Das Konzert beginnt lange vor der Vorstellung. Vögel zwitschern in den Mammutbäumen, Insekten summen zwischen den seltenen Rosen und in den an üppige Bauerngärten erinnernden Malven und Phlox-Stauden. Verweilen an der chinesischen Wiesenraute, die den Namen Sehnsuchtsort trägt. Vom Schutt geretteter Sandstein verbindet sich mit der Natur. Steinerne Wege aber gibt es nicht. Auf einem grasweichen Teppich gehen die Besucher in diesem Pfarrgarten voller Düfte umher. Wie in einem Wohnzimmer im Grünen.

Die Grenzen zwischen drinnen und draußen verwischen sich auch im Musikpavillon, der vor 20 Jahren erbaut wurde. Auf dem Dach blüht und grünt es, und gläserne Wände geben den Blick in den Garten frei.

Eine einzigartige Naturkulisse, bei der ein Künstler seine Hand im Spiel hat. Hanspeter Bethke, auf der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein studierte er Malerei und Grafik, modelliert seit 1967 diesen Garten mit seinen verwunschenen Ecken, lauschigen Plätzen und überraschenden Sichtachsen. Gezähmtes und Ungezähmtes haben hier ihren Raum, stachlige Kakteen und Bambus, der den seit 20 Jahren beliebten Bambusfesten seinen Namen gibt.

Eine Mannigfaltigkeit wie im Paradies. Mehr als 3000 Sorten und Arten hat ein Diplomand gezählt. Allein von den Rosen blühen hier 300 verschiedene Arten. "Wobei die echten Raritäten sich nicht vordrängen. Sie sind beinahe unscheinbar und doch ein großer Schatz", bemerkt Hanspeter Bethke, der viele Rosen selbst aus dem Samen gezogen hat.

Als sein botanischer Garten in Halle einem Plattenbau weichen musste, lud er ihn, nun zumindestens die ihm am meisten ans Herz gewachsenen Pflanzen, auf den Umzugswagen und zog zu seinem Partner Karl-Heinrich Zahn. Mehr als 50 Jahre kennen sich die beiden. Vor acht Jahren gaben sie sich auch standesamtlich das Ja-Wort.

Ende der Sechziger hatte Karl-Heinrich Zahn die Pfarrstelle in Saxdorf übernommen. Der alte Garten ringsum aber war eine Wüstenei, den die Melioration hinterlassen hatte. Ein auch aus dem Schutt geretteter Engel weist nun auf den ersten Baum, den Schöpfer Bethke hier 1967 gepflanzt hat. Der Urwald-Mammutbaum gehört zu den Ältesten im Land Brandenburg, sind doch diese tertiären Relikte in China erst in den 50er-Jahren entdeckt worden, berichtet dieser. Nicht weit davon entfernt streckt sich der Pücklerbaum. Ein Bergmammut, allerdings von recht mickriger Gestalt. Karl-Heinrich Zahn hat den verbrieften fürstlichen Abkömmling als Zapfen in Bad Liebenstein entdeckt.

Und so steckt dieser Garten nicht nur voller seltener Schönheiten, sondern auch voller außergewöhnlicher Geschichten. Bevor es zum Musikpavillon geht, erzählt Karl-Heinrich Zahn noch von seiner jüngsten Errungenschaft. Im Frühjahr pflanzte er einen Korbiniansapfel. Aus Samen hatte ihn Pfarrer Korbinian Aigner 1944 im Konzentrationslager Dachau gezogen. Er säte mehrere Apfelkerne zwischen den Baracken aus. Und als ihm die Flucht gelang, nahm er die jungen Pflänzchen mit und ließ sie Wurzeln schlagen in seinem Garten. Die widerstandsfähigste Sorte bekam später seinen Namen: "Ein schönes Zeichen für Überlebenswillen", meint Pfarrer Zahn und merkt nebenbei an, dass er am Namenstag von Korbinian am 8. September seinen eigenen Geburtstag feiert, in diesem Jahr den 75.

