Der erste Spielfilm über das Leben, Sterben und die Bedeutung von Harvey Milk kommt am heutigen Donnerstag in die deutschen Kinos. Das bewegende Drama ist für acht Oscars nominiert, darunter in der Königskategorie Bester Film, für die Regie-Kunst von Van Sant, der mit "Good Will Hunting" (1997) schon einmal Oscar-Chancen hatte, und für Penns Glanzleistung, vollkommen in Milk aufzugehen, statt ihn nur zu spielen. Auch Josh Brolin in der undankbaren Nebenrolle als Milks Mörder Dan White kann auf einen Oscar hoffen. Milk, der inoffizielle "Bürgermeister von Castro Street", hatte es 1977 im dritten Anlauf geschafft, in den Rat von San Francisco gewählt zu werden. Doch nur ein knappes Jahr war der schillernden Ikone der Schwulenbewegung diese Aufgabe vergönnt. Am 27. November 1978 wurde Milk im Rathaus von dem konservativen Ex-Polizisten Dan White, ebenfalls Stadtrat, erschossen. Auch der liberale Bürgermeister George Moscone, der sich für die Rechte Homosexueller eingesetzt hatte, fiel dem Attentäter zum Opfer. Ganz locker steigt Van Sant in das Drama ein. 1970, in einer New Yorker U-Bahnstation, flirtet der Versicherungskaufmann Milk mit einem jungen Hippie (James Franco) und schleppt ihn ab. Mit Sekt und Sex feiern sie in Harveys 40. Geburtstag hinein. Das Paar zieht in die Hippie-Hochburg San Francisco, wo es Anfang der 70er-Jahre noch gefährlich war, offen schwul zu sein. Im Castro-Viertel, heute das Mekka der Homosexuellen, macht Milk einen Fotoladen auf, outet sich, wird zum Sprachrohr der Schwulen. Mit seinem umwerfenden Charme, Witz, Kampfgeist und Hartnäckigkeit mobilisiert er Helfer und zieht Wähler auf seine Seite. Van Sant zeichnet Milks politischen Werdegang nach, seine "Grassroots"-Bewegung und seine Männerlieben, bis zu dem gewaltsamen Tod im Alter von 48 Jahren. Dabei hält er sich ganz im Stil des traditionellen Erzählkinos eng an die Fakten. ",Milk' ist eine faszinierende, vielschichtige Geschichtsstunde", begeisterte sich die "New York Times". Der Film handle von "fast allem - Liebe, Tod, Politik, Sex und Modernität - ohne die innigen Details der Geschichte aus den Augen zu verlieren". Sean Penn, der sich als verzweifelter Vater in dem Drama "Mystic River" 2004 einen Oscar holte, ist diesmal ernst, sanft, witzig, kämpferisch, mitfühlend, charmant, leidenschaftlich und durchtrieben, genau so, wie Milk von Freunden und Zeitzeugen beschrieben wird. Von Berührungsängsten mit einer Schwulenrolle keine Spur. "Als Schauspieler spielen wir weder schwul noch heterosexuell. Wir spielen Menschen und auf diesen Film sind alle Beteiligten ungeheuer stolz. Dies ist eine Geschichte über gleiche Rechte für alle Menschen", sagte Penn Ende Januar zu Tränen gerührt in einer Dankesrede. Die US-Schauspielergewerkschaft SAG hatte ihn zum besten Schauspieler gekürt. Zur Star-Besetzung zählen neben Penn, Brolin und Franco auch Diego Luna als einer von Milks Liebhabern und Emile Hirsch als sein enger politischer Vertrauter Cleve Jones. Jones ist einer von über 40 Zeitzeugen, der Drehbuchautor Dustin Lance Black Rede und Antwort stand. Black, der als heimlich schwuler Mormone in Texas aufwuchs, gilt als Oscar-Favorit für das beste Original-Drehbuch. Seit Anfang der 90er-Jahre riss sich Hollywood um den fesselnden Stoff. Robin Williams, Kevin Spacey und Richard Gere wollten Milk spielen, Oliver Stone und "Operation Walküre"-Regisseur Bryan Singer wollten Regie führen. Mal stimmte das Drehbuch nicht, mal fehlte das Geld, dann legte der Autorenstreik in Hollywood das Projekt auf Eis. Für bescheidene 20 Millionen Dollar lieferte Van Sant ein wertvolles Kunstwerk ab. Jetzt fehlt nur noch der Oscar. Einen holte sich Milk bereits, als 1985 "The Times of Harvey Milk" zum besten Dokumentarfilm gekürt wurde.