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Cottbus
Die Ästhetik der Mondlandschaft

Tagebau Welzow III, 2012
Tagebau Welzow III, 2012 FOTO: Valerio
Cottbus. Ausstellung im Schloss Branitz zeigt eindrucksvolle Bilder von der Lausitz im Wandel. Von Renate Marschall

Sie passt bestens ins Branitzer Schloss, die kürzlich eröffnete Fotografie-Wanderausstellung „Berg­baufolgelandschaft. Lausitz im Wandel“. Schließlich habe auch der Fürst als Gartenkünstler eine künstliche Kulturlandschaft aus dem märkischen Sand entstehen lassen, sagt Kuratorin Simone Neuhäuser. Zudem sei Pückler begeistert gewesen von dem zu seiner Zeit einsetzenden industriellen Aufschwung. Anknüpfungspunkte, die sich auch die von 2000 bis 2010 in der Lausitz stattfindende Internationale Bauausstellung (IBA) „Fürst-Pückler-Land“ zu eigen machte und besagten Wandel enorm beförderte.

Es ist noch gar nicht so lange her, da glich die Lausitz in weiten Teilen einer Mondlandschaft – entstanden durch den Braunkohleabbau. Noch 1985 arbeiteten 140 000 Menschen in der Kohle, konnten gut davon leben. Andererseits hatten zahlreiche Dörfer dem wachsenden Energiehunger weichen müssen. Menschen verloren ihre Heimat, leiden zum Teil bis heute unter der Entwurzelung.

Als 1990 viele der unrentablen Tagebaue geschlossen wurden, war das Ausmaß der Wunden, die die riesigen Bagger im Revier zwischen Brandenburg und Sachsen hinterlassen hatten, gewaltig. Auf 800 Quadratkilometern Fläche war das Unterste zuoberst gekehrt worden – eine hässliche Kraterlandschaft blieb zurück. Und doch, wie viel Ästhetik ist, wenn man nur den richtigen Blick dafür hat, in ihr zu finden.

Die Ausstellung ist, wie Simone Neuhäuser erzählt, 2015 als Beitrag zum Themenjahr „Gestalten, nutzen, bewahren. Landschaft im Wandel“ von Kulturland Brandenburg entstanden. Die Macher konnten dafür auf eine Fülle hochwertiger Arbeiten zurückgreifen, die während dreier IBA-Workshops 2001, 2006 und 2012 entstanden. Zu sehen sind nun etwa 60 zum Teil sehr verschiedene künstlerische Handschriften von Fotografen aus zehn Ländern.

Gleich im ersten Ausstellungsraum springt einen förmlich das Bild eines futuristisch anmutenden gelben Gefährts an. Ein Schwimmfahrzeug mit Rutsche am Geierswalder See, das irgendwie im Ufersand stecken geblieben scheint. Ester Hav­lova aus Tschechien hat es 2012 fotografiert, da ist der Wandel schon deutlich sichtbar. Wie auch in Uwe Jacobshagens „Pritzen“. Die Findlinge am unteren Bildrand, aus der Tiefe der Erde gewühlt, verweisen auf den Ursprung dieser Landschaft. Wald und See im Hintergrund, die Vegetation, die sich zwischen den Steinen behauptet, zeigt, in das einst scheinbar tote Erdreich ist neues Leben eingezogen.

Wie trostlos sind dagegen viele der Fotografien von 2001. Sie zeigen stillgelegte, ja demontierte Anlagen, auch Verfall, so die Aufnahme des Cottbuser Fotografen Thomas Kläber  „Lausitzer Landschaften 1“. Der Bautzener Jürgen Matschie wiederum hat einen Kraftwerksarbeiter in Brieske im Bild festgehalten, der inmitten von Trümmern und der wild daraus hervorragenden Stahlbewehrung steht. Solche Erfahrungen haben viele in der Lausitz gemacht, ihre oft letzte Arbeit war die Demontage ihres Arbeitsplatzes.

Eine ganz eigene Bildsprache haben die Arbeiten, die direkt im Tagebau entstanden. Hier ist vor allem eine starke Orientierung auf grafische Strukturen und ungewöhnliche Perspektiven erkennbar, die an die Fotokunst eines Alexander Rodtschenko erinnert. Besonders augenscheinlich in den Fotografien der Italienerin Roberta Valerio in „Tagebau Welzow III“ oder noch eindrucksvoller in „Schwarze Pumpe“ beziehungsweise „Landmarke Seenland“.

In der Ausstellung nehmen die Fotografien des Berliners Walter Liepe einen herausragenden Platz ein. Er fand zwischen 1999 und 2012 im stillgelegten Tagebau Meuro seine Motive. Farben und Strukturen interessieren ihn ebenso wie erste vorsichtige Übernahmeversuche der Natur auf das vernutzte Land. Das alles fasst sein Bild „Rückzug der Maschinen“ zusammen. Im Vordergrund eine wilde, herbstliche Wiese, dahinter Abraumhalden und in der Ferne kaum noch sichtbar Absetzer. 2000 beobachtet er „Naherholung im Frühstadium“.

Landschaft im Wandel. Die jüngsten Fotos der Ausstellung sind von 2012, doch wie viel hat sich seither hier schon wieder verändert. Häfen sind entstanden, viele der Seen verbunden, und in Cottbus füllt sich der größte von ihnen. Landschaftsgestaltung, die auch den Fürsten reizen würde.

Ausstellung bis 2. Mai im Schloss Branitz. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Naherholung im Frühstadium, Meuro, 2000
Naherholung im Frühstadium, Meuro, 2000 FOTO: Liepe