Auch sein Partner geht schon auf die 80 zu, und so werden die Fragen um die Zukunft des Gartenkunstwerkes und der Saxdorfer Sommermusiken immer drängender: "Natürlich fällt es uns schwer, das alles aus der Hand zu geben, aber es braucht natürlich jüngere Hände", sagt Pfarrer Zahn, der noch heute Vorsitzender eines Vereins ist, der sich nach der Wende gegründet hatte, um Gartenkunstwerk und Musiksommer noch mehr zum Blühen zu bringen. Doch auch die Vereinsmitglieder sind inzwischen längst in die Jahre gekommen. Eine gute Seele aber werkelt noch immer in Garten und Küche: Rosmarie Stamm, die einst als ABM-Kraft hier aushalf und nun ehrenamtlich dabei geblieben ist. Jörg Schuster aus Chemnitz hat hier vor Jahren mit seiner Sportgruppe einen Baum gepflanzt. Heute kümmert er sich darum, dass der Garten im World Wide Web auf dem neuesten Stand ist. So waren in den letzten Jahren immer wieder Freunde und Bekannte aus ganz Deutschland mit um den Erhalt dieses Kleinods bemüht. Spenden, zum Beispiel von der Sparkassenstiftung, halten es über Wasser.

Der Maler Hanspeter Bethke und Pfarrer Karl-Heinrich Zahn aber haben diesen Sehnsuchtsort geschaffen und immer wieder in Musik getaucht. Die kleine Kirche allerdings war Ende der 1960er-Jahre ziemlich heruntergekommen. "Ein Glücksfall war, dass Bethke sofort mit der Restaurierung begann und seine Freunde mitbrachte", erinnert sich der Pfarrer. Durch Zufall legten sie zwei farbige Fresken frei. Eine zeigt die Madonnenlilie, der Jungfrau Maria als Zeichen der Reinheit geweiht. 1974 war die Kirche wieder vorzeigbar. Damals, vor 40 Jahren, begründete Pfarrer Zahn die Saxdorfer Sommermusiken. Auf jungfräulichem Boden fand dann 20 Jahre später eines der drei Konzerte zur Eröffnung des Musikpavillons statt.

Drei Tage lang wurde mit Klassik und Jazz gefeiert, hatten doch Fördergelder, die nun längst nur noch vom Kulturamt fließen, dieses Kleinod ermöglicht. Das erste Konzert bestritt Johann Plietzsch, der auch beim ersten Sommerkonzert in Saxdorf vor 40 Jahren dabei war und nun auch am 20. September zum Jubiläumskonzert spielen wird. Danach kamen die Ost-Rocker um Dirk Zöllner. Von Jazzmusiker Baby Sommer aber hatte sich Maler Bethke eine ganz besondere Musik gewünscht: "Das Gebet einer Jungfrau" einer polnischen Komponistin. Als die Musik verklang, sprang eine mehr als 90 Jahre alte Dame auf, warf ihre Krücken weg und ging mit bewegten Worten auf die Musiker zu: "Das haben wir im Mädchenpensionat immer gespielt", erzählt der Pfarrer von der wundersamen Spontanheilung.

"Wenn sich nur auch unsere Sorgen so spontan in Luft auflösen könnten", hofft er gemeinsam mit Maler Bethke auf eine Stiftung, die die Zukunft des Gartenkunstwerkes und der Saxdorfer Sommermusiken sichern könnte. Bethke merkt noch mit der Weisheit des Gartenkünstlers an: "Pflanzen muss man weitergeben, damit sie nicht aussterben."

www. saxdorf.de

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Die nächsten Höhepunkte im Jubiläumsjahr 26. Juli, 16 Uhr: Vocalis Ensemble Dresden, ehemalige Kruzianer 9. August ab 10 Uhr: 20.Bambusfest, 15 Uhr Konzert "Bradbury Pop". 10. August ab 10 Uhr 20. Bambusfest, 15 Uhr Konzert "Big Ben".20. September 16 Uhr: 40 Jahre Saxdorfer Sommermusiken: Konzert mit der Compania Musici, Leitung: Johann Plietzsch.3. Oktober, 16 Uhr: 20 Jahre Saxdorfer Musikpavillon: Klavierkonzert mit Andreas Göbel. Der Pfarrgarten in Saxdorf ist von April bis Mitte Oktober mittwochs, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie in Verbindung mit den Konzerten geöffnet. Größere Besuchergruppen werden um Anmeldung gebeten.Die Schöpfer und Inspiratoren: Hanspeter Bethke, Maler und Grafiker, seit 1967 Gestaltung des Gartenkunstwerkes "Pfarrgarten Saxdorf". Karl-Heinrich Zahn, seit 1967 Pfarrstelle in Saxdorf und Umgebung; 1999 Bundesverdienstkreuz für die kulturelle Tätigkeit in Saxdorf. In der Rangliste unter den schönsten Brandenburger Gärten nimmt dieses gut 10 000 Quadratmeter umfassende Gartenkunstwerk den 15. Platz ein.