| 02:53 Uhr

Sprengkapseln auf dem Weg zum Vater-Land

Sibylle Lewitscharoff auf literarischer Spurensuche nach ihrem bulgarischen Vater.
Sibylle Lewitscharoff auf literarischer Spurensuche nach ihrem bulgarischen Vater. FOTO: Manfred Thomas
Die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff ist heute in Hoyerswerda zu Gast. Im RUNDSCHAU-Interview spricht die 62-jährige Schriftstellerin über ihr Buch "Apostoloff", Grenzgänger, Schafskäse und Literatur, die Tote zum Leben erweckt.

Sibylle Lewitscharoff, Sie werden heute in Hoyerswerda erwartet. Was wissen Sie über die Stadt?
Nun, ich war noch nie dort. Ich bin neugierig, wie sich die Stadt mir zeigt. In kleineren Orten ist das Publikum oftmals interessierter als in Großstädten. Ich weiß, dass es in Hoyerswerda schon lange einen Freundeskreis der Künste und Literatur gibt. Und deshalb habe ich auch gern die Einladung angenommen.

Gehen Sie mit den Schülern im Leon-Foucault-Gymnasium anders ins Gespräch als mit gestandenen Literaturfreunden, die sich am Abend im Schloss versammeln?
Ein bisschen schon. Ich erläutere den Schülern, was die Literatur durch die Zeiten hindurch geleistet hat und was es bedeutet, selbst zu schreiben. Ich möchte die Schüler gern ins Gespräch einbeziehen. Das ist lebendiger, als nur vorzulesen.

Was hat denn die Literatur durch die Zeiten hindurch geleistet?
Interessant ist das Menschenbild, das die Literatur in den unterschiedlichen Zeiten und Völkern entworfen hat. Das ist auch eine große Selbstvergewisserungsleistung. Literatur widerspiegelt die Träume der Menschen, ihre Vorstellungen vom richtigen und falschen Leben, von den Göttern. Eben alles, was sie in den Zeitläuften bewegt hat.

Wie sieht Ihre literarische Vorstellung vom richtigen oder falschen Leben aus?
Man kann einen Roman schwer nur mit gutartigem Personal bestreiten. Aber ich versuche, wenn in meinen Romanen eine unangenehme Spur auftaucht, diese Person nicht so zu entwürdigen, dass man das Gefühl hat, sie habe keine Daseinsberechtigung, man müsste sie gleich umbringen. In einem eitlen oder aggressiven Menschen steckt auch immer etwas anderes. Das muss Literatur ergründen und differenzierte Wege zum Menschen erschleichen. In meinem neuen Roman "Pfingstwunder" habe ich das sogar extrem praktiziert. Da kommt jede Figur zu ihrem Recht.

Wie kommen Sie unter die Grenzgänger, die in den Hoyerswerdaer Gesprächen im Fokus stehen?
Nun, das Grenzgängerwesen ist bei mir eigentlich nicht so ausgeprägt. Ich bin sehr schwäbisch aufgewachsen. Mein Vater, er war Arzt in Stuttgart, kam zwar aus Bulgarien. Aber die schwäbische Verwandtschaft hat alles dominiert. Mein Vater sprach auch sehr gut Deutsch. Ich bin also auch sprachlich gar nicht groß mit dem Bulgarischen in Berührung gekommen und habe mich nie fremd in Deutschland gefühlt.

Ihr Roman "Apostoloff", den Sie in die Lausitz mitbringen, aber hat schon mit einem Grenzgang zu tun. Darin erzählen Sie, wie der Sofioter Fahrer Rumen Apostoloff zwei schwäbische Damen quer durch Bulgarien kutschiert. . . Die FAZ titelte 2009 "Die Ideenlehre des Schafskäses". Das klingt vielversprechend.
(Lacht). Nette Formulierung. Für mich war es in erster Linie eine Erkundung des Heimatlandes meines Vaters. Dieser floh kurz nach dem Kriege aus Bulgarien und konnte nicht zurückkehren. Er liebte das Land, hasste Hitler und Stalin aber mit der gleichen Wucht. Ich wiederum hatte mit meinem Vater ein Huhn zu rupfen, weil er ein Selbstmörder war und mich mit elf Jahren allein ließ. Das sind richtige Sprengkapseln, die da auf dem Erkundungswege liegen.

Ein sehr persönliches Buch also. Gab es diese Reise in Ihr Vater-Land Bulgarien tatsächlich?
Ich weiß, wie sich diese Mischung aus Realitätssinn und Dynamitladung im Inneren anfühlt: interessant und sogleich bestürzend. Die Reise, die die Ich-Erzählerin beschreibt, habe ich selbst unternommen. Wobei ich die Umstände und die Charaktere natürlich erfunden habe: den Leichenkonvoi zum Beispiel und eine Schwester, die ich nicht habe. Aber gewisse Reisewege stimmen überein. Und auch, dass ich in Varna mit der Mafia konfrontiert wurde, in der Realität sogar noch viel härter. Das konnte ich nicht eins zu eins beschreiben, weil es meine Familie sonst in Mitleidenschaft gezogen hätte.

Was fasziniert Sie an Bulgarien?
Ich finde die Klöster in Weliko Tarnowo absolut hinreißend. Auch die alten Holzhäuser in Plowdiw haben mich sehr beeindruckt. Sie sind von einer so blendenden Schönheit, die ich auch traumhaft schön zu beschreiben versuchte. Und natürlich ist der Schafskäse einfach klasse. Mein Vater konnte nicht ohne sein. Dafür war er als Akademiker auch mal bereit, kurzzeitig einen Marktstand zu übernehmen.

Sie haben in Ihrem Leben schon öfter Grenzen überwunden, lebten eine Zeit lang in Argentinien.
Ende der 70er-Jahre ging ich mit meinem damaligen Mann nach Buenos Aires. Ich blieb nur zwei Jahre. Unter der harten Militärdiktatur konnte und wollte ich nicht leben.

Wie wurden Sie eine Schriftstellerin, die mit ihrer Sprache sogar Tote zum Leben erwecken vermag?
Versuche, das Jenseits zu erkunden, ziehen sich durch die ganze Literaturgeschichte. Meine literarische Erziehung erhielt ich dabei aus Südamerika. Da ich sehr gut spanisch spreche, konnte ich die südamerikanische Literatur im Original lesen. Dort spielt das Jenseits eine große Rolle, werden Wunder zugelassen. Sie wandelt unbefangen in Welten, die nicht direkt erfassbar sind, über die wir nur Vermutungen hegen. Die deutsche Literatur, die nach dem Zweiten Weltkrieg extrem dem Realismus verpflichtet war, tat sich damit lange schwer.

Sie wurden für Ihre Bücher vielfach ausgezeichnet. 2013 gab es den Büchnerpreis. Was bedeutet Ihnen das?
Das reine Glück. Nicht nur, dass viele Menschen meine Bücher lesen, nein, ich kann sogar von meiner Leidenschaft, die schon mit 16 begann, leben.

Mit Sibylle Lewitscharoff

sprach Ida Kretzschmar

Hoyerswerdaer Gespräche heute 19 Uhr im Schloss Hoyerswerda mit Sibylle Lewitscharoff im "Grenzgänger"-Projekt der Robert Bosch Stiftung.