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| 17:36 Uhr

„Sehnsucht nach Konstantinopel“
Diese Neugier auf jene ferne Welt

„Sehnsucht nach Konstantinopel“: Kuratorin Silke Kreibich platziert einen Armlehnstuhl, einen Nähtisch mit aufklappbarer Platte und einen Beistelltisch um 1850 aus dem Besitz des Architekten Carl von Diebitsch.
„Sehnsucht nach Konstantinopel“: Kuratorin Silke Kreibich platziert einen Armlehnstuhl, einen Nähtisch mit aufklappbarer Platte und einen Beistelltisch um 1850 aus dem Besitz des Architekten Carl von Diebitsch. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine Sonderausstellung im Branitzer Schloss beleuchtet ab Sonnabend die Beziehung Europas zum Orient in Pücklers Zeit und wirft Schlaglichter in die Gegenwart. Renate Marschall

  Hat man dieser Tage eher den Eindruck, der Orient sucht Europa, so war das im 19. Jahrhundert umgekehrt. Fremd und geheimnisvoll beflügelte er die Fantasie, zog er Weltenbummler aus ganz Europa in seinen Bann. Einer von ihnen:  Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Dieser Neugier auf jene ferne Welt spürt die Sonderausstellung „Sehnsucht nach Konstantinopel. Europa sucht den Orient“, die am Sonnabend (26. Mai) um 15 Uhr im Schloss Branitz eröffnet wird, nach.

Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller zog es in die Ferne, und sie befeuerten mit ihren Berichten und Bildern den Orient-Hype in Europa. Vor allem die Weltausstellungen ab 1851 trugen dazu bei, dass es en vogue wurde, sich den Orient nach Hause zu holen. Architekten bauten, meist im Auftrag reicher Adliger, ganze Gebäude oder Räume im orientalischen Stil, Gartenanlagen wurden mit Pyramiden, Pagoden, Tempeln geschmückt. Über seine Ideen für den Muskauer Badepark etwa schrieb Pückler, dass er den Plan gefasst habe, „ihn fast im Geschmack eines orientalischen Gartens, mit verschiedenen bunten Pavillons auf den steilen und abgerissenen Höhen, zu behandeln.“ Leider blieb davon wenig übrig. In Branitz dagegen gibt es viele Zeugnisse, im Park sind die Pyramiden am augenfälligsten und im Schloss natürlich Türkisches Zimmer, Kabinett und Pfeifenzimmer, die gerade restauriert werden. Einen Blick kann man aber schon mal hineinwerfen, verspricht Simone Neuhäuser, Kustodin der Stiftung Park und Schloss Branitz.

In einem der Ausstellungsräume hängt eine übergroße Lithografie von der Weltausstellung in London 1851, außerdem Darstellungen verschiedenster Orientzimmer, beispielsweise ein Aquarell vom Indischen Kabinett in der Wohnung des Prinzen Waldemar im Berliner Schloss. Wie die meisten Exponate werden sie zum ersten Mal gezeigt.

Wer sich das Reisen nicht leisten konnte, musste nicht verzichten. Die Nippes-Industrie war damals schon auf der Höhe der Zeit. So gab es einen Lampenschirm als Neuruppiner Bilderbogen zum Selberbasteln mit Darstellungen des Orients und entsprechend gekleideten Figuren. Ein Papiertheater gab Gelegenheit, die Vorstellungen von der fernen Welt im Spiel umzusetzen, und schließlich konnte man per Diorama fernsehen.

Wer selbst reiste, brachte an Souvenirs mit, was die Reisekasse hergab. Fürst Pückler tat das zwischen 1834 und 1840 kistenweise und versäumte auch nicht, Briefen an seine Frau Lucie Listen der Gegenstände beizulegen. Prachtvoll gearbeitete Waffen, eine syro-persische Koffertruhe mit Perlmuttintarsien, der Torso einer Osirisfigur, ein ägyptischer Kanopenkrug mit Falkenkopf, der Stirnziegel eines Vorgängerbaus des Parthenon in Athen. Griechenland war damals Teil des Osmanischen Reiches, eine Ursache der gepflegten Feindschaft zwischen Griechen und Türken bis heute. Aber auch Indien, China und Japan bezeichnete man damals als Orient. Weshalb das eine oder andere Exponat asiatischer Kunst in dieser Ausstellung richtig ist.

Leider beschränkte sich die Begeisterung für das Fremdartige nicht nur auf Objekte. Es war chic, seinen Mohren zu haben. Pückler schrieb 1838 an Lucie über seine „Erwerbungen“: „1) zwey weibliche Sclavinnen, wovon die eine nur zehn Jahre alt u. schon längst keine Jungfer mehr ist 2) zwey Dir schon bekannte Knaben, der Abyssinier und der Neger“. Das Mädchen Machbuba und der Junge Joladour, beide noch Kinder, begleiteten ihn in orientalischen Kostümen nach Wien. Bei Hofe wollte er mit ihnen Furore machen. Ein dunkles Kapitel im Leben Pücklers, das er später zwar in Bezug auf Machbuba, die einsam in Muskau starb, zu schönen suchte. Ihre Totenmaske und neue wissenschaftliche Erkenntnisse widersprechen ihm.

Pücklers Reisebeschreibungen waren eine damals gern gelesene Lektüre und finanzierten seinen Aufenthalt mit. Aber der Fürst hatte weitergehende berufliche Vorstellungen im Orient. Er wollte Botschafter in Konstantinopel, das einst als Byzanz gegründet wurde und heute Istanbul heißt, werden. Seit 1761 unterhielten Preußen und das Osmanische Reich diplomatische Beziehungen. Ein Posten als Botschafter dort war ein Sprung auf  die Karriereleiter. Pückler hoffte auf die Vermittlung seines Schwiegervaters Karl August von Hardenberg, aber er hatte auch zahlreiche Gegenspieler, die den extravaganten Fürsten nicht leiden konnten. So blieb es beim Wunsch. Eine Personen-Galerie nebst Erklärung in einem die Ausstellungsstücke auch sonst beschreibenden Booklet geben Aufschluss über diejenigen, die damals die Fäden zogen.

Zeitlebens verstand sich Pückler als Mittler zwischen den Kulturen, der keinen Widerspruch sah zwischen Christentum und Islam, der das Fremde neugierig annahm, ein Weltenbürger war und damit manchem Zeitgenossen heute weit voraus.

Ausstellung bis 25. November, Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.