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"Spaß macht es nur, solange man mitspielen darf"

Einen vergnüglichen Abend versprechen Matthias Oldag (l.) und Evan Christ.
Einen vergnüglichen Abend versprechen Matthias Oldag (l.) und Evan Christ. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Matthias Oldag inszeniert die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Staatstheater Cottbus. Am Samstag ist Premiere. Ida Kretzschmar

Der Opernregisseur und der Cottbuser Generalmusikdirektor haben eine gemeinsame Vergangenheit. Und zu dieser passt auch die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", die am 11. März in Cottbus Premiere haben wird. Uraufgeführt wurde sie nämlich in Leipzig. Das ist auch die Stadt, in der sich Matthias Oldag und Evan Christ zum ersten Mal trafen. Während die Uraufführung der einzigen Oper des genialen Duos Brecht-Weill im Jahre 1930 ein Fiasko wurde, bevor sie in Berlin und nach ihrer Wiederauferstehung in den 50er-Jahren zu weltweitem Ruhm gelangte, wurde die Begegnung der beiden Musikliebhaber 1998 geradezu königlich gekrönt.

Matthias Oldag war zum Prorektor an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig gewählt worden, wo er bis heute als Professor für die szenische Ausbildung der Gesangsstudenten verantwortlich ist. "Eines Tages stand ein begabter, sehr energischer Student aus Amerika in der Tür und sagte: ,Ich möchte ein Orchester gründen'", erinnert sich der 62-Jährige. Und Evan Christ habe es tatsächlich geschafft. Er gründete das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig, das noch immer von sich reden macht. "Evan Christ hat dieses Studentenorchester mit so viel Energie und künstlerischem Vermögen auf den Weg gebracht, sodass wir nicht anders konnten, als es dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zu empfehlen, der sich für seinen Staatsbesuch in Norwegen ein junges Orchester als Begleitung gewünscht hatte. Für Matthias Oldag und Evan Christ ist diese Reise nach Oslo noch in bester Erinnerung, zumal auch die königliche Familie sehr angetan vom Konzert war, was während einer langen Party noch ausgiebig mit dem Prinzen erörtert wurde, der zufällig in den USA studiert hatte . . .

Seit fast neun Jahren ist Evan Christ inzwischen nun schon Generalmusikdirektor am Staatstheater Cottbus. Und glückliche Fügung: Die Brecht/Weill-Oper ist nun für Evan Christ, der die musikalische Leitung übernimmt, die erste gemeinsame Arbeit mit seinem ehemaligen Prorektor, der Regie führt. "Ich habe natürlich erlebt, wie Matthias Oldag 2013 in Cottbus ,Carmen' inszeniert hat. Er hat eine sehr schöne frische Art, und auch jetzt hat er alles perfekt zusammengefügt", freut sich Evan Christ, mit seinen 46 Jahren einer der jüngsten Generalmusikdirektoren Deutschlands.

In der Regie von Matthias Oldag, der schon an die 90 Musiktheaterstücke an verschiedenen Theatern inszeniert hat, verwandelt Barbara Blaschke, die auch für die Kostüme sorgt, die Bühne einfallsreich in ein Zentrum scheinbaren Glücks. Das hinfällige Gerippe eines alten Karussells wird Ausgangspunkt der harten Realität, die mit dem Versprechen von Glückseligkeit einhergeht.

Die neue Stadt Mahagonny, ein Ort im Nirgendwo, zieht sie alle an wie ein Magnet. Auch Jimmy Mahoney will nach harten Holzfällerjahren endlich seinen Spaß haben: Mädchen, Whisky und Boxkämpfe locken verheißungsvoll.

"Denn wie man sich bettet, so liegt man. Es deckt einen da keiner zu. Und wenn einer tritt, dann bin ich es. Und wird einer getreten, dann bist's du", zitiert Oldag aus einem der Brecht-Songs. Was schon offenbart: Auf lange Sicht kann dieses "Mahagonny" mit seiner glitzernden Fassade und den Verheißungen der Zufriedenheit nicht bestehen. "Spaß macht es nur, solange man mitspielen darf", sagt Oldag, der dennoch eine sehr unterhaltsame Oper verspricht. "Kurt Weill, der nach Hitlers Machtergreifung über Frankreich in die USA floh und dort mit seinen Kompositionen sehr erfolgreich wurde, wollte die Oper mit den Mitteln der Oper neu erfinden", erzählt der Regisseur. Der jüdische Komponist gehörte zu den Widerspruchsgeistern der Weimarer Republik, fragte: Warum muss neue Musik so schwer sein? Warum darf sie den Leuten nicht gefallen? Und so mischte er in sein Mahagonny kräftige Jazzfarben, schuf einen regelrechten Big-Band-Sound, vertonte freche Brechtsongs.

Dennoch ist es Musik für ein ganzes Orchester, was Evan Christ total begeistert. Und von Weill ausdrücklich verfügt wurde, worauf Matthias Oldag aufmerksam macht. Im Gegensatz zur "Dreigroschenoper" müsse Mahagonny auch ausdrücklich mit Opernsängern besetzt werden. "Das Pikante daran war: Weill hat nur eine einzige Ausnahme zugelassen. Seine Frau Lotte Lenya durfte als Schauspielerin dabei sein", gibt Oldag zum besten.

In Cottbus aber sind das Opernensemble und das große Orchester gefragt, Jazz und Blues in Allianz mit Schlager-Parodien und "Hits" klassischer Musik bilden gemeinsam den Sound der Oper, der unnachahmlich vom Berlin der 20er-Jahre erzählt und einen unterhaltsamen Abend garantiert.

"Bertolt Brechts Libretto sorgt ebenso vielschichtig - sarkastisch, lustvoll und maßlos - für Vergnügen. Auch für das Vergnügen am Denken", bemerkt der Regisseur. Denn schließlich werde auch ziemlich deutlich klar: "Du darfst alles, nur kein Geld haben, das darfst du nicht."

Und so passt auch diese Inszenierung sehr in die heutige Zeit. "Mahagonny ist doch längst schon überall", sagt Oldag. "Und wir empfinden auch sehr deutlich, wie die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die westlichen Werte, die wir mit der Wende so sehr begrüßt haben, zu zerbröseln drohen." Schon bei der öffentlichen Probe war spürbar: Die Frage, wo das Glück zu finden ist, bewegt die Menschen.

Evan Christ indes interessiert an dieser Premiere noch etwas ganz besonders. "Für Mahagonny hat Las Vegas Pate gestanden. Die Stadt, in der ich aufwuchs. Aus dem Nichts erbaut. Wobei ich sagen muss: Die Glitzerwelt habe ich dort nur selten gesehen", lacht er.

Zum Thema:
Gegründet wird die Stadt Mahagonny als letzter Coup der Ganoven Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses, die in einem maroden Vergnügungspark stranden. Die drei versuchen es mit dem großen Geschäft der Vergnüglichkeiten, und für einen kurzen Moment blüht Mahagonny auf. Karten für die Premiere am Samstag, 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters und die nächsten Vorstellungen im Besucherservice, Ticket-Tel.: 0355/ 78242424 und im Internet unter www.staatstheater-cottbus.de