ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:42 Uhr

Interview mit Uschi Brüning
Sie kann Gänsehaut wachsen lassen

 Uschi Brüning ist am 8. September in Senftenberg zu erleben.
Uschi Brüning ist am 8. September in Senftenberg zu erleben. FOTO: Reiner Mnich
Senftenberg. „So wie ich“– Die große Jazz-Sängerin der DDR erzählt und singt am 8. September an der Neuen Bühne Senftenberg. Von Heidrun Seidel

Mit der Leidenschaft ihres Gesangs berührt sie ihr Publikum seit Generationen. Dieses kann die faszinierende Stimme der Grande Dame des Jazz und Soul nicht nur in Konzerten mit großartigen Musikern, sondern, seit Anfang des Jahres ihre Autobiografie „So wie ich“ erschienen ist, auch in musikalischen Lesungen erleben: Uschi Brüning (72) erzählt, wie es dazu kam.

Frau Brüning, Sie wirken eher zurückhaltend, vorsichtig, sogar ein wenig unsicher, wenn es ums Reden geht. Hätten Sie sich vor zwei, drei Jahren vorstellen können, eine Lesereise mit Musik durchs Land anzutreten?

Brüning Überhaupt nicht. Das hätte ich mir selbst gar nicht zugetraut. Und jetzt rede ich nur noch (lacht). Ich hatte auch gar keine Vorstellungen, was das überhaupt bedeutet. Jetzt nach einem guten halben Jahr weiß ich, dass wir eine gute Mischung von Musik und Lesung gefunden haben.  Wir erleben wunderbare und berührende Reaktionen vom Publikum.

Was hatte Sie, die Zurückhaltende, schließlich doch bewogen, sich mit diesem Buch zu öffnen, sehr ehrlich, bescheiden, doch schonungslos mit sich selbst und ganz  frei von irgendwelchen Allüren von Ihrem Leben zu erzählen?

Brüning Vor Jahren hatte schon einmal Manfred Krug zu mir gesagt, schreib deine Geschichte auf, du kannst das. Konkret wurde es aber erst, als ich Krista Maria Schädlich, meine Mitautorin, kennengelernt habe und Kontakt zum Ullstein-Verlag bekam. Es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis, das mir den Mut gab, mich zu öffnen und sehr viel von meinem Leben preiszugeben. Ihr gelang es auch, längst Verschüttetes wieder auszugraben aus meinem Gedächtnis. Sie hat sehr gut recherchiert und mir und bis zu seiner Erkrankung auch Luten (Ernst Ludwig Petrowsky, Uschi Brünings Ehemannn d. A.) mit viel Geduld und wiederholtem Nachfragen auf die Sprünge geholfen, uns zu erinnern. Denn eins war mir schließlich von vornherein klar: Es sollte kein Roman werden, ich kann nur authentisch. So wie ich bin.

Die beschriebene Zurückhaltung ist, wenn Sie den ersten Ton anstimmen, anscheinend verflogen. Sanfte Stimmgewalt, leidenschaftliche Interpretationen berühren und lassen Gänsehaut wachsen. Wie haben Sie Ihre Stimme und damit die Musik für sich entdeckt?

Brüning Ich habe gar nichts entdeckt. Ich habe als Kind einfach gesungen. Wohl anfangs vor allem unbewusst habe ich all meinen Kummer, meine Sehnsüchte, Ängste weggesungen. Andere haben mich entdeckt. Heute weiß ich, dass genau das meine Ausdrucksform ist. Das ganze Ich kommt über den Gesang heraus. Und ich habe auch heute noch Lampenfieber. Schließlich offenbart man sich auf der Bühne, liefert sich schutzlos aus. Wenn die Aufregung weg wäre, wäre wohl auch der Reiz vorbei. Doch mit dem ersten Ton ist alles gut.

Sie beschreiben in Ihrer Autobiografie „So wie ich“ die Kindheit mit der alleinerziehenden Mutter, die Jahre im Kinderheim, Auftritte in ersten Gruppen und dass Sie trotz des frühen Singens erst einmal einen „ordentlichen Beruf“, den der Gerichtssekretärin, in Ihrer Heimatstadt Leipzig erlernt haben, ehe sie einem Ruf von Klaus Lenz in seine Band nach Berlin gefolgt sind. Dabei dürften  ja 80 DDR-Mark pro Auftritt auch nicht gerade viel finanzielle Sicherheit gegeben haben . . .

