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| 17:51 Uhr

Soundtrack für ein fettes Muttersöhnchen

Zwei Künstler verschmelzen gleichsam zu einem Albtraum: Matthias Brandt (r.) und Jens Thomas interpretieren "Psycho".
Zwei Künstler verschmelzen gleichsam zu einem Albtraum: Matthias Brandt (r.) und Jens Thomas interpretieren "Psycho". FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Es war, als schaute Sonntagabend Altmeister Hitchcock persönlich durch ein winziges Loch des dunklen Theatervorhangs auf die Bühne. Schauspieler Matthias Brandt und Musiker Jens Thomas verwandelten sie in den Schauplatz seines Meisterwerks "Psycho". Ida Kretzschmar

Unheildrohende Musik erfüllt das Cottbuser Staatstheater, psychedelische Klänge und Gesänge, die von weither zu kommen scheinen. Jens Thomas holt sie aus seinem Steinway-Flügel hervor, aus seinen Stimmbändern, aus allen Körperteilen seines Instruments.

Schauspieler Matthias Brandt, bekannt und verehrt als Kommissar Hans von Meuffels im Polizeiruf 110, steht hier auf der anderen Seite des Gesetzes. Er wechselt einen undurchdringlichen Blick mit dem Pianisten, geht an seinen Platz am Lesetischchen. Ein unterdrückter Schrei schwebt in der Luft. Dann bricht er sich gellend Bahn.

Der Schauspieler verwandelt sich in Norman Bates, den kauzigen Motel-Betreiber an einer abgelegenen Landstraße, den Robert Bloch in seinem Roman "Psycho" zum Leben erweckte und Alfred Hitchcock in einem filmischen Jahrhundertwerk verewigte.

Was für ein Akt schon, als er die Tischlampe anknipst, die seine Mutter anschaffte - wie sie alles in seinem Leben regelte. Die Erzählung fließt ruhig dahin, sanft zuweilen und scheu. Von jähzornigen Ausbrüchen unterbrochen, lässt der grandiose Erzähler die mehr als 450 Zuschauer in die seelischen Abgründe eines "großen, fetten, gemästeten Müttersöhnchens" abtauchen. Ein Psychogramm, das andere Blickwinkel ermöglicht, als in der Verkörperung von Anthony Perkins in Hitchcocks Kultfilm.

Zu Hochform läuft Brandt auf, wenn sich seine Stimme verändert. Dann gehört sie nicht mehr Bates, sondern ist sie die fispelnde, keifende, nörgelnde, hysterische oder grässlich kichernde Stimme der Mutter. Dann ist der Mann wieder bei sich. Hört, wie sich Schritte nähern, es an der Tür dieses abseits gelegenen Motels schrillt.

Regen, Dunkelheit in Musik getaucht. Norman bittet die junge Dame Mary, die sich verfahren hat, mit schüchterner Stimme herein, gibt ihr ein Zimmer. Da ist sie, die Duschnische. Die Stimmung der Zuschauer ist zum Bersten gespannt. Mit einem Schauer über dem Rücken, begleitet von dumpfen Geräuschen aus dem Inneren des Klaviers, nehmen sie das Aufblitzen in den Augen des Vortragenden wahr. Schon haben sie die Bilder im Kopf, die da kommen werden. Aber noch gibt sich der Mann verlegen und menschenscheu. Der Jähzorn erwacht, als Mary in ihm das Muttersöhnchen entdeckt. Dann wieder ein verirrtes Kichern. Erbarmungslos zieht Matthias Brandt das Publikum in die Duschszene: Mary hört nicht die sich nähernden Schritte. Der Dampf des heißen Wassers verbirgt das Gesicht hinter der Scheibe, glasige Augen, nicht menschenähnlich. Das Gesicht einer irren alten Frau. "In der Hand hält sie ein Schlachtermesser, das erst Marys Schrei abschneidet - und dann ihren Kopf."

Ein grandioser Vortrag, fast körperlich saugt Brandt die Rolle auf, mit einem Glas Wasser statt Whiskey Angst und Drangsal löschend. Harte Akkorde auf dem Klavier, ein gellender Gesang. Nach diskreten Klängen im Hintergrund lässt schließlich Jens Thomas den schleichenden Identitätsverlust des mörderischen Psychopathen mit hoch gesungenen Falsett-Tönen und AC/DC-Songs schmerzhaft spürbar werden. Krächzende, gurgelnde, sabbernde Töne, die mit dem flackernden Wahn auf der anderen Seite korrespondieren und in eine beklemmende Starre münden. Dabei verschmelzen gleichsam die Figuren auf der Bühne zu einem einzigen nervösen Albtraum, schaffen den Soundtrack für einen Psychopathen.

Mit großem Jubel quittiert das Publikum die gelungene Schockvorstellung, wobei die beiden Künstler nach dem fünften Vorhang auch gemeinsam den Song "Highway To Hell" zum besten geben, die als Norman-Bates-Hymne schlechthin gelten kann.

"In ,Psycho' habe ich das Publikum geführt, als ob ich auf einer Orgel gespielt hätte", soll Alfred Hitchcock über seinen Film gesagt haben. Bei diesem musikalischen Kopf-Kino haben zwei wirklich alle Register gezogen.