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| 12:36 Uhr

Kultur
So begeistert die Jazzwerkstatt Peitz

 Shreefpunk begeistert das Publikum in der Stüler Kirche mit schrägem Humor aus dem Allgäu und musikalischen Eskapaden: An Alphorn, Trompete und anderem Matthias Schriefl, Alex Eckert (Gitarre), Alex Morsey (Bass, Tuba, Voice), Claudia Schwab (Violine, Trompete, Voice), Marie-Theres Härtel (Viola, Flügelhorn, Voice) und deeLinde (Cello, Tenorhorn, Voice).
Shreefpunk begeistert das Publikum in der Stüler Kirche mit schrägem Humor aus dem Allgäu und musikalischen Eskapaden: An Alphorn, Trompete und anderem Matthias Schriefl, Alex Eckert (Gitarre), Alex Morsey (Bass, Tuba, Voice), Claudia Schwab (Violine, Trompete, Voice), Marie-Theres Härtel (Viola, Flügelhorn, Voice) und deeLinde (Cello, Tenorhorn, Voice). FOTO: Ingrid Hoberg
Peitz. Ein Festival der improvisierten Musik geht nach drei Tagen mit einem Ausblick in die Zukunft zu Ende. Von Ingrid Hoberg

Eitel Sonnenschein in der Stadt: Zur Sommersonnenwende sind die Nächte mit avantgardistischer Musik und Überraschungsmomenten gefüllt worden – die Jazz­werkstatt Nr. 56 ist Geschichte. Es war ein grandioses Fest für alle jene, die den Jazz als hohe Schule der Improvisation und auch Provokation lieben – und die Vibrationen der vergangenen Werkstätten noch spüren.

Bewährt haben sich die Veranstaltungsorte, die in den Jahren der zweiten Ära der Jazzwerkstatt seit 2011 nach und nach von Veranstalter Ulli Blobel erschlossen wurden. Zur Einstimmung auf das Festival öffnete die Stüler Kirche, und damit die Kirchengemeinde um Pfarrer Kurt Malk, am Freitagabend wieder ihre Türen. João Segurado spielte Werke von Johann Sebastian Bach auf der Kirchenorgel. Er ist ein international renommierter Künstler und in der Region durch Kirchenkonzerte wie auch als Lehrer, beispielsweise am Cottbuser Konservatorium, bekannt. Zum Abschluss des Festivals beeindruckte der Portugiese die Besucher des Jazzgottesdienstes am Sonntagmorgen im Zusammenspiel mit dem Posaunisten Nils Wogram, dessen Musik in den Traditionen des Jazz wurzelt – erweitert durch Einflüsse aus anderen musikalischen Richtungen.

Zwischen diesen beiden Eckpunkten gab es 13 weitere Konzerte, die stilistisch weit auseinander lagen und dennoch kein beliebiger Gemischtwarenladen waren. Dem Chicago-Blues als Wurzel nachfolgender Musikstile zollten Solisten wie Bands auf unterschiedliche Weise ihren Tribut. Der Schweizer Posaunist Samuel Blaser folgte mit seinem Projekt „Early in the Morning“ dem Blues als Inspirationsquelle. In Peitz an seiner Seite Oliver Lake (Saxofon), Benoit Delbecq, Masatoshi Kamaguchi (Bass) und Gerry Hemingway (Schlagzeug). Mit US-Amerikaner James Blood Ulmer folgte ein Gitarrist, der auf den Spuren der Bluesgrößen wie Muddy Waters wandelte, mit den Effekten der elektrischen Gitarre perkussiv arbeitete, Jazz und Rock zu seinem eigenen Sound verschmelzen ließ wie bei „Voodoo Child“. Der 77-Jährige war in der kürzesten Nacht dieses Sommers solo auf der Open-Air-Bühne am Festungsturm zu erleben. Der kurzfristige Ortswechsel mit Samuel Blaser, der zuvor in der Stüler Kirche zu hören war, hatte sich als gute Entscheidung des Veranstalters erwiesen.

Wer den ersten Abend gegen Mitternacht meditativ-entspannt ausklingen lassen und so noch emotionalen Raum für das am nächsten Tag folgende Programm lassen wollte, war bei Uwe Kropinski (Gitarre) und Michael Heupel (Flöte) an der richtigen Stelle. Beide sind bekannt für ihre außergewöhnliche Spielweise, mit der sie auch im Peitzer Festungssaal ihre Zuhörer begeisterten. Wer sich die Ohren freiblasen lassen wollte, war in der Malzhausbastei bei Soko Steidle richtig. Die Band um Schlagzeuger Oliver Steidle mit Henrik Walsdorff (Saxofon), Rudi Mahall (Bassklarinette) und Jan Roder (Bass) wurde ergänzt von Gabriel Coburger (Saxofone). Die Fünf schenkten sich und den Zuhörern nichts und trieben sich zu Höchstform an. Eine zweite Auflage von Soko Steidle gab es am Samstagabend, gleiche Stelle, gleiche Uhrzeit.

