zu sehen. Ein spannender Vergleich.