Die Mittagsfrau als Protagonisten einer sorbisch/wendischen Legende steht nicht im Mittelpunkt des Buches, erklärt Julia Franck. Dass sie über ihren Symbolgehalt große Bedeutung in der Handlung gewinnt, darüber ist später zu reden. In anderen Gegenden Deutschland, wo keiner die Mittagsfrau kennt, hätten weibliche Zuhörer bei diesem Titel an eine Frau gedacht, die mittags zum Kochen kommt. Die männlichen hätten eher erotische Vorstellungen gehabt. Etwa: Das sei die Frau, die ihnen den Mittag versüßt.

Noch größer als eine Netzpython
Dass weder das eine noch das andere oder das Dritte zutrifft, scheint keinen davon abzuhalten, das Buch zu lesen oder seine Autorin kennenlernen zu wollen. Am Donnerstag jedenfalls zog der Sog der Veranstaltung über 150 Besucher in die Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus. Als es zum Schluss an das Signieren ging, bildete sich eine Riesenschlange, die länger war als die mit 9,99 Meter größte auf der Welt nachgewiesene Netzpython.
Es muss also auf alle Fälle etwas geben, das diesem Buch die Leute in die Arme (oder in die Seiten) treibt. Natürlich ist diese Julia Franck eine junge Frau, die nett anzuschauen ist. Und anzuhören: Wenn sie spricht, sieht es aus, als rollte sie die Gedanken aus den sympathischen Augen heraus. Nichts ist so dahergesagt, dem Augenblick geschuldet, sie formuliert mit Überlegung. Aber so weit war es noch nicht.
Zunächst las sie eine Dreiviertel-stunde lang: die 20 Seiten des Prologes, der in den letzten Kriegstagen in Stettin spielt. Ein Stück Erzählung, das in sich geschlossen ist. Eine Mutter, Helene, hat ihren Sohn Peter gut durch den Krieg gebracht.
Schule findet in Behelfsräumen statt. Die Kinder müssen lesen lernen, laut lesen. Es heißt: „Peter hasste das laute Lesen.“ Das kann man von seiner geistigen Mutter Julia Franck nicht sagen. Mit warmer Stimme formte sie Eindrücke von tiefer Welt-Eiszeit, von versteinerten Menschen, die von der Eiszeit bis zur Endmoräne vorangetrieben werden.
Als Krankenschwester ist Peters Mutter in ihrer Arbeit aufgegangen Das viele Elend hat sie aber frustriert und verhärtet. Zudem ist sie von sowjetischen Soldaten missbraucht worden. Nun warten die beiden auf einen Zug, der sie weiter weg von der nahenden Front bringen soll. Dann fahren sie, Teil einer schwitzenden und verbrauchten, drängelnden und schubsenden Masse. Als der Zug in der Nähe von Pasewalk außerplanmäßig anhält, verlässt die Mutter den Jungen und kehrt nie wieder zurück.
Die Autorin und Vorleserin entlässt uns mit den Sätzen: „Als der Morgen graute, erwachte er mit Durst, und der nasse Stoff des Hosenbodens klebte an seiner Haut. Jetzt stand er auf, er wollte eine Toilette und Wasser suchen.“ Seine Mutter hatte sich aus seinem Leben fortge-stohlen, hatte Peter, ohne Hand an sich zu legen, zum Waisenkind gemacht.

Bleimantel der Betroffenheit
Der starke Applaus nach der Lesung musste erst den Bleimantel der Be-troffenheit durchdringen. Es brauchte dazu seine sieben, acht, vielleicht auch zehn Sekunden. Sicher lag das mit daran, dass wir auch heute, in friedlichen Zeiten, immer wieder mit tragischen Kinderschicksalen konfrontiert werden. Nichts ist schlimmer, als wenn Kinder leiden. Übrigens hatte Julia Franck für das im Prolog geschilderte Beispiel ein authentisches Vorbild. Das Gleiche ist 1945 ihrem vor 20 Jahren verstorbenen Vater widerfahren.
In der Begründung zur Verleihung des Deutschen Buchpreises hatte es zur Frankfurter Buchmesse geheißen: „Ein Roman für lange Gespräche.“ Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro versuchte als Moderator erfolgreich, den Beweis dafür anzutreten. Ob sie, Julia Franck, denn von allem Anfang an geplant habe, Helene in den Mittelpunkt zu stellen. Immerhin konzentrierte sich der Prolog stark auf den Jungen. „Mich interessierte es, von einer Frau zu erzählen, die eine solche zuerst völlig unverständliche Entscheidung trifft. Was kann sie dazu bringen? Nach dem Prolog stelle ich die Entwicklung der Familie um Helene zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg dar. Natürlich kann Literatur nicht alles erklären, alle Entscheidungen nachvollziehen. Es verlangt starke Empathie, Einfühlung.“
Hendrik Röder fragt nach den Reaktionen ihrer Leser. Sie reichten, so die Schriftstellerin, von „Ich habe vieles aus meinem eigenen Leben wiedererkannt.“ über die Aussage, dass man sich in alle Überforderungen, Erschöpfungen und den Tiefpunkt, Verantwortung nicht mehr tragen zu können, gut hinein versetzen kann, bis zu der Meinung, dem Dargestellten nicht folgen zu können und sich als Leser allein gelassen zu fühlen.

Eine Stunde über Flachs reden
Auch über das Bild der Mittagsfrau lässt sich reden. Dies ist die Legende: Die Mittagsfrau erscheint an heißen Tagen, besonders zur Ernte, um zwölf und verwirrt den Menschen den Verstand, lähmt sie oder tötet sie gar mit ihrer Sichel. Es kann sich ihrer nur erwehren und diesem Schicksal entgehen, wer ihr eine Stunde von der Flachsverarbeitung erzählt. Danach verliert die Mittagsfrau ihre Macht.
Julia Franck sieht in dieser Sage ein treffliches Gleichnis für das Ausschalten der Seele und das Überleben durch Funktionieren. „Das kommt in der Generation unserer Großeltern oft vor. Sie sind ungemein pragmatisch, wissen sich zu helfen. Aber über die Vergangenheit, über erlittene Verluste, über körperliche und seelische Verletzungen, auch über Schändungen reden sie nicht. Dabei ist die Alternative Reden und Schweigen zugleich auch die zwischen Bewältigung und Verdrängung.“