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| 18:04 Uhr

Neue Spielzeit in Cottbus
Angstfreie Zonen im Staatstheater

 Heiß war es, und ein bisschen wie im Sommernachtstraum. Traditionell endet die Spielplanpräsentation mit einem Konzert zum Spielzeitbeginn.
Heiß war es, und ein bisschen wie im Sommernachtstraum. Traditionell endet die Spielplanpräsentation mit einem Konzert zum Spielzeitbeginn. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Das Cottbuser Staatstheater hat am Sonntag die neue Spielzeit vorgestellt. Auch wenn im Branitzer Park Vieles an ein Traumland erinnerte – das Theater beschäftigt sich jetzt ganz besonders mit der gegenwärtigen Realität. Von Daniel Schauff

Es hatte fast etwas vom Zauberwald im Sommernachtstraum. Im noch angesichts des Hitzesommers überraschend grünen Branitzer Park – der Branitzer Stiftungsdirektor Gert Streidt dankt dafür noch einmal seinen Mitarbeitern – säumen Schauspieler, Tänzer und Musiker die zahlreichen Pfade durch Pücklers Landschaft. Der Sommernachtstraum, sagt Ballettdirektor Dirk Neumann, kommt in dieser Spielzeit noch einmal auf die Bühne. Die Nachfrage sei groß gewesen, ergänzt Intendant René Serge Mund.

Und trotzdem, um das Bild des Sommernachtstraums weiter zu nutzen, träumerisch wird es in der gerade gestarteten Spielzeit im Staatstheater höchstens mit Blick auf Kulisse und Kostüme. Die Realität rückt in den Fokus, ganz besonders in der Schauspielsparte, aber nicht nur da.

Europa und Rassismus zum Thema

Man wolle Stellung beziehen, sagt Serge Mund, nennt die Themen Europa und Rassismus als Beispiele. Es gebe einen konzeptionellen Zusammenhang der Schauspiele in dieser Spielzeit, sagt Schauspieldirektor Jo Fabian. Wo dieser Zusammenhang zu suchen ist, ist nicht schwierig abzuleiten, wenn Fabian das Motto „Zukunft – Heimat – Identität“ für die Spielzeit nennt. Und Fabian wird noch deutlicher.

 Das Ballett „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ feiert am 10. November Premiere am Staatstheater.
Das Ballett „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ feiert am 10. November Premiere am Staatstheater. FOTO: Michael Helbig

Es gebe einen deutlichen Anspruch der AfD, dass auf deutschen Theaterbühnen vermehrt deutsche Klassiker gespielt würden. Das Staatstheater nimmt die Frage auf. „Kann der Faust wirklich unsere nationale Identität stärken?“, fragt Fabian. Die Antwort – das deutet der Schauspieldirektor an – werde der AfD weniger gefallen.

Deutschlands direkte Nachbarn

Ein deutscher Klassiker kommt auch in der ersten Schauspielpremiere der Spielzeit zum Zuge. „Der Freischütz“ – eine Oper von Carl Maria von Weber – wurde schnell nach ihrer Uraufführung als „erste deutsche Nationaloper“ gefeiert. William S. Burroughs, Bob Wilson und Tom Waits haben die einstige Nationaloper Ende der 80er-Jahre mit „Black Rider“ auf den Kopf gestellt (Premiere: 14. September im Großen Haus).

 Im Fontane-Jahr darf auch Effi Briest nicht fehlen. Das Staatstheater präsentiert am 19. Oktober eine Uraufführung als Oper.
Im Fontane-Jahr darf auch Effi Briest nicht fehlen. Das Staatstheater präsentiert am 19. Oktober eine Uraufführung als Oper. FOTO: Michael Helbig

Das Thema der Spielzeit ist spartenübergreifend. Das macht der Kommissarische Generalmusikdirektor Alexander Merzyn deutlich. In den Philharmonischen Konzerten beschäftigt sich das Staatstheater in dieser Spielzeit mit den Nachbarländern Deutschlands. Dazu gibt es Kulinarisches aus den jeweiligen Ländern. Es sei wichtig, sich mit den direkten Nachbarn zu beschäftigen, auch über die Urlaubsziele hinweg, sagt Merzyn. Den Start der Reihe bildet Österreich am 6. und am 8. September im Großen Haus.

Uraufführung von Effi Briest

Mit der Uraufführung von Effi Briest (19. Oktober im Großen Haus) holt sich das Staatstheater im Fontane-Jahr die zweite Uraufführung des Kalenderjahres nach Cottbus. Es sei eine besondere Herausforderung Kompositionen zu spielen, auf deren Interpretation der Komponist noch reagieren könne, sagt Chordirektor Christian Möbius. Fontanes Effi Briest werfe die Frage auf, ob alles Traditionelle – bei dem Urheber sind es die Rollen von Frau und Mann in der Gesellschaft – überhaupt wünschenswert für die Gegenwart sei.

Weit entfernt von zufällig startet am 1. September, zeitgleich mit den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, die Angstfreie Zone in der Kammerbühne. Auch wenn es sperrig klingt, die Beschreibung als „Schauspielbar für freigeistige Gegenwartsanalysen und perfomative Zukunftsvisionen“ sagt das, was die drei Veranstaltungen im September und Oktober sein sollen. „Den Wahlabend in gesellschaftlich unruhigen Zeiten nehmen wir zum Anlass, ohne Ressentiments und Scheuklappen, ohne kulturelle, religiöse oder weltanschauliche Schranken die Veränderungen in der politischen Wirklichkeit und ihre möglichen Auswirkungen gemeinsam kreativ zu beobachten“, heißt es auf dem Flugblatt zur ersten Veranstaltung. Immer noch zu sperrig? Interaktiv werden Wahlspiele wie „Tabu“, „Bullshit-Bingo“ und „Wer hat’s gesagt“ gespielt. Was genau passiert? Das weiß auch Dramaturgin Wiebke Rüter nicht. Aber wer weiß schon, was in einer Bar so alles passiert. Am 7. September folgt eine Premieren-Demo, am 19. Oktober eine „Video-Lecutre-Perfomance“, die den Weg vom Wohnzimmer in den Internet-Aufstand nachzeichnet. Die Frage dahinter: Wie radikalisieren sich Menschen im Internet? Und wie wird da­raus ein echtes Bedrohungsszenario?

Alle Termine zur neuen Spielzeit auf www.staatstheater-cottbus.de