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Misstöne im Musiktheater
„Momente, für die ich mich entschuldige“

Evan Alexis Christ sieht sich der Kritik seiner Solisten ausgesetzt.
Evan Alexis Christ sieht sich der Kritik seiner Solisten ausgesetzt. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Der Generalmusikdirektor des Staatstheaters Cottbus äußert sich zu den Vorwürfen im Sängerbrief und über seinen fordernden Job. Von Ida Kretzschmar

„Wirbel im Staatstheater“ hieß es am Samstag in der RUNDSCHAU. Solisten des brandenburgischen Staatstheaters hatten in einem Brief den Führungsstil ihres Generalmusikdirektors Evan Alexis Christ kritisiert und eine Reihe von demütigenden Vorkommnissen aufgelistet. Am Mittwoch bekräftigte der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters und Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Martin Roeder: „Die Leitung des Staatstheaters steht 100 Prozent hinter der Arbeit von Evan Alexis Christ.“ Im RUNDSCHAU-Interview nimmt der Generalmusikdirektor Stellung zu den Vorwürfen. Evan Christ ist sichtlich aufgeregt, am Ende wird er sagen, dass es das schwerste Interview seines Lebens war.

Evan Alexis Christ, im Konzertsaal zeigen Sie Schwung, Energie und ihr strahlendes Lächeln. Eine Leserin schrieb uns, dass viele Zuschauer nur kommen, um Sie dirigieren zu sehen. Andererseits gibt es harsche Kritik von den Opernsolisten über Ihren Umgangsstil. Haben Sie zwei Gesichter?

Christ (es ist zu spüren, wie schwierig für ihn diese Frage ist) Ich glaube schon, dass ich sehr authentisch bin. Meine Leidenschaft ist die Musik. Deshalb verlange ich auch sehr sehr viel von allen Musikern des Hauses. Und auch von den zwölf Gesangssolisten, die sich offenbar in dem Brief zu Wort gemeldet haben. Es gibt keine Unterschrift darunter. Ich fände es wunderbar, wenn Solisten mit ihrem Namen dazu stehen.

Immerhin ist dem Studienleiter und Solorepetitor Frank Bernard, der Mitte März erstmals öffentlich auf Facebook unter anderem von „den Grenzen des täglich zumutbaren Terrors“ gesprochen hat, gekündigt worden.

Christ Er ist ein hervorragender Pianist und sehr beliebt unter den Zuschauern und Musikern. Aber wir hatten unsere Gründe, ihm zu kündigen. Er hat einen Vertragsbruch begangen, indem er mich mit Unwahrheiten in der Öffentlichkeit diffamiert hat. Das ist für mich rufschädigend. Die Leitung des Hauses hat nach der Facebook-Veröffentlichung mit ihm sofort ein klärendes Gespräch gesucht, das er abgelehnt hat. Ich bin immer da, ich bin ansprechbar.

Bernard ist ein genialer Musikerkopf, sollte man nicht aufeinander zugehen, die Kündigung vielleicht noch einmal überdenken?

Christ Auch er hat eine Grenze überschritten. Nicht ich habe die Kündigung ausgesprochen. Aber das Vertrauensverhältnis ist so erschüttert, dass eine weitere Zusammenarbeit unzumutbar ist.

Müssen nun auch die Solisten um ihre Jobs bangen, weil sie einen Brief geschrieben haben für ein menschenwürdiges Klima an ihrem schönen Theater?

Christ Wir müssen vor allem in Gespräche kommen, um Vertrauen zurückzugewinnen oder überhaupt herzustellen. Ich bin nicht nachtragend und hoffe, im Ringen um künstlerische Qualität künftig Missverständnisse vermeiden zu können.

Im Brief an die Intendanz des Staatstheaters Cottbus und an die Stiftungsratsmitglieder der Brandenburgischen Kulturstiftung, der auch unserer Redaktion vorliegt, ist eine große Zahl von Drohungen und Schimpftiraden aufgelistet. Fast jeder hat eine Leidensgeschichte zu erzählen. Wie stehen Sie zu den Vorwürfen?

Christ Ich weiß, ich habe ein paar Mal unter die Gürtellinie gezielt. Es gab Momente, wo ich über das Ziel hinausgeschossen bin. Das tut mir leid.

Werden Sie dafür um Entschuldigung bitten?