Brüning Ich fühlte mich wohl in der Arbeit, sie gab so etwas wie Geborgenheit. Das brauchte ich wohl nach Jahren der Unsicherheit. Also saß ich über den Gerichtsakten, und eines Tages hat mich Klaus Lenz, das Non-plus-Ultra des DDR-Jazz,  angerufen und mich gefragt, ob ich in der Band singen würde. Horst Krüger, vielen noch als Bandleader bekannt, hatte mich in Leipzig gehört und mich ihm empfohlen. Und obwohl ich so ein verklemmtes, verhuschtes Mädchen war, hat er mich genommen. Das war sozusagen die Schicksalsfrage in meinem Leben.

Dann gab es einen Ausflug in die populärere Schlagerwelt. So sind Sie 1972 einem größeren Publikum mit dem Lied „Dein Name“ bekannt geworden. Waren Sie da ihrem Traum, berühmt und reich zu werden, nahe?

Brüning Das glaubte ich wohl, auch weil es ein Traum meiner Mutter war, den ich da mit mir herumtrug. In der Welt der Jazzmusiker war so ein Ausflug allerdings verpönt, auch wenn „Dein Name“ vielleicht kein typischer Schlager war. Und mir selbst wurde auch klar, dass ich doch eher den Jazz brauche, eine Musik, in die ich mich hineinfühlen und hineindenken kann und in der ich meine eigenen Gefühle ausdrücken kann. Ich fühle mich in der Anonymität dieser Sprache im  Jazz wohl. So bin ich durch den kleinen Ausflug in die Schlagerwelt zwar nicht reich, aber ein wenig bekannter in der DDR geworden.

Sie haben viele Platten – jüngst erst „So wie ich“ – herausgebracht,  mit Klaus Lenz, Uli Gumpert, Baby Sommer, Conny Bauer, Günther Fischer und vielen anderen hervorragenden Jazz-Musikern gearbeitet. Zwei Männer aber spielen in Ihrem Leben eine besondere Rolle, und nehmen mit vielen Geschichten auch einen großen Platz in Ihrem Buch ein. Wenn Sie für jeden nur einen Satz hätten. Wie würde der lauten?

Brüning Manfred Krug war mein großes Idol, den ich sowohl als Schauspieler und Jazz-Interpret verehrt habe und  der mir zu Selbstbewusstsein und Ruhm verholfen hat und so sehr wichtig für meine Karriere war. Ernst-Ludwig Petrowsky, genannt Luten, ist die Liebe meines Lebens und ein großartiger Musiker, der menschlich und musikalisch viel aus mir herausgeholt hat. Es ist jetzt ein großer Kummer, dass er so krank ist.

Alles Gute für ihn und Sie. Sie singen sich auch jetzt den Kummer von der Seele?

Brüning Ja, so wie ich eben bin. Ich bin viel zu den Lesungen unterwegs, aber auch zu Konzerten, wie letzte Woche mit der wunderbaren Ruth Hohmann, der 88-jährigen Legende des deutschen Jazz. Im Oktober geht es dann weiter mit der Konzerttour „Eine Hommage an Manfred Krug“. Darauf freue ich mich sehr, das ist ein schönes Miteinander mit Fanny Krug, Charles Brauer, Thomas Putensen und der Band, die auch Manfred schon begleitet hat. 2018 waren wir damit auch in Senftenberg im Amphitheater. Nächster Termin ist der 6. Oktober in Görlitz, danach in Hamburg.

Uschi Brüning singt,  liest und signiert am 8. September ab 19.30 Uhr gemeinsam mit Lukas Natschinski (aus der berühmten ostdeutschen Musiker-Familie) an Klavier und Gitarre in der Neuen Bühne Senftenberg. Karten für 15 Euro / ermäßigt zehn Euro unter 03573 801286.

 Uschi Brüning ist am 8. September in Senftenberg zu erleben.
Uschi Brüning ist am 8. September in Senftenberg zu erleben. FOTO: Reiner Mnich