 Am Samstag ab 15 Uhr war die Jazzgemeinde wieder in der Stüler Kirche versammelt, um dem Vertigo Trombone Quartet von Albert-Mangelsdorff-Preisträger Nils Wogram zu folgen. Mit Andreas Tschopp, Bernhard Bamert und Jan Schreiner hatte er drei Posaunisten an seiner Seite, die sich ebenfalls mit originellen Kompositionen einbrachten – beispielsweise Schreiner (Bassposaune und Tuba) mit einem witzigen „Anabolic Dance“ und Tschopp mit „Herr Schulze sucht das Glück“. Mit „Opinions“ hielt Wogram gegen.

Hätte das Publikum im überwiegend gesetzten Alter dann in eine Nachmittagsstarre verfallen können? Nein, denn da sprang Matthias Schriefl mit seinem Projekt Shreefpunk plus Strings Unplugged auf die Bühne vor dem Altarbild. Gern als Enfant terrible des deutschen Jazz tituliert, zog der 38-jährige Multiinstrumentalist aus dem Allgäu alle Register von Alphornblasen, flotten Sprüchen, der „Brüssel-Ballade“ bis zum Outfit-Wettbewerb unter seinen fünf Musikern. Am Ende hat Shreefpunk alle lieb. Und die Jazzfans lieben Shreefpunk.

 Open-Air-Feeling auf der Bühne am Festungsturm – Joe McPhee (r.) stellt in Peitz sein Projekt „Blue Chicago Blues“ vor.
Open-Air-Feeling auf der Bühne am Festungsturm – Joe McPhee (r.) stellt in Peitz sein Projekt „Blue Chicago Blues“ vor. FOTO: Ingrid Hoberg

Ganz anders, aber nicht weniger temperamentvoll ging Peter Ehwald mit Septuor de Grand Matin im Festungssaal an den Start. Dem musikalischen Powerpaket Ehwald (Saxofone), Richard Koch (Trompete), John Schröder (Piano) und Matthias Akeo Nowak (Bass) setzten Sängerin Almut Kühne und Harfenistin Kathrin Pechlof weibliche Finesse entgegen. Ehwald ließ sich bei seinen Kompositionen vom Licht des Frühlings inspirieren.

Das Sommerabendprogramm wurde fortgesetzt auf der Open-Air-Bühne am Festungsturm mit dem Blue-Chicago-Blues-Projekt von Joe McPhee (Saxofone, Trompete) mit Ken Vandermark (Saxofone), Fred Lonberg-Holm (Cello), John Edwards (Bass) und Klaus Kugel (Schlagzeug). McPhee mischt seit jeher Elemente von Free Jazz, Black Power, Soul, was sich auch in Peitz bewährte.

Kiss The Sky nennt Jean-Paul Bourelly (Gitarre, Vocal, Electronics) sein Trio mit Daryl Taylor (Bass) und Kenny Martin (Schlagzeug). Die drei elektrifizierten nicht nur den Blues, sondern auch das Publikum. Die Zuhörer ließen sie nicht von der Bühne – die Party unter dem Sternenhimmel hätte wohl ewig so weitergehen können.

Zum Ausklang und Herunterschalten gab es dann im Festungssaal mit Jonas Burgwinkels Medusa Beats noch einmal Improvisation und Spielraum für Reflexion – bei den Musikern wie bei den Zuhörern. Der Schlagzeuger hatte dazu Pianist Benoit Delbecq und Bassist Clemens van der Feen mitgebracht. Das Haupt der Medusa brauchten sie jedenfalls nicht, um ihren musikalischen Wurf gelingen zu lassen.

Den letzten Act des Festivals gab es wie gewohnt in der chilligen Atmosphäre der Festungsscheune mit dem Trio Just Another Foundry mit Jonas Engel (Saxofon), Florian Herzog (Bass) und Anthony Greminger (Schlagzeug). Die drei verstehen sich als Kollektivprojekt und spielten souverän zwischen melodischen Parts und brachialer Offenheit – der Improvisation verpflichtet.

So ging das Festival mit Klängen zu Ende, die das Free-Jazz-Publikum in der Jazzwerkstatt Peitz gern weiterhin hören möchte. Die Hoffnung darauf ist nach der Podiumsdiskussion am Samstagvormittag im Rathaus nicht geschwunden.

Ulli Blobel sprach mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Jazzfreund Thomas Decker und seiner Tochter Marie Blobel (37) über die Zukunft des Festivals. „Ich werde im nächsten Jahr 70, da mache ich noch einmal ein Festival mit meinen Old Fellows, mit Musikern, mit denen ich mich verbunden fühle“, sagte er. Erste, frische Ideen brachte Marie Blobel ein, sie arbeitet in Berlin beim Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi als Projektkoordinatorin und betreut eine Jazzreihe auf dem Klunkerkranich in Neukölln. „Ein Traum für Peitz wäre eine Konzertlocation am Wasser“, sagte sie. Eingeladen werden sollten auch junge Bands, die sich schon einen Namen gemacht haben. Es könnte ein Aha-Effekt für das gestandene Festivalpublikum werden. Der Blick soll in Richtung Polen gehen, wo es ein interessiertes Jazzpublikum gibt. Einer Feststellung von Thomas Krüger war nicht zu wiedersprechen: „Das Publikum muss jünger werden!“ Die freien Töne sind für alle Generationen da – tolle, junge Musiker gibt es, wie Peitz zeigte. Mit einem brillanten Solokonzert hatte der Italiener Augusto Pirodda am Flügel im Peitzer Rathaus die Diskussionsrunde vor vollem Haus emotional berührend abgeschlossen.