Christ Ja, dafür entschuldige ich mich. Das habe ich auch schon getan, meist unmittelbar, nachdem es passiert ist. Es ist ja nicht so, dass wir noch nie ein klärendes Gespräch geführt haben. Ich entschuldige mich für die Wortwahl, die ich teilweise gefunden habe. Ich will das ändern und habe in der Vergangenheit auch schon gelernt, meine Vorstellungen besser herüberzubringen. In dem Brief gab es 20 Vorwürfe von den Sängern. Sieben davon haben sich aus meiner Sicht mehr oder weniger so zugetragen. Seit 2008 bin ich im Amt. Also gab es durchschnittlich knapp einen cholerischen Ausbruch pro Jahr. Aber danach hat es immer klärende Gespräche gegeben, nach denen wir eine Basis für die weitere Zusammenarbeit gefunden haben.

Stimmt es, dass Sie den Max-Grünebaum-Preisträger Andreas Jäpel als die „vielleicht begabteste, aber auf alle Fälle faulste Sau des Theaters“ bezeichnet haben? Eine Grenzüberschreitung.

Christ Das habe ich gesagt. (aufgewühlt) Ich bin nicht hier, um zu lügen, sondern die Wahrheit zu sagen. Wie schon eingestanden: Das war unter der Gürtellinie. Das sehe ich ein. Als der Sänger im vergangenen Jahr den Max-Grünebaum-Preis gewann, sagte René Serge Mund, Verwaltungschef am Staatstheater zu der Zeit, als der Vorfall passierte, zu mir: Dass Sie Andreas Jäpel 2009 so hart attackiert haben, ist der Grund, warum er heute als Geehrter auf der Bühne steht. Dennoch haben Sie recht: Damit habe ich eine Grenze überschritten. Aber es ist neun Jahre her.

Es gibt aber auch aktuellere Entgleisungen auf der Liste.

Christ Das sind doch eher Kleinigkeiten. Ich habe zum Beispiel nie einen Stuhl geworfen. Das ist einfach nicht wahr.

Aber das können sich doch 13 Solisten nicht aus den Fingern saugen.

Christ Fragen Sie diese. Ich denke, es gibt einen Mythos um meine Person, der eine Eigendynamik entwickelt. Dass ich jeden Tag mit schlechter Laune reinkomme und anfange, alle anzubrüllen. Das stimmt nicht. Wahr ist, dass ich einen Sänger angebrüllt habe nach einer Tosca-Vorstellung, weil er zum wiederholten Mal dafür gesorgt hatte, dass wir einen Schmiss hatten, also komplett auseinander waren. Aber diese Ausbrüche sind aus der Leidenschaft zur Musik geboren. Wir brauchen die Leidenschaft, um gute Musik zu machen. Mein Frust ist ebenso leidenschaftlich, wenn das teilweise nach vielen Bemühungen und mehrmaligem Mahnen immer noch nicht klappt. Das Ringen um künstlerische Qualität muss auf beiden Seiten ausgebildet sein. Wenn nicht, können Konflikte entstehen.

Sie fordern viel von sich selbst und von anderen. Aber kann man in einer Atmosphäre der Angst zu künstlerischen Hochleistungen kommen? Die Angst ist offenbar in Ihrer zehnjährigen Amtszeit nicht kleiner geworden. „Er hat den Sänger in mir ausgelöscht“, heißt es von einem Ensemblemitglied.

Christ Mein Erfolg ist unumstritten. Es gibt Kataloge von positiven Kritiken. Ich habe das Orchester und die Opernsänger von der Qualität her in die Bundesliga gebracht.

Darüber wird nicht diskutiert.

Christ Aber mir den Vorwurf zu machen, dass Sänger nicht mehr singen können, das höre ich nicht. Sondern das Gegenteil. Sie singen sogar sehr gut. Auch unter meiner Leitung.

Warum sagen Sie ihnen das nicht öfter?

Christ (jetzt doch ein wenig erregt) Viele Ensemblemitglieder holen künstlerisch nicht alles raus, was geht, wirken manchmal einfach unvorbereitet. Und mit dem Brief verbreiten sie auch Unwahrheiten über mich, die meinem Ruf schaden. „Ich werde dich durch die nächste Vorstellung peitschen“ habe ich zwar gesagt, aber es war als Witz gemeint. „Faules arrogantes Schwein“ kam mir nie über die Lippen. Auch von zehnminütigen Hasstiraden kann keine Rede sein. Die sieben Fälle waren Hardcore, aber kurz. Das Wort plattmachen kenne ich gar nicht. Deutsch ist meine Zweitsprache. Das ist auch der Grund, warum ich manchmal nicht so genau weiß, welche Härte manche Worte haben. Ich bin streng, aber ich lobe auch viel.

Könnte es nicht auch sein, dass Sie Erinnerungslücken haben?

Christ (wehrt entschieden ab) Nein, weil ich in solchen Momenten selbst am meisten daran leide, dass ich mich vergessen und nicht die richtigen Worte gefunden habe. Das beschäftigt mich dann noch Wochen danach.

Suchen Sie sich da auch Hilfe?

Christ Ich habe mir Berater gesucht. Aber ich brauche natürlich die Emotionen. Ich will Wirbel, initiiere sie sogar. Dabei geht es mir nicht um Misstöne, sondern darum, dass die Musiker in diesen Wirbel hineinkommen, aus ihrem Status Quo herauskommen und sich verändern. Jeden Tag muss man die gestrige Position verlassen. Nur das bringt Erfolge. Ich fordere kompromisslos Qualität. Ich bin da, um jeden dabei zu unterstützen, an seine künstlerische Grenze zu stoßen. Aber wenn man versucht, das Feuer in den Herzen der Mitarbeiter zu entfachen, und man hat viele verschiedene Charaktere, kommen natürlich auch bei mir Emotionen auf. Meistens ist das gut, ist es das, womit ich das Publikum auch erreichen kann. Auch die Mitarbeiter. Aber die Balance zu finden, ist mir nicht immer gelungen. Wie meine impulsiven Reaktionen gezeigt haben.

Als es Anfang 2017 um Ihre Vertragsverlängerung ging, wurde Ihre Arbeit in einer außerordentlichen Orchestervollversammlung heftig kritisiert. Wussten Sie davon, und wie haben Sie darauf reagiert?

Christ (man sieht ihm an, wie sehr ihn dieser Vorgang noch immer betroffen macht) Das war schwer zu schlucken. Ich war sauer, arbeitete ohne Freude, ließ nichts mehr durchgehen. So war die Stimmung bis Ende der Spielzeit gedrückt. In einem so großen Betrieb muss es eine klare Hierarchie geben. Sonst funktioniert es nicht. Es gibt wenige Dirigenten, die geliebt werden. Das liegt in der Natur der Sache. Karajan wurde von den Berliner Philharmonikern nicht geliebt, auch Arturo Toscanini nicht, einer der bedeutendsten Orchesterleiter des 19. Jahrhunderts. Ein Chef, der fordert, wird nicht von allen geliebt. Mein Job ist es, zu fordern. Unter meiner Leitung ist das Philharmonische Orchester ein Spitzenorchester geworden. Als Generalmusikdirektor des Staatstheaters habe ich eine Verantwortung. Meine erste Verantwortung ist es, Steuergelder in höchstmöglichen Gewinn für das Publikum umzumünzen. Das ist nicht Wünsch-dir-was.

Aber auch keine Sklavenhalterordnung...

Christ Das stimmt. Aber es muss eine Hierarchie am Theater geben. Das heißt nicht, dass Mitarbeiter Sklaven sind. Aber man muss sich auch an Abmachungen halten. Wir haben mehrere Beispiele, dass Sänger ihre Partien nicht rechtzeitig gelernt hatten. Wir mussten deshalb mehrmals und auch gerade aktuell Gastsänger für große Partien von außen engagieren. Das ist unnötig und verbrennt Steuergeld.

Sie haben Experimentierlust in die Lausitz geholt und ein wenig Welt. Aber heiligt der Zweck alle Mittel?

Christ Nein. Die Menschen bleiben wichtiger als das Kunstwerk. Die Kunst ist für die Menschen da und nicht andersherum.

Wie stellen Sie sich in Zukunft die gemeinsame Arbeit vor? Die Kollegen erwarten zu Recht Respekt, dass man ihre Stärken fördert, anstatt sie zu demütigen.

Christ Ich weiß, dass solche Vorfälle nicht mehr vorkommen dürfen. Zu Beginn der Spielzeit haben wir uns mit der Leitung des Hauses, dem Ensemblesprecher und dem Personalrat zusammengesetzt, und da kam vieles auf den Tisch. Da bin ich nicht geschont worden. Wir haben uns gegenseitig gesagt, was wir erwarten und mir ist in den Gesprächsrunden danach mit Orchestervorstand und Personalrat bescheinigt worden, dass sich vieles zum Guten entwickelt hat, ohne dass ich ganz meine Emotionen zu unterdrücken vermag. Es gab eine stressige Zeit, ich arbeite hart. Nun habe ich hier auch eine Familie, fühle mich sehr wohl. Gerade deshalb kamen die Vorwürfe jetzt für mich aus dem Kalten. Ich werde mich bemühen, Sängern und Musikern auch in Zukunft respektvoll zu begegnen.

Mit Evan Alexis Christ
sprach Ida Kretzschmar